Verhandlung Der ewige O.J.


Findet seine Geschichte doch noch ein Ende? O.J. Simpson muss zum ersten Mal vor Gericht aussagen zu den Vorfällen von Las Vegas. Er sei "unschuldig", das wiederholte er in den vergangenen Tagen. "Kidnapping mittels tödlicher Waffe", das ist der schwerste Vorwurf der Ermittler. Er könnte Simpson für Jahrzehnte ins Gefängnis bringen.
Von Ulrike von Bülow

Es war eine dieser Geschichten, die nie zu enden schienen, so wie in Deutschland der Mordfall Weimar oder die Jagd des FC Schalke nach der Deutschen Meisterschaft. Diese Geschichte ist aber eine durch und durch amerikanische: so gewalttätig, so hysterisch, so schwarz und weiß. Findet die Geschichte nun doch noch ihr Ende, irgendwo in einem amerikanischen Gefängnis?

O.J. Simpson, 60, ehemaliger Footballprofi, ehemaliger Schauspieler ("Die nackte Kanone"), mutmaßlicher Doppelmörder, musste sich an diesem Mittwoch zum ersten Mal vor Gericht äußern zu den Vorfällen von Las Vegas. Er sagte nicht viel, nur, dass er die Klagepunkte verstehe. Der Richter in Las Vegas entschied, Simpson könne das Gefängnis wieder verlassen – gegen eine Kaution von 125 000 Dollar, müsse aber seinen Pass abgeben und dürfe die USA nicht verlassen. "Unschuldig", sei er, das hat Simpson in den letzten Tagen immer wieder gesagt, und überhaupt: "Es war alles ganz anders."

Wenn es allerdings so war, wie es Lieutenant Clint Nichols ermittelt hat, dann stürmten Simpson und drei Kumpels am vergangenen Donnerstag in ein Zimmer des "Palace Station" in der Nähe des berühmten Strip von Las Vegas. Prostituierte laufen dort herum, Senioren sitzen vor Spielautomaten, man darf rauchen, trinken, huren, denn "what happens in Vegas stays in Vegas", sagen sie hier, "was in Vegas passiert, bleibt hier".

Die eigenen Devotionalien geraubt?

Diesmal nicht, diesmal ging es um die Welt. Die vier Männer sollen das Hotelzimmer gestürmt und dort zwei Bewohner mit vorgehaltenen Waffen ausgeraubt haben - die Beute sollen Fanartikel gewesen sein, Reliquien aus der großen Zeit des O.J. Simpson und auch aus dem Ende dieser großen Zeit. Krawatten sollen dabei gewesen sein, die O.J. damals vor Gericht trug, damals, nach dem Doppelmord.

Der ist jetzt zwölf Jahre her. Die Liebenden Ronald Goldman und Nicole Brown Simpson waren erstochen worden, und niemand hatte Zweifel: Der Mörder war O.J., der eifersüchtige Ehemann. Er wurde festgenommen nach einer seltsamen, landesweit live übertragenen Verfolgungsjagd auf den Freeways von L.A.. Und er wurde überführt - das dachten jedenfalls die Staatsanwälte. Doch eine Jury sprach Simpson frei, und natürlich ging es bei all dem um Rasse: Endlich einmal haben wir gewonnen, so sahen es viele Schwarze, nach all den Fehlurteilen der vergangenen Jahrzehnte, all den Freisprüchen für weiße Vergewaltiger, den Hinrichtungen schwarzer Unschuldiger, haben wir es ihnen endlich heimgezahlt!

Und O.J. war gebrandmarkt, schuldig gesprochen von einem Zivilgericht, verurteilt zu 30 Millionen Dollar Schadenersatz für die Familien der beiden Opfer, aber er war frei. Er zog von Kalifornien nach Florida, in die Vororte im Süden Miamis. Dort lebt er, bis heute.

Jährliche Altersversorgung von 400.000 Dollar

Die, die ihn kennen, sagen, O.J. Simpson führe ein eher ruhiges Leben in Florida. Er habe eine kleine Ranch gekauft, seine beiden Kinder, Nicoles Kinder, durch die Privatschule gebracht und Golf gespielt. "Er hat uns nie eine dunkle Seite gezeigt, obwohl wir danach gesucht haben", sagte Pedro Rosado, Inhaber eines kleines Restaurants, der "New York Times". Simpson arbeitet nicht, er lebt angeblich von den 400.000 Dollar, die seine fünf Altersversicherungen jedes Jahr abwerfen, Geld, an das die Anwälte der Mordopfer nicht herankommen. Es soll vorgekommen sein, dass Simpson, wenn er mit seinem schwarzen Lincoln Navigator in die Stadt fuhr, um wieder ein bisschen mit Tankwärtern und Wirten zu schwatzen, über Geldsorgen klagte. "Wenigstens können sie meine Pensionen nicht anrühren", soll er dann gesagt haben, und: "Ich liebe mein Leben."

Dieses Leben wurde hin und wieder noch von der Polizei gestreift. Mal war er zu schnell Auto gefahren, mal hatte er das Kabelfernsehen angezapft, ohne dafür zu zahlen, mal hatte er ein Rennboot durch Küstengebiete gejagt, in denen Rennboote verboten waren. Und einmal hatte seine Tochter Sydney die Cops gerufen, da ging es um ein "Missbrauchsding", wie sie sagte.

Sydney, 21, geht inzwischen auf die Boston University, ihr Bruder Justin, 19, auf die Florida State, und ihr Vater soll wieder mehr als früher unterwegs sein, in Las Vegas und den Nächten Amerikas, seit die Kinder aus dem Haus sind. Wurde das sein Verhängnis?

Ist sie jetzt vorbei, ist die Geschichte nun zu Ende? Simpson sagt, nicht er habe die Gegenstände klauen wollen, sondern ihm seien sie einst geklaut worden, ihm gehörten sie. "Kidnapping mittels tödlicher Waffe", das ist der schwerste Vorwurf der Ermittler, er könnte Simpson für Jahrzehnte ins Gefängnis bringen. Wahrscheinlicher aber ist, dass es weitergehen wird, immer weiter. Eines der mutmaßlichen Opfer jedenfalls ließ schon verlauten, dass es gerne alle Vorwürfe fallen lassen würde. Er sei ein Fan von O.J. Simpson, sagte der Mann.


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