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Momente der TV-Geschichte "Jungs, bitte, bitte, haltet an" - wie die völlig irre Flucht von O.J. Simpson die Welt in Atem hielt

O. J. Simpson im weißen Ford Bronco
Der weißen Ford Bronco mit O.J. Simpson wird von mehrere Polizeiwagen verfolgt.
© Joseph R. Villarin/ / Picture Alliance
Es ist die erste reale Verfolgungsjagd der TV-Geschichte: Die Fernsehkameras halten live darauf, als O. J. Simpson 1994 in einem weißen Ford durch Los Angeles flüchtet. Die Sender unterbrechen dafür sogar ihr Programm.

Es sind Szenen wie aus einem Hollywoodfilm, die sich am 17. Juni 1994 auf den Straßen von Los Angeles abspielen. Mehr als ein Dutzend Streifenwagen verfolgen einen weißen Ford Bronco über 90 Kilometer durch die Stadt. Helikopter von lokalen TV-Stationen filmen das Geschehen mit Hubschraubern und senden es live. Einige Sender unterbrechen dafür sogar das Eröffnungsspiel der Fußball-Weltmeisterschaft, die parallel in Chicago stattfindet und die Endspielserie beim Basketball. Am Ende sehen über 90 Millionen Zuschauer zu, wie der Geländewagen flüchtet. Selbst Präsident Bill Clinton schaltet ein. Denn auf dem Rücksitz befindet sich O.J. Simpson.

Es war die erste reale Verfolgungsfahrt, die live via Hubschrauber übertragen wurde. Simpson war an besagtem Tag wegen Mordes an seiner ehemaligen Ehefrau Nicole und ihrem Freund, dem Kellner Ronald Goldman, angeklagt worden. Um 11 Uhr wollte er sich freiwillig bei der Polizei stellen. Doch er erschien nicht. Daraufhin wurde der Footballstar zur Fahndung ausgeschrieben. Um 18.45 Uhr entdeckte die Polizei Simpson in dem weißen Bronco, der seinem Freund Al Cowlings gehörte. Die Irrfahrt durch L.A. begann.

Die Szenen wirken bis heute bizarr. Der SUV fährt minutenlang scheinbar unbehelligt über den Highway. In gebührendem Abstand verfolgen ihn mehrere Polizeiwagen, die keinerlei Anstalten machen, der Wagen zu stoppen. Der Grund: Simpson hatte an dem Tag eine Art Abschiedsbrief geschrieben und angeblich eine Waffe im Auto. Die Behörden befürchteten einen Suizid.

"Jetzt biegt Simpson auf den San Diego Freeway ein"

Das sickerte auch zu den Reportern durch. "O.J. Simpson ist auf der Flucht. Vorsicht, er hat eine Waffe", lauteten die Live-Kommentare zu den Fernsehbildern. Das sorgte bei den Zuschauern für das Gefühl, einen echten Fernsehkrimi zu verfolgen und trieb die Einschaltquote weiter in die Höhe. Dazwischen Meldungen wie: "Jetzt biegt Simpson auf den San Diego Freeway ein." Oder: "Nun wechselt er die Fahrspur". Auf den Straßen versammelten sich Schaulustige und winkten dem Wagen auf Brücken und am Straßenrand zu. Einige feuerten O.J. an, andere weinten. Eine absurde Situation. Jim Hill, ebenfalls ehemaliger Footballprofi und inzwischen Sportmoderator, appellierte über Radio: "0.J. und Al, wenn ihr mir zuhört, Jungs, bitte, bitte, haltet an."

Ob es an den Appellen lag oder ob O.J. Simpson zur Vernunft kam: Am Abend endete die Fahrt unspektakulär. Der Wagen bog in Richtung des Wohnhauses Simpsons im Vorort Brentwood ein. Simpson stieg aus dem Wagen und stellte sich den Beamten. Die erste Live-Verfolgungsjagd der TV-Geschichte war beendet. Es folgte ein spektakulärer Prozess an dessen Ende ein noch spektakuläreres Urteil für Simpson stand: Freispruch.

mai

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