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Trauerfeier für Bernd Eichinger: Der Zeus des Münchner Filmolymp

Bewegende Trauerfeier für Bernd Eichinger: In München haben viele Promis von dem verstorbenen Filmproduzenten Abschied genommen. Aber auch hunderte Bürger haben ihre Anteilnahme gezeigt.

Von Malte Arnsperger, München

Das Bild ist schlecht. Weiße Streifen ziehen sich über den großen Fernsehschirm, die Umrisse verschwimmen, die Leinwand wird grün oder fällt minutenlang ganz aus. Hunderte Menschen haben sich vor der Münchener St. Michaelskirche versammelt, um der Übertragung der Trauerfeier für den verstorbenen Filmproduzenten Bernd Eichinger beizuwohnen. Auch wenn sie nicht zur offiziellen Trauergemeinde in der Kirche zählen, wollen sie sehen und hören, wie des 61-Jährigen gedacht wird. Doch es wirkt, als ob ohne den großen Meister, ohne Bernd Eichinger, nichts mehr so richtig funktioniert. Noch nicht mal die Übertragungstechnik.

Der Himmel über der Renaissance-Kirche in der Münchner Innenstadt ist strahlend blau, in den angrenzenden Cafés sitzen die Menschen um 10 Uhr beim zweiten Frühstück in der Sonne und erfreuen sich an den frühlingshaften Temperaturen. Ein Tag, um das Leben zu genießen. Ein Trauergast wird später sagen: "Ein Tag für Bernd." Seinetwegen ist der Bordstein vor dem Eingang zur St. Michaelskirche mit einem schwarzen Teppich ausgelegt, stehen Polizisten vor Absperrgittern. Nur geladene Gäste dürfen an den weißen Rosen vorbei das Gotteshaus betreten. Wer nicht dazu gehört, wartet mit den Journalisten, um einen kurzen Blick auf die Trauergemeinde zu erhaschen.

Tom Gerhardt betrank sich mit Wodka

Schon eine Stunde vor dem Beginn der Feier spucken Taxis im Sekundentakt schwarz gekleidete Promis aus Show und Politik aus, fahren große Limousinen vor, begrüßen sich Film und Fernsehstars mit ernsten Gesichtern. Der Komiker Tom Gerhardt ist einer der ersten. Den obersten Knopf seines schwarzen Hemdes geöffnet, die weiße Einladungskarte in der linken Hand, erzählt der Star aus Eichinger-Filmen wie "Ballermann 6" oder dem aktuellen Streifen "Die Superbullen" von seinen Erinnerungen an den Verstorbenen. "Bernd hatte ein Herz für so vieles. Nur so ist es erklärbar, dass er so unterschiedliche Filme wie 'Ballermann' oder 'Der Name der Rose' gemacht hat." Eichinger sei ein Freund gewesen. Gerhardts Augen funkeln, er hat ein breites Lächeln auf dem Gesicht, als er sagt: "Bernd war immer ein Rock'n'Roller. Er hatte eine wilde Lebenslust, die er auch weitergeben konnte. Ich kann mir einfach nicht vorstellen, dass es diese Farbe des Lebens nicht mehr gibt." Mit Wodka habe er sich betrunken, als er vom Tod Eichingers am 24. Januar gehört habe, sagt Gerhardt. "So hätte es Bernd auch gemacht."

Immer wieder gibt Gerhardt Anekdoten zum Besten. Andere Stars, auch Axel Stein, sein Filmsohn aus der von Eichinger produzierten TV-Serie "Hausmeister Krause", meiden die Mikrofone und Kameras. Schauspielerin Mariella Ahrens, im schwarzen Hosenanzug und einer roten Rose in der Hand, begrüßt einige Bekannte und flüchtet dann vor den Fotografen. Regisseur Sönke Wortmann, seine blonden langen Haare fallen auf seinen schwarzen Schal, blickt ernst, als er mit einigen Begleitern der Kirche entgegen strebt. Das Klicken der Kameras wird hektisch, als Schauspielerin Veronica Ferres, bewaffnet mit dunkler Sonnenbrille, ohne ein Wort in der Kirche verschwindet. Auch Sänger und Darsteller Uwe Ochsenknecht hat sich hinter einer Sonnenbrille versteckt. Er wirft der wartenden Meute ein paar Worte zu, als er gefragt wird, was ihn an Bernd Eichinger erinnert: "Viele schöne gesellige Stunden und viele gute Filme."

