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Til Schweiger: "Der Tag ist mein Freund"

Zuerst war sein Optimismus größer als sein schauspielerisches Talent. Heute ist er der Kino-Liebling der Nation. Auch nach der Trennung von seiner Frau ist er mit sich und seinem Leben zufrieden. Meistens jedenfalls.

Von Stefanie Rosenkranz

Til Schweiger, das ist der hübsche Typ mit dem Grübchen im Kinn, den wohlproportionierten Bizeps an den Armen und dem schrägen Lächeln im Gesicht, auf den Männer zumeist so reagieren wie Frauen mit Damenbart und massenhaft Mitessern auf Claudia Schiffer. Na ja, er sehe gut aus, konzedieren sie mit einem Gesichtsausdruck, als würden sie gerade auf kleiner Flamme geröstet.

Aber sie hätten aus sicherer Quelle, dass er schlichten Gemüts und geistig arm sei, und außerdem verfüge er über die Wandlungsfähigkeit eines John Wayne. Nackt auf dem Tisch sitzen, wie es Schweiger seinerzeit in "Der bewegte Mann" tat, könne jeder. Und viel mehr, als im Unterhemd hübsch und cool auszusehen, wie etwa weiland in "Männerpension" oder jüngst in der Komödie "Wo ist Fred?" tue er ja eigentlich nicht. "Der macht sogar Reklame für Unterwäsche, höhö."

Ende aus der Trance

Worauf die Mehrheit der Frauen auf "Knockin' on Heaven's Door" verweist, darin Schweiger einen Krebskranken mimt, oder auf das hinreißende Liebes-Märchen "Barfuss", in dem er als Regisseur und Hauptdarsteller glänzt. Demnächst bekommen sie noch mehr Munition, nämlich mit dem von Schweiger produzierten Vergewaltigungs-Thriller "One Way", der am 25. Januar in die Kinos kommt: Dort agiert er als karrierebesessenes (und natürlich cooles) Ekelpaket, und es stockt einem der Atem vor Spannung und Grauen, bis einen das überraschende Ende aus der Trance befreit.

Jedenfalls: Til Schweiger ist neben Otto Waalkes der einzige Schauspieler der Bundesrepublik, der es regelmäßig schafft, ein Millionen-Publikum ins Kino zu locken. Doch er kann vor oder hinter der Kamera machen, was er will, er gilt vielen als eine Art männliche Dolly Dollar des deutschen Films, auf ewig das "Sexsymbol mit Tankwart-Charme", wie die "Weltwoche" einmal schrieb, zu Recht gescheitert in Hollywood, wo er sieben Jahre lang lebte, und daheim zwar ein Kassenmagnet, aber eigentlich nur ein hübsches Deko-Objekt mit Waschbrettbauch und Welpen-Appeal.

Kirsche auf dem Promi-Kuchen

Zu diesem Image hat auch beigetragen, dass er sich einst mit seiner amerikanischen Frau Dana auf jeder Ladeneröffnung von Flensburg bis München als Kirsche auf dem Promi-Kuchen sehen ließ, und nach der Trennung von seiner Gattin vor gut einem Jahr ausgerechnet in der "Bild am Sonntag" kundtat: "Einen Psychotherapeuten kann ich jedem empfehlen." Danach hat der Vater der Kinder Valentin, Luna, Lilli und Emma das als "Vorwärtsverteidigung" bezeichnet. "Wir haben mit der "Bild"-Zeitung einen Deal gemacht und wurden so von den üblichen Geschichten verschont."

Schweiger macht sich nicht rar; dennoch ist er schwer zu fassen, irgendwie klemmt er auf halber Strecke zwischen der fleischgewordenen Klatschspalte Heiner Lauterbach und der deutschen Antwort auf Brad Pitt fest.

