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Tierisches WM-Orakel: So wurde Krake Paul zum Weltstar

Der orakelnde Tintenfisch Paul ist berühmter als der deutsche Kicker Mesut Özil. Wie ein Krake zur Galionsfigur der WM-Begeisterung wurde.

Von Sophie Albers

Es war einmal ein Krake, geschlüpft im Jahr 2006 im Meereserlebnispark "Sea Life" in Weymouth im schönen britischen Küstenlandstrich Dorset. Im zarten Alter von drei Monaten wurde das Tentakeltier aus dem Becken gefischt, eingetütet und in die deutsche Stadt Oberhausen verschickt, um im dortigen "Sea-Life"-Park in ein Single-Aquarium gekippt zu werden. Tintenfische sind Einzelgänger. Vier Jahre später trägt der Krake den Namen Paul und ist ein Weltstar. Geliebt, gehasst, verehrt, bedroht. Und das alles wegen Fußball.

Könnte er komplexer denken als ein Hund, dessen Intelligenz in etwa der eines Tintenfisches entspricht, hätte Paul sich wohl in den vergangenen Tagen gefragt, welcher vermaledeite Fehler in der Evolution eigentlich dafür gesorgt hat, dass der Homo Sapiens diesen Planeten regiert. Angesichts der Menschenmassen, die sich vor der 60 mal 120 Zentimeter großen Scheibe seines Wassertanks stauen. Die hysterisch werden, sobald sich Paul einem der fahnenbewehrten Plastikbehälter nähert.

Denn so funktioniert das Orakel: Ein menschlicher Betreuer stellt zwei mit Muschelfleisch gefüllte Behälter ins Aquarium, die jeweils mit der Fahne der gegeneinander antretenden Teams versehen sind. Dann entscheidet Paul, welches Muschelfleisch er haben will. Sobald er "schmatzt", ist der Sieger gefunden. Verrückt, ja, total durchgeknallt. Aber bitte, es ist Fußballweltmeisterschaft, und ein Blick auf die biergetränkte Fanmeile in Berlin genügt, um zu erkennen, dass die Evolution sowieso gerade Pause hat.

Den Anfang machte die EM 2008

Aber zurück zu Paul, der für die Mediennationen der Welt (von Frankreich bis Japan) futtertriebgesteuert orakelt, wie das nächste Spiel ausgeht. Wie konnte es so weit kommen, dass enttäuschte Fußball-Fans (seit Donnerstag neben argentinischen auch deutsche) Todesdrohungen ausstoßen ("Grillt den Kraken!"), und dass die Oberhausener Pressesprecherin darüber nachdenken muss, ob Paul nun geschützt werden muss ("Paul bekommt keinen Bodyguard, aber wir passen auf"). Wie konnte aus einem gewöhnlichen Kraken (octopus vulgaris) eine Galionsfigur der WM-Begeisterung werden? Die Antwort ist erschreckend einfach: Langeweile!

Der Krake brauche Beschäftigung, verrät Sealife-Sprecherin Tanja Munzig stern.de. Die Tiere seien von Natur aus sehr neugierig, deshalb entwickelten die Tierpfleger Spiele - mal mit Legosteinen, mal mit Bürsten, mal mit Bällen. Anlässlich der EM 2008 war es dann so weit: Paul wurde gefragt und langte in 80 Prozent der Fälle nach der richtigen Portion Muschelfleisch. Zuerst sei es als Scherz für die Besucher gedacht gewesen, so Munzig. Dann wurde das Kopffüßer-Orakel plötzlich deutschlandweit zum Star.

Paul auf Facebook und Twitter

"Ja, wir haben sein verspieltes Verhalten auch als PR-Gag genutzt", gesteht Munzig, die sich über Pauls mittlerweile weltweiten Erfolg hörbar freut. Das Telefon stehe den ganzen Tag nicht still. Neben Pressevertretern riefen auch Privatleute an, um zu fragen, wie es Paul - der sowohl eine Facebook-Seite hat, als auch twittert - so gehe und was eigentlich aus ihm wird, wenn die WM vorbei ist.

Keine Tintenfischringe, so viel steht fest. Das würde auch die Tierschutzorganisation Peta zu verhindern wissen, die gerade in bewährter Spielverderbermanier die Freilassung des Kraken gefordert hat. Der hätte allerdings wenig davon. Im Gegenteil: Paul würde ziemlich schnell sterben. Schließlich ist er in Gefangenschaft groß geworden.

Zudem hat Paul am Freitagmorgen noch mal gut zu tun. Um elf Uhr muss er den Ausgang des letzten Deutschland-Spiels orakeln. Im Anschluss daran den Gewinner des Finales vorhersehen. Und dann? "Muss Paul sich erst mal erholen", heißt es aus der Pressestelle. Denn das Orakeln rege den Kraken auch auf: "Er wird dunkler und pickelig, wenn er an die Arbeit geht."

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