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Ulrike Kriener "Ist das die Strafe für zu viel Glück?"

Ulrike Kriener
"Die Antworten, die mir der Beruf gibt, reichen mir nicht": Ulrike Kriener engagiert sich für ein Kinder-Hospiz
© Robert Fischer
Als "Kommissarin Lucas" kämpft sie um das Leben eines entführten Jungen. Ulrike Kriener über den Schutz von Kindern - und den Tod ihres ersten Sohnes.

Ein Junge wird entführt, elf Jahre alt, Sohn einer angesehenen Industriellenfamilie. Vor der Einfahrt ihrer Villa liegt ein Erpresserbrief. Der Täter wird nach der Lösegeldübergabe gefasst. Doch er leugnet, lügt, windet sich, eiskalt. Bald geht es für Kommissarin Ellen Lucas und ihre Kollegen um die Frage: Wie bekommen wir aus dem Kerl raus, wo er den Jungen versteckt hat? Mit der Androhung von Gewalt? Oder gleich mit Gewalt?

Ulrike Kriener, 51, spielt die Kommissarin Ellen Lucas, und sieht man ihren Film "Das Verhör", ist man schnell in der Realität. Die Geschichte erinnert an den traurigen Fall Jakob von Metzler, Kind eines Bankiers, der im September 2002 in Frankfurt von dem Studenten Magnus Gäfgen entführt und ermordet wurde. Der stellvertretende Frankfurter Polizeipräsident Wolfgang Daschner ließ Gäfgen im Verhör Folter androhen, um ihn zu einer Aussage zu nötigen; er hoffte, den Jungen noch lebend zu finden. Und wurde später schuldig gesprochen, aber nur verwarnt.

Ulrike Kriener, darf man in so einer Extremsituation Gewalt anwenden?

Man darf natürlich nicht foltern, das ist eins der unverrückbaren Prinzipien, auf denen unsere Gesellschaft beruht. Trotzdem habe ich Verständnis dafür, wie sich der Polizist verhalten hat. Er hat versucht, ein Kind zu retten, und damit auch Verantwortung übernommen. Das wird auch in unserem Film aufgeschlüsselt: Opfer- vor Täterschutz oder Täter- vor Opferschutz? Für den Polizisten ein nicht lösbares Problem.

Ihr Sohn Paul ist elf. Gucken Sie mit ihm die "Tagesschau", erklären Sie ihm die oft grausame Realität?

Als er klein war, haben wir versucht, ihn davon fernzuhalten. Aber seit einiger Zeit interessiert er sich. Auch für Politik. Ich war erstaunt, wie ihn das mitgenommen hat, als Ariel Sharon ins Koma gefallen ist. Immer wieder hat er gefragt, was mit dem los sei. Da merkt man ein Interesse, das weit über das hinausgeht, was im Elternhaus oder Freundeskreis passiert. Das ist der Zeitpunkt, wo man dann auch gemeinsam Nachrichten guckt und über bestimmte gesellschaftliche Fragen spricht.

Wie gehen Sie damit um, dass heute so häufig Gewalt gegen Kinder ein Thema in den Medien ist?

Wir haben natürlich mal darüber gesprochen: Kindern müssen mögliche Gefahren bewusst gemacht werden, und sie müssen wissen, dass nicht alle Menschen gut sind.

Machen Sie sich jedes Mal Sorgen, wenn er allein unterwegs ist?

Nein. Da würde ich ja wahnsinnig werden. Eltern müssen auch lernen, mit der Angst um ihr Kind zu leben, die sie natürlich immer haben. Das geht nur, indem man sich einfach klar macht, dass das Kind nicht immer schützbar ist. Das ist bitter, aber es ist so. Aber das Entscheidende ist doch, ein Kind zu kräftigen, ihm Freude zu geben auf das Leben. Dass es auf Menschen zugehen kann, den Leuten in die Augen gucken kann, ein sozialer Mensch wird - das ist mir wichtig. Ich habe fast nur gute Begegnungen in meinem Leben, ich mag Menschen in aller Brüchigkeit, ehrlich! Das möchte ich meinem Sohn weitergeben.

Sie sind neuerdings Schirmherrin des Kinder-Hospizes der Malteser in München. Weil das karitative Engagement heute zum Prominenten gehört wie die Autogrammkarte?

Es sind oft Anfragen an mich gerichtet worden, ob ich mich hier oder da engagieren wolle, und ich hatte immer das Gefühl: Nee, das passt irgendwie nicht für mich. Andererseits trage ich mich schon länger mit dem Gedanken, ich weiß, dass das jetzt abgedroschen klingt, aber...

...Sie wollten gern was zurückgeben?

