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Tatjana Gsell: Ganz in weiß

Begleitet von großem Medienrummel hat der Prozess gegen Tatjana Gsell begonnen. Reumütig erschien die Witwe des Schönheitschirurgen Franz Gsell in einem weißen Kleid vor Gericht und kam schon bei der ersten Frage ins Stottern.

Zu ihrem Prozess um den tödlichen Überfall auf ihren Ehemann erschien Tatjana Gsell am Dienstagmorgen ganz in die Farbe der Unschuld gekleidet. Das Weiß ihres Kleides stand im Gegensatz zu den düsteren Blicken ihrer beiden bulligen Bodyguards, die Gsell in das Nürnberger Justizgebäude führten. Doch die 33-Jährige genoss das Scheinwerferlicht der vielen Kameras und das Blitzlichtgewitter der Fotografen.

Heiteres Beruferaten

Gsells Gastspiel im Schwurgerichts-Saal 619 reihte sich damit fast in ihre zahlreichen anderen Medien-Auftritte ein, bei denen die selbst ernannte Luxusdame sonst ihre Haut zu Markte trägt. Allerdings schon bei der Frage nach den Personalien brachte Richterin Ute Kusch die Millionenerbin ins Stottern.

Als erlernten Beruf gab die Angeklagte "Diplom-Kosmetikerin" an. Auf die Frage Kuschs, was sie derzeit beruflich mache, antwortete Gsell: "Schwierig..." Als eine weitere Nachfrage der Richterin nur ein unverständliches Murmeln nach sich zog, erklärte ihr Anwalt Stefan Ufer, der genaue Beruf seiner Mandantin könne noch später im Prozess ermittelt werden.

Beurlaubter Staatsanwalt mitangeklagt

Im Sitzungssaal blickt sie immer wieder hinüber zu ihrem Jugendfreund, einem 33 Jahre alten Staatsanwalt, der - nur getrennt durch zwei Anwälte - mit gesenktem Kopf neben ihr auf der Anklagebank sitzt. Beiden wirft die Staatsanwaltschaft am Amtsgericht vor, im Januar 2003 einen Raubüberfall auf den 76-jährigen Ehemann von Tatjana Gsell, den Nürnberger Schönheitschirurgen Franz Gsell, vorgetäuscht zu haben, um damit einen geplanten Versicherungsbetrug zu vertuschen.

Eine Autoschieberbande sollte Tatjana Gsells Mercedes im Wert von 100 000 Euro ins Ausland bringen und dort verkaufen. Gleichzeitig sollte der Wagen in Deutschland als gestohlen gemeldet werden, um die Versicherungsprämie zu kassieren. Bei der Übergabe der Autoschlüssel in der Gsell-Villa eskalierte die Situation jedoch. Bei einem Gerangel erlitt der Schönheitschirurg schwere Verletzungen, an denen er zwei Monate später starb.

Wer von den Autoschiebern dem Schönheitschirurgen die letztendlich tödlichen Verletzungen zufügte, soll im Herbst ein eigener Prozess gegen die drei Mitglieder der Bande klären. Zwei von ihnen verweigerten am Dienstag die Aussage.

Anwalt verliest Geständnis

Tatjana Gsell sagt kaum etwas während des Prozesses. Ihren Verteidiger lässt sie eine Erklärung vortragen, in der sie alle Tatvorwürfe einräumt. Der Plan mit dem Auto sei aus finanzieller Not heraus entstanden. Schließlich habe sie Geld gebraucht, da sie während dieser Zeit mit ihrem Geliebten, einem Düsseldorfer Unternehmer, auf Marbella weilte und von ihrem Ehemann kein Geld erhielt.

Zur Unterstützung bei dem fingierten Überfall sollte Tatjanas Jugendfreund vor Ort sein und den Tatort entsprechend präparieren, heißt es in der Anklage. Dabei sollte ihm sein Fachwissen als Staatsanwalt hilfreich sein. Der Mann bestreitet vor Gericht aber jede Schuld. "Ich habe nie etwas mit dieser Tat zu tun gehabt", betont er. Warum Frau Gsell, in die er einst verliebt war, ihn derart beschuldige, sei ihm ein Rätsel. "Ich habe mit dieser Sache nichts zu tun." Nur unter dem Druck der Ermittler habe er zugegeben, am Tatort gewesen zu sein. "Ich war nur von dem Gedanken besessen, ich will hier ’raus", erklärte er. Dem Staatsanwalt droht bei einer Verurteilung der Verlust seines Beamtenpostens. Tatjana Gsell verdrehte während seiner Aussage die Augen.

Strafbefehl nicht akzeptiert

Rätselhaft ist überdies, warum es Tatjana Gsell überhaupt auf einen Prozess ankommen ließ. Das Nürnberger Amtsgericht hatte nach ihrem Geständnis bereits einen Strafbefehl über 72.000 Euro gegen sie erlassen. Hätte sie diesen akzeptiert, dann hätte es kein Verfahren gegen sie gegeben. Über ihre Anwälte legte die Arztwitwe jedoch Einspruch ein, so dass es nun automatisch zur Gerichtsverhandlung kam. Die Erklärung der Verteidiger: Der Strafbefehl sei viel zu hoch gewesen. Immerhin habe Tatjana Gsell im Laufe der Ermittlungen sechs Monate in Untersuchungshaft gesessen.

Prozessbeobachter halten jedoch auch eine andere Version für möglich: Tatjana Gsell habe vermeiden wollen, als Zeugin im Prozess gegen ihren Jugendfreund aussagen zu müssen. Als Angeklagte kann sie die Aussage verweigern, als Zeugin aber nicht. Im Fall einer nachweislichen Falschaussage würde ihr dann sogar eine Gefängnisstrafe drohen.

AP / DPA / AP / DPA