Mehr als 100 Schaulustige

Mittlerweile haben sich weit über 100 Schaulustige und Reporter an der Absperrung eingefunden, an den Fenstern des Bürogebäudes gegenüber drücken sich Menschen die Nase platt. Auch Wolfgang Maier, der mitten im Pulk der Journalisten steht, will seine Anteilnahme mit Bernd Eichinger zeigen. "Ich hatte eine kleine Rolle in seinem Film 'Enemy Mine' gehabt", sagt Maier stolz und zeigt ein Bild von sich und dem Filmproduzenten. "Ich habe ihn kennengelernt und ich fand ihn sehr sympathisch." Um 10.35 Uhr quetscht sich der Münchner Oberbürgermeister Christian Ude an Wolfgang Maier vorbei durch die Menge, als einer der letzten stürmt Skandal-Rapper Bushido mit zwei düster dreinblickenden Gefährten in die Kirche.

Er kommt gerade noch rechtzeitig zu Beginn der Predigt des Jesuitenpaters Kern. Der Geistliche spricht von "der ersten Schockwelle" nach dem plötzlichen Tode Eichingers, die mittlerweile vorüber gezogen sei. "Doch es bleiben Ratlosigkeit, Schmerz und Trauer." Er bittet die Trauernden, "geben Sie Ihre Gefühle in diese herrliche Jesuitenkirche". Draußen wächst die Menge vor der Leinwand minütlich. Der Lärm von einer angrenzen Baustelle ist verstummt, ein Baggerführer im Blaumann verlässt sein Führerhäuschen, zündet sich eine Zigarette an und lauscht der Predigt. Im Olymp, so meint Kern, gäbe es auch Show, seien die Götter verstrickt in Liebschaften. "Manche würden sagen: es ist wie im Film. Und auf dem Münchner Filmolymp war Bernd so etwas wie der Zeus."

Ganz normale Bürger trauern mit

Obwohl die teilweise katastrophale Bildqualität kaum einen Blick auf das Innere der Kirche erlaubt, blicken die Menschen gebannt auf die Leinwand. Eine Frau stoppt ihren Kinderwagen, japanische Touristen bleiben verwundert stehen, junge Frauen halten auf ihrem Einkaufsbummel inne. Zwei ältere Damen im Pelzmantel sagen: "Wir sind extra hier hergekommen. Es interessiert uns, wer alles zu der Trauerfeier kommt. Gesehen haben wir aber nur den Edmund Stoiber." Andere sind weniger offensichtlich auf Promijagd, sondern spüren Mitgefühl. "Schrecklich, dass so jemand so jung stirbt", sagt ein grauhaariger Mann. Ein älteres Paar lehnt an einem Bauzaun, die Frau sagt: "Ich finde das wirklich traurig. Und es ist auch ein großer Verlust für die ganze Stadt."

Dieser Meinung ist auch der Oberbürgermeister. Ude erinnert daran, dass Eichinger zwar kein gebürtiger Münchner sei, in der bayerischen Landeshauptstadt jedoch nicht nur sein Abitur gemacht, sondern auch die Filmhochschule besucht habe und dann Chef der Münchner-Filmproduktionsgesellschaft "Constantin" geworden sei. "Hier hat sein kometenhafter Aufstieg begonnen, mit der er Kinogeschichte geschrieben hat. An dieser Stadt hat er gehangen. Es war für ihn auch eine emotionale Heimat", sagt Ude. Der Politiker würdigt auch Eichingers soziales Engagement und schließt mit den Worten "Bernd, wir haben es dir schon zu Lebzeiten gesagt: Wir, deine Stadt, seine Bürger, wir danken dir für alles."

Eine sehr emotionale Rede hält dann Eichingers Freund Günter Rohrbach. Immer wieder stockt die Stimme des Produzenten, als er Eichinger vorwirft, viel zu früh gestorben zu sein. "Bernd, musste das sein? Musstest du uns das antun? Ich bin 20 Jahre älter als du und hatte fest damit gerechnet, dass du auf meiner Trauerfeier sprechen wirst. Jetzt muss ich eine Totenrede halten und muss sagen: Ich kann das nicht." Auch der Regisseur Tom Tykwer kämpft spürbar mit den Tränen als er sagt: "Bernd Eichinger war rastlos, triebhaft, besessen, aber auch ein schüchterner und verletzlicher Mensch. Er war ein wilder Hund. Verpasst hat er nichts, weder im Leben noch im Film."