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Was macht eigentlich ...: ... Esther Carlitz?

Zehn Tage war die Leipziger Biologiestudentin und Affenforscherin im Kongo verschollen - sie hatte sich bei der Suche nach Bonobos im Urwald verlaufen.

Gehen Sie noch gern allein in den Wald?

Nicht unbedingt allein. Das war nie mein Fall, einfach weil das langweilig ist. Aber ich wandere nach wie vor gern, auch durch Wälder. Und weil Sie so fragen: Ich würde auch jederzeit wieder in den Regenwald zurückkehren.

War es doch so schön?

Ich hatte eine Woche keine Nahrung, war zwei Tage ohne Wasser und dazu noch allein. Das war sicher nicht schön. Aber es gab trotzdem diese Momente, in denen ich über die atemberaubende, unberührte Natur und die vielen Tiere nur staunen konnte. Das ist geblieben. Auch habe ich wunderbare Menschen kennengelernt, wie die Jäger, die mich gerettet haben.

Das sollen Wilderer gewesen sein.

Die einen nennen sie Wilderer, ich nenne sie Jäger. Man kann den Leuten ja keine Schuld geben, dass sie ihre Familien ernähren müssen. Wenn man ihren Wald zum Weltnaturerbe erklärt, muss man ihnen auch Alternativen für den Broterwerb bieten. Dafür möchte ich mich in Zukunft auch mit einem Verein engagieren.

Hatten Sie keine Angst?

Vor dem Tod? Den Gedanken habe ich kaum an mich herangelassen. Für mich ergab das keinen Sinn: kurz vor der Abreise noch die Diplomprüfungen - wegen der geplanten Zeit im Kongo extra ein halbes Jahr früher. Und das nur, damit ich dann sterbe? Ich hatte das Gefühl, dass Gott mir einen Weg zeigen wird, wenn ich nicht aufgebe.

Also nur eine Art Dschungel-Prüfung?

Wenn man so will, ja. Ich habe physische und psychische Belastungsgrenzen kennengelernt, und zwar in dem Sinn, dass man viel mehr leisten kann, als man glaubt. Natürlich habe ich auch ein paar Krankheiten mitgebracht, aber hoffentlich nichts, was nicht wieder heilen wird.

Wieso haben Sie bisher nie öffentlich über diese Zeit gesprochen?

Auf der Pressekonferenz in Kinshasa war ich ziemlich am Ende meiner Kräfte. Es hat gerade noch gereicht, mich bei den kongolesischen Helfern und Behörden zu bedanken. Deren Hilfsbereitschaft, die Unterstützung und ihr Mitgefühl haben mich tief bewegt. Völlig fremde Menschen haben für mich gebetet! Zurzeit schreibe ich an einem Buch über die Tage im Kongo.

Das Max-Planck-Institut hat damals behauptet, Sie hätten sich entgegen Anweisungen von einem Kollegen getrennt.

Das stimmt nicht. Mehr kann ich dazu im Moment nicht sagen. Das Max-Planck-Institut hatte angekündigt, die Kosten für die Suchaktion auf mich abwälzen zu wollen. Damit müssen sich vielleicht noch Juristen auseinandersetzen.

Haben Sie eine Erklärung, warum die Botschaft erst nach vier Tagen von Ihrem Verschwinden erfuhr?

Das müssen Sie schon die Verantwortlichen des Instituts fragen. Die deutsche Botschaft in Kinshasa wurde erst von meiner Familie informiert. Überhaupt haben meine Familie, viele Freunde und auch andere Unglaubliches geleistet und nicht lockergelassen.

Was wurde aus Ihrer Diplomarbeit?

Unter anderem dafür hätte ich mein Praktikum gern fortgesetzt. Leider wollte dies das Institut nicht. Nun beschäftige ich mich statt mit Bonobos mit dem Paarungsverhalten von Nacktschnecken.

Klingt, ehrlich gesagt, nicht ganz so spannend wie Feldstudien im Regenwald.

Mein Ziel ist natürlich immer noch die Feldforschung. Aber auch Nacktschnecken geben Biologen spannende Rätsel auf. Sie sind Zwitter. Man glaubt gar nicht, wie kompliziert deren Liebesleben ist.

Interview: Holger Witzel / print
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