"F... ME, I'M FAMOUS"

Fern von der Leinwand ist er ein mittelgroßer Mann von 43 Jahren, der aussieht wie 34 und fast schon zierlich wirkt. Erst auf den zweiten Blick erkennt man, dass er neben Haut und Knochen ausschließlich aus Muskeln besteht, die unter einem T-Shirt mit der Aufschrift "F... ME, I'M FAMOUS" hervorlugen.

Wir befinden uns auf der PremiereParty des Films "Wo ist Fred?" in Berlin, die trotz der Anwesenheit etwa von Alexandra Maria Lara zum reinen Til-Schweiger-Zirkus gerät. Doch ist das Zirkuspferd, auf den sich unablässig ein Blitzlichtgewitter entlädt, nicht so recht bei der Sache. Der "Superstar" ("News") und "Märchenprinz" ("Gala") wirkt ein wenig verloren; später, im Gespräch, wird klar, dass er das im Moment auch ist: Seit der Trennung von Frau und Kindern hat er keinen festen Wohnsitz, sondern lebt in einem Berliner Hotel, während seine neu gekaufte Wohnung renoviert wird. Über das Scheitern seiner Ehe sagt er nichts, aber er macht kein Hehl daraus, dass es Zeiten in seinem Leben gegeben hat, in denen er glücklicher war, und dass er seine Kinder "vermisst, sehr sogar". Man kann sich durchaus vorstellen, dass er nachts Fotos von ihnen betrachtet und dabei heult.

Tür vor der Nase zugeknallt

Im Moment ist er genervt, weil seine Eltern und sein jüngerer Bruder Nick noch nicht da sind. "Was machen sie denn nur schon wieder?", fragt er ungeduldig, und dann kommen sie endlich, der Vater ein freundlicher pensionierter Lehrer für Geschichte und Gemeinschaftskunde, die Mutter eine ehemalige Deutschlehrerin, die gleich eingangs kritisch sagt: "Was auf dem T-Shirt draufsteht, finde ich nicht so schön", um anschließend den Umstehenden resolut zu empfehlen, sich die Gärten von Sanssouci anzugucken. Jedes Mal, wenn ihr mittlerer Sohn Til "geil" oder "Scheiße" sagt, was er unablässig tut, blickt sie bestürzt. Das muss sie nicht: Er wirkt dabei trotzdem wohlerzogen, die Sorte von Typ, den ältere Damen auch dann noch gern auf ihrem Biedermeiersofa sehen, wenn er ihnen gerade die Tür vor der Nase zugeknallt hat.

Die Schweigers, vollzählig bis auf den großen Bruder Flo, stecken die Köpfe zusammen und scheinen sich zu mögen. Sie wirken wie eine nette Bildungsbürgerfamilie, die den Müll schon trennte, als man das noch gar nicht musste, und sich auf dem Weg zur Nationalgalerie in diese lärmende Party-Location mit Grunge-Charme verlaufen hat.

Söhne lernten Kochen

"So ziemlich genau das sind meine Eltern auch", sagt Schweiger am nächsten Abend im "Borchardt", wo er kalorienbewusst einen Fisch bestellt. Aufgewachsen ist er in einem kleinen Dorf bei Gießen, "ohne Reizüberflutung, wie es so schön heißt. Meine Eltern, das ist der linke Flügel der SPD, bis heute. Sie haben uns schon als Fünfjährige auf Ostermärsche und Demos zum 1. Mai mitgeschleppt." Die Söhne lernten Kochen, Waschen und Bügeln, ihr Fernsehkonsum wurde rationiert und kontrolliert, "wir durften die "Sesamstraße" angucken, "Das feuerrote Flüwatü" oder Spülmobil, oder wie das auch immer hieß, und 'Flipper', aber natürlich nicht 'Rauchende Colts' oder 'Bonanza'".

