HOME
Interview

Fall Weinstein: "Das gibt es bei uns auch" - Uschi Glas über sexuelle Belästigungen von Schauspielerinnen

Der Fall Harvey Weinstein löste eine Debatte über Belästigung von Frauen aus - auch in Deutschland. Mit dem stern sprach Uschi Glas über ihre eigene schlechte Erfahrung und ob es die Besetzungscouch auch in Deutschland gibt.

Uschi Glas

Uschi Glas war am Mittwochabend zu Gast in der Talkshow von Markus Lanz. In der Zeitschrift "Bunte" berichtet sie in dieser Woche von ihrer Belästigung bei Dreharbeiten.

Picture Alliance

Frau , wie oft wurden Sie als Schauspielerin selbst Opfer sexueller Belästigung?

Zum nur das eine Mal. Ein Kollege spielte eine Kussszene nicht, sondern steckte mir die Zunge in den Mund. Ich habe mir das nicht gefallen lassen und sofort abgebrochen und ihn vor der gesamten Crew bloßgestellt. Das hat er sich danach nicht mehr getraut.

Der Fall hat eine Debatte über sexuelle Belästigung in der Schauspielbranche ausgelöst. Wie sehr erschreckt Sie das Ausmaß, das jetzt bekannt wird?

Es erschreckt mich sehr. Ich hätte nicht gedacht, dass ein Mann allein Frauen über so viele Jahre Gewalt antun kann. Vor allem erstaunt mich, dass er das so lange unbehelligt tun konnte, obwohl offenbar andere Schauspielerinnen und Schauspieler davon wussten.

Was glauben Sie, warum haben so viele zu- oder weggeschaut, so viele Opfer bis heute geschwiegen?

Das lag an seiner Macht. Er entschied über Hollywoodkarrieren. Ich kann junge Schauspielerinnen sogar verstehen, die waren ihm ausgeliefert. Was ich nicht begreife ist, warum auch gestandene Kolleginnen mit einer eigenen Karriere nichts gesagt oder sich gewehrt haben. Die hatten doch auch eine Macht. Die hätten ihn anzeigen, an die Presse gehen können.

Gibt es die Besetzungscouch nur in Hollywood oder auch in ?

Das gibt's bei uns genauso. Das gibt's im Theater und im Film, davon bin ich hundertprozentig überzeugt.

Spricht man unter Kolleginnen darüber?

In jungen Jahren hatten wir das Thema immer wieder. Ich kann mich erinnern, dass ich in München mehrere Kolleginnen zu mir nach Hause eingeladen hatte, die mir über sehr schlimme Erfahrungen berichteten. Ich habe ihnen gesagt, sie müssen das anzeigen. Aus Angst, die Rolle nicht zu bekommen oder der Karriere zu schaden, sind sie still geblieben.

Was für Erfahrungen waren das konkret? Vergewaltigungen?

Ja. Da ist ein Regisseur in die Garderobe gekommen und hat körperliche, sexuelle Gewalt angewandt.

Hatten Sie damals überlegt, das selbst anzuzeigen?

Das hätte ich nicht gemacht. Ich habe auf die Frauen eingeredet, es selbst zu tun. Aber wenn ein Opfer mir sagt, sie möchte das nicht, wollte ich nicht gegen ihren Willen handeln.

Ist das nicht genau das Problem, dass Frauen andere Frauen schützen wollen und dann nichts sagen?

Ich glaube das Problem entsteht, wenn Frauen es nicht gleich sagen. Zu der Angst, die Karriere zu verlieren, kommt dann noch die Angst, zur Mittäterin gemacht zu werden, weil man nicht sofort Stopp gesagt hat. Eine wollte nichts sagen, weil sie es ihrem Freund nicht erzählen wollte. Aber ich hoffe, dass bei dem einen Regisseur, an den ich denke, vielleicht doch noch eine aufsteht und die Wahrheit sagt.

Was glauben Sie, warum haben Sie selbst nur eine dieser schlimmen Erfahrungen gemacht?

Ich würde so einen Hass entwickeln, ich würde selbst körperlich gewalttätig werden. Allein bei dem Gedanken, eine Rolle nur bekommen zu haben, weil ich mich habe benutzen lassen, würde ich durchdrehen. Ich war stark.

Wird der Fall Weinstein und die Debatte darum etwas verändern?

Ich glaube schon. Viele Machos, die bislang dachten, sie können machen was sie wollen, werden merken, dass sich der Wind gedreht hat. Dass es mehr starke Frauen gibt, die sich das nicht mehr gefallen lassen. Das würde ich mir wünschen.