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Was macht eigentlich...: ...Ivan Lendl?

Der gebürtige Tscheche, der seine Gegner und oftmals auch die Zuschauer zermürbte, war 270 Wochen lang Herrscher der Tennis-Weltrangliste.

Herr Lendl, werden Sie noch auf der Straße erkannt?

Selten. Ich sehe ein wenig verändert aus. Mein kurzes Haar ist unheimlich pflegeleicht, ich brauche kaum Shampoo.

Und Sie haben ein paar Kilo zugenommen.

Obwohl ich fast jeden Tag auf dem Fahrrad sitze, was viel Spaß macht. Ich kann nicht nur zu Hause auf dem Sofa rumhängen. Tennis spiele ich höchstens ein-, zweimal im Jahr, dann für einen guten Zweck.

Warum spielen Sie nicht mehr?

Ich habe gar keinen Schläger mehr, habe alle gespendet. Ich muss mir immer einen leihen. Hauptgrund ist aber, dass ich nicht mehr so spielen könnte, wie ich es gern möchte, meine Rückenprobleme sind zu stark. Aber wenn ich etwas anpacke, will ich es zu 100 Prozent machen. Halbe Sachen gibt es bei mir nicht.

Gucken Sie denn wenigstens noch Tennis?

Wenn Roger Federer bei Grand-Slam-Turnieren spielt. Die Kerle sind heute größer, kräftiger und haben diese Killerschläge. Das liegt natürlich auch an der Weiterentwicklung der Schläger. Ohne Federer würden alle sagen, wie spannend die Turniere sind. Tja, Pech gehabt. Federer ist einfach zu gut.

Haben Sie mit Tennis komplett abgeschlossen?

Nein. Meine große Familie nimmt zwar viel Zeit in Anspruch, aber einmal im Jahr fahre ich zu den US Open. Dort treffe ich auch immer John McEnroe. Wir sagen "Hallo", das war’s. Freunde werden wir nicht mehr. Dass ich ihn im Finale der French Open 1984 nach 0:2-Satzrückstand noch besiegen konnte, war besonders schön.

Sind Sie stolz auf Ihre Karriere?

Ich habe mehr erreicht, als ich je erträumt habe. Natürlich hätte ich am liebsten 25 Grand-Slams gewonnen, auch gern Wimbledon.

Ärgert Sie die verpasste Chance noch immer?

Sagen wir so: Ich habe keine Albträume. Es wurde behauptet, dass ich mir zu Hause extra einen Rasenplatz angelegt hätte, um bessere Chancen in Wimbledon zu haben. Völliger Quatsch.

Legendär ist Ihr Match bei den French Open 1989 gegen Michael Chang, der Sie mit einem Aufschlag von unten überraschte.

Und unzählige Bananen aß! Es war kein bedeutendes Match, kein Finale. Und ich habe Michael immer gemocht. Darüber lachen konnte ich damals schon.

Kaum zu glauben. Sie gingen doch zum Lachen in den Keller.

Ich war konzentriert. Ob ich heute auf dem Golfplatz stehe und gegen meine Töchter spiele oder früher im Finale eines Turniers stand: Ich will Erfolg haben.

Wie denken Sie heute über Boris Becker?

Wir haben uns aus den Augen verloren. Ich habe ihn zum letzten Mal vor Jahren bei einem Golfturnier gesehen. Er war einer meiner größten Gegner, und wir haben uns fantastische Matches geliefert. Das Wimbledon-Finale 1986 gegen ihn hätte ich natürlich schon gern gewonnen.

Sind Sie heute genauso besessen vom Golfen wie damals vom Tennis?

Nein, Tennis besaß absolute Priorität, heute ist es die Familie. Ich spiele zwar technisch so gut wie ein Golfprofi, in Wirklichkeit bin ich es nicht. Ich spiele nicht täglich und nur selten bei Wettkämpfen.

Und sonst?

Mit meinen Töchtern fahre ich von Turnier zu Turnier. Ihr Caddie bin ich aber nicht – ihre Sachen müssen sie schon selbst tragen. Ich pusche sie, helfe ihnen. Sie wollen oft zu viel riskieren. Ich bin sehr stolz auf sie. Aber jeder, der Töchter in der Pubertät hat, weiß, was ich mitmache.

Kommen Sie bei sechs Frauen zu Hause überhaupt zu Wort?

Gar nicht. Durchsetzen kann ich mich nur bei meinem deutschen Schäferhund. Er ist der Einzige, der auf mich hört.

Interview: André Groenewoud / print