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hintergrund: »Alt? Ich bin doch erst 29!«

Alle Grand-Slam-Turniere hat Pete Sampras gewonnen, nur nicht die French Open. Der Amerikaner über sein letztes großes Ziel, seine jungen Herausforderer ? und warum zu viele gute Spieler dem Tennis schaden

Mr. Sampras, in dieser Saison haben Sie noch kein einziges Turnier gewonnen. In Hamburg sind Sie jetzt sogar in der ersten Runde gescheitert. Sind Sie nach 13 Profi-Jahren müde?

Nein, müde nicht. Niederlagen tun mir immer noch weh. Zurzeit kämpfe ich einfach darum, in mein Spiel zu finden. Bis zu den French Open muss ich irgendwie mein Selbstvertrauen wieder aufbauen.

Auch als bester Tennisspieler, den es je gab, haben Sie das noch nötig?

Oh, ja. Um bei den Grand Slams gut zu sein, musst du vorher deinen Rhythmus gefunden haben. Du kannst nicht mit dem Finger schnippen und ? schwupps ? ist die Form da. Ich will, wenn ich nach Paris fahre, dass mich die Jungs ein bisschen fürchten. Dass ich eine Aura habe. Dass sich die anderen zuflüstern: Pete ist gut drauf.

Sie haben 13 Grand-Slam-Titel geholt, so viele wie niemand vor Ihnen. Nur Paris haben Sie bis heute nicht gewonnen. Was würde Ihnen ein Sieg dort bedeuten?

Es wäre der absolute Traum. Denn auf Sand bin ich verwundbarer als auf anderen Belägen. Mein Spiel ist nicht so druckvoll, mein Aufschlag springt langsamer ab. Das spüren die Jungs und denken sich: Hier kann ich Pete schlagen. Das Niveau in der Weltspitze ist sowieso höher als jemals zuvor. Die jungen Spieler wie Safin, Ferrero, Kuerten, Hewitt sind unglaublich gut.

Trotzdem steckt das Männertennis in einer Krise. Es fehlt an Persönlichkeiten, die den Sport attraktiv machen. Woran liegt das?

Es gibt zu viele verschiedene Sieger. Nur wenn wenige Spitzenathleten einen Sport dominieren, entsteht Rivalität. Und Rivalität ist das, was die Menschen interessiert, was das Spiel verkauft. Früher gab es Borg, McEnroe, Connors, Lendl, die Turniersiege unter sich ausmachten. Heute sind 20 Spieler gut genug, einen Grand-Slam-Titel zu gewinnen.

Auch Thomas Haas und Nicolas Kiefer?

Auch sie. Tennis steckt in einer Übergangsphase. Wenn Andre Agassi und ich mal aufhören, werden all diese Jungs so weit sein, dass sie als Typen anerkannt werden. Das war früher genauso. Als ich 1990 mit 19 Jahren erstmals die US Open gewann, standen McEnroe und Lendl gerade am Ende ihrer Karriere, und alle fragten sich: Wer ist denn dieser Knabe?

Sie wissen selber, wie lange es dauern kann, bis man als Star angesehen wird: Viele Jahre galten Sie als Langweiler ? erst Ihre Beständigkeit machte Sie populär.

Wenn ich jemandem noch etwas beweisen will, dann höchstens mir selbst. Jeder Profi hat seine Persönlichkeit, in die er hineinwächst. Als junger Spieler lebst du wie in einer Blase ? du nimmst nichts wahr, was um dich herum geschieht. Zehn Jahre später hast du die Augen weit offen.

Sind die Youngster von heute anders als Sie zu Beginn Ihrer Karriere?

Nein: Sie sind ebenso ehrgeizig, so hungrig.

Sehen Sie jemanden, der das Tennis einst dominieren könnte wie Sie in den Neunzigern?

Ein paar haben außergewöhnliches Talent, und von denen spielt Gustavo Kuerten vielleicht am konstantesten. Aber es ist hart, immer vorne zu sein.

Wie haben Sie das geschafft?

Man muss besessen sein. So war Jimmy Connors, so war Ivan Lendl. Ich denke nur ans Gewinnen. Ich lasse es nicht zu, dass ich abgelenkt werde. Ich achte nicht darauf, was die Leute sagen, was die Presse schreibt.

Boris Becker trat 1997 zurück, nachdem er gegen Sie in Wimbledon verloren hatte. Er sagte, er habe sein Bestes gegeben, aber das sei nicht mehr gut genug. Kennen Sie dieses Gefühl?

Nein, es ging mir noch nie so, dass ich dachte: Ich habe keine Chance, selbst dann nicht, wenn ich mein bestes Tennis spiele. Nach wie vor sehe ich niemanden, der dann besser spielen und mich schlagen könnte.

Obwohl Sie unter den Tennisprofis ein alter Mann sind.

Alter Mann? Ich bin doch erst 29. Das ist immer noch sehr jung. Das Niveau, auf dem ich spiele, ist so hoch wie früher. Was nachlässt, ist die Konstanz. Irgendeinen Preis muss ich eben zahlen.

Wie sehr haben Sie sich in all den Jahren verändert?

Ich bin nicht mehr so naiv. Mit 20 bist du grün hinter den Ohren, du läufst durch die Welt wie ein kleiner Spielzeughund. Aber dieser Job lässt einen viel schneller reifen, als wenn du im Büro arbeitest. Ich habe zum Beispiel Europa schätzen gelernt. Tennis ist mir immer noch wichtig, aber ich weiß jetzt: Es ist nicht das Ende des Lebens.

Schon mal ans Aufhören gedacht?

Noch nie. Wenn es mir eines Tages egal sein sollte, ob ich gewinne oder verliere, werde ich sagen: Stopp! Das war?s. Ich nehme mir nur eins vor: Wenn es vorbei ist, gibt es kein Zurück. Aber der Tag liegt noch in weiter Ferne. Ganz sicher.

Für viele Athleten ist der Rücktritt die härteste Entscheidung ihrer Karriere ...

... weil das Gefühl, ein großes Match zu spielen, so unglaublich aufregend ist. Und weil jeder weiß, wie schwer es ist, so ein intensives Gefühl im wirklichen Leben zu finden. Schauen Sie sich den früheren Basketballstar Michael Jordan an, der wieder mal ein Comeback plant. Es ist wie eine Sucht.

Können Sie sich ein Leben ohne Tennis vorstellen?

Das weiß ich nicht. Jedenfalls muss ich etwas zu tun haben. Einfach nur Golf spielen und ab und zu ins Kino gehen würde mir nicht reichen.

Wie man an Becker sieht, ist es schwierig, als Geschäftsmann genauso Erfolg zu haben wie als Tennisspieler.

Auf dem Platz habe ich alles unter Kontrolle. Genau daran scheitern viele Sportler im Geschäftsleben: Sie glauben, dass sie alles selbst machen müssen. Dabei ist das Business kein Tennismatch. Du brauchst Partner, denen du vertrauen kannst.

Bringen Sie das fertig?

Ich glaube, dass ich diese Fehler nicht machen werde. Weil es mir nicht darum gehen wird, mehr Geld zu machen. Ich will bloß etwas finden, bei dem ich Spaß habe ? und meinen Frieden. Vielleicht werde ich Kindern zeigen, wie man Tennis spielt. Warum nicht?

Interview: Rüdiger Barth/Detlef Hacke

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