Ja, tatsächlich. Mein Beruf ist schön, macht viel Spaß und bietet auch Vorteile im gesellschaftlichen Leben, aber man hat doch auch immer wieder das Gefühl, dass das letztendlich viel heiße Luft ist. Die Antworten, die mir der Beruf gibt, reichen mir nicht. Das Sterben von Kindern ist ein unangenehmes, schmerzbesetztes Thema, an das man nicht gern rangeht, verständlicherweise. Als die Malteser an mich herangetreten sind, hat mich das zurückgeworfen auf mein eigenes Schicksal, ein Kind verloren zu haben.

Max, Ihr erster Sohn, kam 1992 mit einem Herzfehler zur Welt und starb eine Woche nach seiner Geburt.

Ich war besorgt, dass das alles wieder hochkommt. Auf der anderen Seite habe ich es als Möglichkeit gesehen, mit meinen Erfahrungen helfen zu können.

Was sagen Sie Eltern, die ein Kind verloren haben? Es ist schwer, in so einer Situation die richtigen Worte zu finden.

Superschwer, ich weiß. Man ist es ja nicht gewohnt, über den Tod zu sprechen, hat das ganze Vokabular nicht ständig parat, traut sich nicht, offen darüber zu reden. Trotzdem kann ich Menschen nur sagen, die in ihrem Bekanntenkreis eine Familie haben, die so ein Schicksal zu tragen hat: Zieht euch nicht zurück, vermittelt Anteilnahme, Zuwendung und Interesse. Ich habe es damals als ungemein wohltuend empfunden, Briefe, Anrufe bekommen zu haben: "Hab gelesen, was passiert ist. Es tut mir furchtbar leid. Ich denke an dich." Das sind nur drei Sätze, aber die sind so hilfreich in einer Situation, in der man das Gefühl hat, es trifft einen das schrecklichste Schicksal, das man sich vorstellen kann. Man ist so paralysiert, dass man sich immer wieder die Frage stellt: Warum ich?

Wie haben Sie sich diese Frage beantwortet?

Indem ich mir irgendwann gesagt habe: Warum nicht ich? Warum soll das nur anderen Menschen passieren? Trotzdem habe ich nach eigener Verantwortung gesucht, nach Schuld, und mich gefragt: Ist das die Strafe für zu viel Glück - musste dieses Unglück kommen und etwas aufrechnen?

Wussten Sie bei der Geburt Ihres Kindes, dass es nicht lange leben wird?

Nein. 14 Tage vorher hatte ich erfahren, dass er eine Missbildung im Blutkreislauf hat, die sein Überleben sehr fraglich macht. Aber ich habe die Worte des Arztes so nicht interpretieren können; es hat gedauert, Tag um Tag, Stunde um Stunde, bis ich begriffen hatte: Er hat keine Chance, er wird nicht leben.

Wie erträgt eine Beziehung so eine Belastung?

Schwer. Weil es schwierig ist, eine Ausgewogenheit zu finden zwischen der eigenen Trauer und der Anteilnahme für den anderen, zu lernen, den Partner in der Art trauern zu lassen, wie er trauert, ihm die Zeit zu lassen, die er braucht, sich selber aber auch. Das Problem ist immer, den gemeinsamen Punkt für das Gespräch zu finden; natürlich wollen beide reden, aber es gibt Momente, wo der andere reden will, und man denkt: Nee, ehrlich, jetzt gerade nicht. In so einer Situation sind die Sterbebegleiter des Hospizes ganz wichtig, die sich eben auch um die Familie des Kindes kümmern, Geschwister betreuen, die Mutter entlasten. Sie können verschiedene Wege der Trauerarbeit begleiten und verhindern, dass ein Ehepaar nur einander zum Reden hat.

Wie findet man wieder Hoffnung, Optimismus?

Mit der Zeit, mit Geduld. Ich kann nur sagen: Es dauert lange. Und ich bin auch nicht mehr der Mensch, der ich vorher war - ganz sicher nicht. Ich habe einen Teil meines Wesens verloren, eine gewisse Unbekümmertheit, ja, diesen Kinderglauben: wird schon alles gut. Das hat mich eine Zeit lang geschafft: immer diese Bleischuhe an den Füßen.

Hatten Sie keine Angst, ein zweites Kind zu bekommen?

Doch, klar. Aber wenn ich kein Kind mehr bekommen hätte, wäre das sehr bitter für mein Leben geworden. Insofern ist das ein Glück, ein Geschenk. Aber: Max ist nicht ersetzbar. Er hat einen festen Platz in unserer Familie, er hat ein Grab, er gehört zu meinem Leben dazu. Die Arbeit jetzt bei den Maltesern gibt dem Sterben unseres ersten Kindes nach langen Jahren auf einer anderen Ebene wieder einen Sinn. Seine Anwesenheit, diese eine Woche, die er gelebt hat, hat bewirkt, dass ich für den Tod in unserem Leben viel offener geworden bin. Und dass ich auch glaube: Ja, ich bin die Richtige, um heute darüber zu sprechen.

Interview: Ulrike von Bülow


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