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Stars an der Fußfessel-Leine: Klotz am Bein

Lindsay Lohan hat sie, und auch Roman Polanski trägt sie am Bein: Die elektronische Fußfessel ist dabei, vom Bewährungs-Symbol zum stylischen Musthave zu avancieren. Eine kleine Geschichte des "bracelet électronique".

Von Jochen Siemens

Ein Gegenstand und so viele Namen: Elektronische Fußfessel sagten wir gerade noch, als die talentüberschaubare US-Schauspielerin Lindsay Lohan in Los Angeles zum Tragen einer solchen zur Kontrolle ihres Alkoholkonsums verurteilt wurde. Da machte Frau Lohan seltsamerweise nicht so ein Gefangenengesicht, wie wir es machen würden, wenn wir solch eine Dose an den Waden kleben hätten. Das liegt wohl auch am Wort. Die Amerikaner sagen "bracelet", was übersetzt Armreif heißt, viel netter und gar nicht nach Strafe klingt und bei vielen Frauen erstmal die Laune erhellt, weil es sich nach Schmuck anhört.

Und auch im Schweizer Chalet von Roman Polanski, an dessen Bein so ein Peilsender den Hausarrest sichern soll, nennen sie es nicht französisch-kerkerig "Abot", sondern "bracelet électronique", was irgendwie eher nach Accesoire oder Navi im Jaguar klingt.

Nun gibt es die elektronischen Überwacher oder auch digitalen Hundeleinen schon seit ein paar Jahren, und wer sie tragen musste, raffte lieber Socken oder Hosenbein drüber. So ein Teil war schließlich "auf Bewährung"-Mode und mitnichten ein Musthave, das man hochhielt wie ein iPhone oder lässig blinken ließ wie eine Rolex. Doch seit die wegen wiederholter Trunkenheit verurteilte Lohan und der in der Schweiz festgehaltene Polanski ihre "bracelets" mit gewissem Opferstolz ertragen, und Frau Lohan es sogar so am Bein zeigt, dass man sieht, wie schlank dasselbe ist, und wie kurz mal wieder das Kleid, hat die Fußfessel neuerdings einen gewissen stylischen Thrill.

Das Glitzer-Modell ist nur eine Frage der Zeit

In den USA haben die Dinger das etwas behördliche Design von CB-Funkgeräten und sind klobig wie Zigarettenschachteln. Aber noch, so lautet ein Scherz in gewissen Kreisen, war Apple ja auch nicht dran - am iBrace oder an einer Brace-App. Jede Wette: Würde Paris Hilton je in die Verlegenheit kommen, ein "AMB", ein "alcohol monitoring bracelet", an die Fessel geschnallt zu bekommen, über Nacht wären rosafarbene Swarowski-Steinen appliziert oder hätte es eine feurig-mediterrane Cavalli-Lackierung.

Ganz nüchtern strafrechtlich hat so ein "Gadget" vor hart urteilenden Hollywood-Gerichten den Duktus des Unartigen. Wer es trägt, darf fast so weiterleben wie bisher, muss keine Toiletten in Gefängnissen putzen, sich nicht von Therapeuten zerlegen oder langweilen lassen und nicht - wie einst Kiefer Sutherland - den Müll an Autobahnen aufsammeln. Hinzu kommt eine fast befremdliche Datenträgheit der Trinkwachtmeister am Bein - ob und wieviel der Überwachte getrunken hat, wird wahlweise nur einmal am Tag oder einmal in der Woche abgeglichen. Das Ding fiept also nicht um sieben Uhr morgens los, falls Lindsay Lohan am Wodka nippt, sondern berichtet es wie ein Monatssaldo.

"Big Brother Light"

Und auch die Polanski'sche Hausarrest-Bewachung ist Gendamerie im Vorgarten. Würde sich der Regisseur einfach über die grüne Grenze nach Frankreich absetzen - frei nach dem Motto: "Ich bin dann mal weg" -, wäre er nicht zu orten. Das Schweizer Gesetz untersagt eine grenzüberschreitende GPS-Überwachung.

Tja, und weil es eben so "Big Brother light" ist, sind die Nachfragen nach der Lohan-Fessel in den USA sprunghaft gestiegen. Tausende besorgter, überforderter oder schlicht fauler Eltern wollten wissen, wie und wo so ein Trinküberwacher zu kaufen ist, in der Hoffnung, die Wochenend-Eskapaden der Kinder nun am heimischen Bildschirm anhand bunter Grafiken kontrollieren zu können.

Der Hersteller Scram ächzte an den Hotlines und musste immer wieder enttäuschen, denn die "Bracelets" sind für den Normalbürger nicht zu kaufen, sonden nur von Gerichten bestellbar. Preis 1500 Dollar. Dafür seien sie aber auch nicht hinters Licht zu führen. Die Sensoren, die jede noch so feine Alkoholausdünstung auf der Haut registrieren, seien wie Detektive, selbst Versuche, Hühnerfleisch oder Hühnerhaut zwischen Bein und Fessel zu schieben, blieben erfolglos, so der Hersteller. Lindsay Lohan akzeptierte die Fessel-Verurteilung übrigens klaglos. Doch sie fragte, ob sie dennoch einen Film in New Mexiko drehen könne. Nein, sagte das Gericht, bis dahin reiche die Datenleitung nicht. Da wird das "Bracelet" doch wieder zur Fußfessel.