Die Nachrichten dagegen waren geradezu Pflicht. Meine Eltern waren da schon sehr strikt. Zu Fasching durften wir nie Cowboys sein, sondern mussten als Indianer rumlaufen, was wir ziemlich scheiße fanden. Waffen waren total verpönt. Natürlich waren sie auf die "Frankfurter Rundschau" abonniert, worauf sonst. Aber eines Tages haben sie die abbestellt, weil diese Zeitung ihren Sohn immer dermaßen in die Tonne getreten hat. Das fand ich echt cool".

Als Vater macht Schweiger heute fast alles anders als seine Eltern: Sein Sohn und die drei Töchter ballern gern mit Pistolen herum, haben Handys und sind mit DVDs bestens ausgestattet. "Wenn alles total durcheinandergeht, dann kaufe ich mir Zeit mit 120 Minuten Disney oder so was Ähnlichem. Unser letztes Auto in Amerika war ein politisch völlig inkorrektes Riesenteil, mit einem DVD-Spieler hinten drin. Das ist Frieden pur! Statt vier kämpfenden Kindern hast du hinten vier artige Kinder, die ,Shrek" gucken."

"Total inkonsequent"

Auch sei er "total inkonsequent, das hat mir meine Frau immer vorgeworfen: "Sugardaddy kommt nach Hause und präsentiert sich als Super-Vater, und ich habe die Scheiße am Hals." Aber wenn ich vier Monate nicht zu Hause war und mich seit Wochen auf die Kinder freue, dann kann ich nicht nach einer Stunde sagen, jetzt ist es sieben, und ihr geht ins Bett".

Er fände es schön, wenn seine Sprösslinge "sich eines Tages für meinen Beruf interessieren", schon deswegen, "weil ich sie dann um mich scharen könnte". Als er dagegen nach gutem Abitur, sehr kurzer Bundeswehrzeit, anschließendem Zivildienst in einem Krankenhaus sowie zwei Semestern lustlosem Medizinstudium zu Hause verkündete, er wolle Schauspieler werden, hielt sich die Begeisterung seiner Eltern in engen Grenzen. "Til, du warst ja noch nicht mal in der Theater-AG! Sie haben mir stattdessen zu BWL geraten."

Heiße Hühnersuppe und Pulswärmer

Er habe seinerzeit eigentlich nur gewusst, dass er "das nicht wollte. Ehrlich gesagt, bin ich Schauspieler geworden, weil mir nichts Besseres einfiel". Bevor seine Karriere überhaupt begann, war sie eigentlich schon wieder zu Ende. Auf der Schauspielschule in Köln "wurde ich total fertiggemacht. Immer hieß es, hey, du denkst vielleicht, du siehst gut aus, aber du hast eine Pieps-Stimme, und dein Romeo ist einfach total beschissen! Ich war nur noch geknickt".

Damals fand Til Schweiger eine hingebungsvolle Freundin in seiner Klasse; er ist die Art Mann, der immer eine hingebungsvolle Freundin findet, die ihm heiße Hühnersuppe kochen und Pulswärmer stricken will. "Nika war meine große Liebe. Sie hat ihre ganze Energie in mich gesteckt, indem sie immer sagte: Til, du bist gut. Statt zu schmusen, haben wir meine Rollen ein-studiert. Sie hat mich inszeniert, und wenn ich diesen Strasberg-Bullshit von mir gab, an den ich damals total geglaubt habe - Ich kann das nicht spielen, denn ich spüre es nicht in mir!!! -, antwortete sie: Ist doch scheißegal, was du in dir spürst, Hauptsache, ich spüre etwas, ich bin schließlich die Zuschauerin."

Zwar ging die Beziehung - wen wundert's - daran kaputt, aber Schweiger bekam mehr Selbstbewusstsein und konnte sich langsam vorstellen, "eines Tages im "Tatort" diesen Raubmörder zu spielen, der nach dem Geständnis weinend zusammenbricht und abgeführt wird. Das war der Gipfel meiner Karriereträume".

