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Vermietung zum Oktoberfest: Reich werden mit der Wiesn - so geht es

Immer mehr Münchner verdienen am Oktoberfest: Sie vermieten ihre Wohnung zur Wiesn-Zeit unter und kassieren dafür über 1000 Euro. Nur erwischt werden dürfen sie nicht.

Von Jens Maier, München

Marks* Anruf kam vor einer Woche: "Kann ich am zweiten Wiesn-Wochenende bei euch pennen?" An dem Telefonat ist zur Oktoberfestzeit eigentlich nichts ungewöhnlich. Fast jeder Münchner kennt das. Aus der ganzen Republik melden sich Mitte September urplötzlich Freunde, die ja schon so lange geplant hatten, mal zu Besuch zu kommen. Jetzt soll's zum Oktoberfest sein. Sei's drum. Doch das Wundersame ist, Mark wohnt selbst in München. In bester Lage, direkt an der Theresienwiese. Was um alles in der Welt will er also in Ober-Giesing am zweiten Wiesn-Wochenende? Die Antwort: "Ich habe meine Wohnung vermietet."

Mark ist einer der vielen Münchner, die während der Wiesn ihre Wohnung untervermieten. Gegen Bares, versteht sich. In der ganzen Stadt sind Hotelzimmer von Ende September bis Anfang Oktober ausgebucht. Wer dennoch ein freies Zimmer ergattert, zahlt nicht selten für eine Zwei-Sterne-Absteige bis zu 300 Euro die Nacht. Ohne Frühstück, versteht sich. Seitdem es Wohnungs-Vermietungs-Plattformen wie Airbnb oder Wimdu gibt, bekommen die Kommerziellen verstärkt private Konkurrenz. Die Online-Portale sind praktisch. Der Vermieter braucht keine Sorgen zu haben, sein Geld nicht zu bekommen und die Mieter können sich die Wohnungen nach Lage und anhand der Bewertungen auswählen. Praktisch.

Die Mieter kommen sogar aus Singapur

"Apartment walking distance to Octoberfest" hat Mark seine Zwei-Zimmer-Wohnung inseriert. Sie ist schön eingerichtet und mit modernen Möbeln und hellem Dielenfboden ausgestattet, aber in einem schmucklosen Münchner Nachkriegsbau an einer viel befahrenen Hauptstraße gelegen. Doch das scheint niemanden zu interessieren. Der Hinweis auf die Nähe zur Wiesn zählt. Mark kann sich vor Buchungsanfragen kaum retten. Gleich mehrere Gäste haben sich eingemietet, die Wohnung ist schon seit Monaten während aller drei Oktoberfest-Wochenenden ausverkauft.

Die Mieter sind international. "Am ersten Samstag kommt Richard mit zwei Freunden. Amerikaner, der in Singapur lebt", sagt Mark. "Am zweiten Wochenende habe ich 'ne Firmenbuchung drin, also ein Geschäftsmann aus Bremen mit Familie und Au pair Mädchen", führt er weiter aus. "Und dann kommt am letzten WE Christina. die ist aus Basel und ist Sozialpädagogin." Mark vermietet immer nur von Freitag bis Sonntagmittag. "„An Wiesn-Personal über den gesamten Zeitraum vermiete ich nicht. Ich muss ja arbeiten, da brauch ich meine Wohnung schon auch selbst." Logisch.

Stadt München fahndet nach privaten Vermietern

Während Mark seine komplette Wohnung in fremde Hände gibt, vermietet Sandra* immer nur ein Zimmer. Auch sie wohnt direkt an der Theresienwiese. Vom Goetheplatz sind es nur wenige Gehminuten bis zu allen Festzelten. Auch sie ist ausgebucht. Ihren Besuch, einen 28-jährigen Australier mit seiner Freundin, bekommt sie nur selten zu sehen. "Meist schlafen die noch, wenn ich aus dem Haus gehe und abends sind die sowieso unterwegs." Die perfekten Mieter. Schlechte Erfahrungen hat sie bislang mit ihren Gästen selten gehabt. "Nur einmal, da war eine chinesische Familie da. Die haben die komplette Wohnung in Beschlag genommen, sodass ich mir selbst vorkam wie die Untermieterin."

Glückliche Vermieter, zufriedene Gäste. Nur die Stadt München, die findet den privaten Zimmervermittlungsmarkt gar nicht lustig. Der Grund: Durch die Wohnungsbörsen gehen der Stadt Steuereinnahmen verloren. Deshalb geht München gegen die Vermieter mit Bußgeldbescheiden vor. Wer beim privaten Wohnungshandel erwischt wird, dem droht eine Strafe von mehreren hundert Euro. Auch vom eigentlichen Vermieter der Wohnung kann es Ärger geben. Denn Untervermietungen gegen Bezahlung sind verboten und können die Kündigungen nach sich ziehen. Eine städtische Satzung bezeichnet das, was Mark und Sandra tun als "Tatbestand der Zweckentfremdung".

Die Aussicht aufs Geschäft macht risikofreudig

Auch bei Mark und Sandra wissen die Vermieter nichts davon, wer während der Oktoberfestzeit dort alles ein und ausgeht. Airbnb weiß das und legt viel Wert auf Diskretion. Adressen und Namen der Gastgeber werden erst nach Bezahlung bekannt gegeben. Ein Restrisiko bleibt jedoch, das weiß auch Mark. Doch wenn er am Ende des Oktoberfestes seinen Kontostand abfragt, ist ihm das egal. 2400 Euro verdient er in den drei Wochen. Da er die Endreinigung selbst übernimmt streicht er auch noch 30 Euro Reinigungsgebühr ein. Auch Airbnb verdient kräftig mit. Zehn Prozent Provision gehen an die amerikanische Firma. Das lohnt sich offenbar so gut, dass Airbnb sogar professionelle Fotografen anheuert, um besser Aufnahmen für die Profile zu machen. Auch bei Mark war schon einer da.

Mark wird am zweiten Wochenende Gast in einer netten Dachterrassenwohnung in Ober-Giesing sein. Nicht gerade Wiesn-nah. Doch dafür hat sie einen entscheidenden Vorteil: Mark darf umsonst bei uns wohnen. Sein Aufenthalt von Montag bis Freitag wird ihn lediglich zwei Maß Bier auf der Wiesn kosten. Dagegen dürfte selbst das Münchner Ordnungsamt nichts haben. *Name von der Redaktion geändert

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