"Ein geiles Gefühl"

Stattdessen kamen kleine Theaterengagements und eine Rolle in der "Lindenstraße", als Bundeswehrsoldat Jo Zenker. "Die Ausbildung geht zu Ende, im dritten Jahr, und du hast natürlich ziemliche Angst. Du möchtest von dem Beruf, den du gelernt hast, auch leben können, und plötzlich schleicht sich die Realität ein, und du merkst, die meisten Schauspieler sind arbeitslos", spricht der Beamtensohn. "Du hast null Angebote, und dann sagt einer zu dir, ich kenn den, der die "Lindenstraße" besetzt. Du denkst nicht, diesen Schrott mache ich nicht, sondern du gehst da hin, wirst genommen und kannst deinen Vater anrufen und sagen: Papa, ich brauch kein Geld, ich kann mich jetzt selber ernähren. Das ist schon ein geiles Gefühl."

Allerdings "rollten sich mir die Fußnägel hoch, wenn ich mir meine Folgen anguckte. Als Schauspieler wirst du ja immer so wahrgenommen, wie du das Licht der Welt erblickst. Wenn du deinen ersten Auftritt in einem Film von Dominik Graf hast, dann bist du auf jeden Fall ein absolut klasse Schauspieler".

Von Groupies verfolgt

Schweiger drehte nicht mit Graf, sondern spielte stattdessen in der Proll-Komödie "Manta, Manta"; "ich glaube, meine Mutter hat in diesem Film geweint, aber nicht vor Rührung". Aus Masochismus las er das gesamte Pressebuch durch, "nicht eine einzige gute Kritik. Dabei hatte der Film einen Riesenerfolg, 1,2 Millionen Zuschauer, und ich wurde in Köln, wo ich damals lebte, von Groupies verfolgt, und Manta-Fahrer sahen in mir einen der Ihren. Wenn das keine schauspielerische Leistung ist!"

Schweiger lacht, aber nicht wirklich entspannt; die Radikal-Verrisse wurmen ihn noch immer. "Ich bekam keinen einzigen Anruf, ein ganzes Jahr lang ging das so." Doch als ihm für seine Rolle als Boxer Rudy im Flop "Ebbies Bluff" der Max-Ophüls-Preis verliehen wurde, habe es plötzlich geheißen: "Max Ophüls? So schlecht kann der doch gar nicht sein. Das ist typisch deutsch, oder? Ein Wahnsinnserfolg gilt als Katastrophe, und wegen eines Films, den keiner gesehen hat, macht man Karriere." Jedenfalls: Ein Jahr später, 1994, saß er als "Der bewegte Mann" unter der Regie von Sönke Wortmann splitterfasernackt auf dem Tisch, und seither hat Schweiger keinerlei Grund zur Klage; er klagt auch nicht. "Es ist ziemlich geil, Filmschauspieler zu sein, und auch geil, Filme zu drehen und zu produzieren."

Insgesamt ein netter Mensch

Sich selbst findet er auch ziemlich geil, daraus macht er kein Hehl. Nach seinen schlechten Eigenschaften befragt, muss er lange nachdenken. "Na ja, dass ich manchmal nicht zuhöre. Außerdem bin ich extrem hibbelig, ich muss immer was machen. Ich stehe morgens auf, und der Tag ist mein Freund. Ich bin in der Regel immer gut drauf. Das kann sehr nervig sein für den anderen, wenn der total schlechte Laune hat. Auch versuche ich, meinen Kopf durchzusetzen, allerdings auf relativ charmante Weise, wie ich mal behaupte."

Viel ist das nicht, und man kann sich gut vorstellen, dass seine Gewissheit, ein insgesamt netter Mensch zu sein, genau das ist, was seine nächsten Menschen wahnsinnig machen kann, schon deswegen, weil sie vermutlich stimmt.

"Ich finde das Leben ziemlich gut", sagt er. "Ich bin ein Sonnenkind." So ist es wohl.

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