VG-Wort Pixel

Goldene Tennis-Ära Wir dürfen live miterleben, wie die Geschichte eines Sports neu geschrieben wird

Novak Djokovic mit dem Pokal der Australian Open
Getrieben von der Jagd auf Rekorde: Novak Djokovic mit dem Pokal der Australian Open am Brighton Beach von Melbourne
© Graham Denholm/Getty Images
Er lässt einfach nicht locker: Novak Djokovic hat zum neunten Mal die Australian Open und sein 18. Grand-Slam-Turnier gewonnen. Mit dem Serben und seinen Rivalen Federer und Nadal sind Ausnahmeleistungen zur Regel geworden – was sie umso erstaunlicher macht.

Alexander Zverev spielte gut in seinem Viertelfinalmatch bei den Australian Open. Er hatte den ersten Satz gewonnen und später sowohl im dritten als auch im vierten Durchgang mit Break geführt – nur um sich am Ende dann doch den Straßenkämpferqualitäten des Weltranglistenersten Novak Djokovic geschlagen geben zu müssen. Er sei nicht weit entfernt gewesen, sagte der Hamburger hinterher: "Aber er ist ein Gewinner, das hat er wieder mal gezeigt." Und das hat Djokovic bis zum Ende des Turniers dann auch weiter gezeigt. Wie gewohnt.

Zverev ist immer noch erst 23 Jahre alt, er hat noch Zeit für seinen ersten Triumph bei einem der vier Grand-Slam-Turniere – den Australian Open, den French Open, Wimbledon und den US Open –, jenen Premium-Events des Tennis, bei dem es seit nunmehr anderthalb Jahrzehnten bis auf wenige Ausnahmen kein Vorbeikommen an Djokovic oder seinen langjährigen Rivalen, dem Schweizer Roger Federer und dem Spanier Rafael Nadal, gibt.

Irgendwann soll die "Next Generation" übernehmen. Irgendwann.

Neben Zverev gehören auch der mit seinen 27 Jahren etwas ältere Dominic Thiem aus Österreich, der Grieche Stefanos Tsitsipas (22) sowie der 25-jährige Russe Daniil Medwedew zur vielbesungenen "Next Generation", die ihre übermächtigen Vorgänger irgendwann beerben soll. Die Betonung liegt auf: irgendwann. Medwedew bekam im Finale von Melbourne gerade erst eine neuerliche Lehrstunde von Djokovic erteilt.

"Wir können den ganzen Tag darüber reden, aber bei allem Respekt für die Jungs, sie haben noch eine Menge Arbeit vor sich", sagte Djokovic bei der Siegerehrung in der Rod Laver Arena. "Ich werde ihnen nicht meinen Platz überlassen. Ich werde sie sehr hart dafür arbeiten lassen." Das kann jemand, der inzwischen im Rahmen seiner Karriere insgesamt 309 Wochen an der Spitze der Weltrangliste verbracht hat, unwidersprochen behaupten.

Und theoretisch ist es auch ein ganz normaler Vorgang: Langsam alternde Stars, die sich den Angriffen junger Emporkömmlinge erwehren müssen. Der Unterschied ist: Der 33-jährige Djokovic, Nadal, 34, und der in diesem Jahr 40 Jahre alt werdende Federer haben bisher einfach nicht locker gelassen. Bei normaler Konkurrenzsituation hätten Zverev & Co. wohl schon längst den einen oder anderen Grand-Slam-Titel mehr abgeräumt. Aber die Situation ist nicht normal, denn das Trio der Superlative hat in der Vergangenheit noch jeden Herausforderer schlicht verschluckt.

Das belegen zuvorderst die Zahlen: Bei 58 von 68 Grand-Slam-Turnieren seit 2004 (!) gewannen entweder Federer, Nadal oder Djokovic. Zusammengenommen standen die Großen Drei seitdem über 828 Wochen auf Platz eins der Weltrangliste. Federer und Nadal haben bisher je 20 Grand-Slam-Turniere gewonnen, Djokovic ist ihnen mit 18 Titeln immer dichter auf den Fersen. Zum Vergleich: Bis ins Jahr 2000 hatte der Australier Roy Emerson mit zwölf Grand-Slam-Triumphen über mehr als drei Jahrzehnte den scheinbar ewigen Rekord inne, bevor ihn Pete Sampras (14 Karrieretitel) irgendwann ein- und überholte. 20 Jahre später haben gleich drei Spieler quasi zeitgleich diese Meilensteine pulverisiert.

Und weil wir in einer Zeit leben, in der uns leicht der Eindruck ereilen kann, dass sich der Mensch an alles gewöhnt, ist der neunte Triumph von Djokovic in Melbourne ein angemessener Anlass, einmal mehr hervorzuheben: Wir, die Sportfans in aller Welt, dürfen dieser Tage – und nunmehr schon seit Jahren – live miterleben, wie die Geschichte des Tennis neu geschrieben wird. Immer wieder gab es große Duelle, die ihre jeweilige Ära prägten – Borg vs. McEnroe, Becker vs. Edberg, Agassi vs. Sampras –, aber mit der Dominanz und Konstanz der drei Ganzgroßen ist nichts davon zu vergleichen.

"One Moment in Time" mit Federer, Nadal & Djokovic

Weil sie weit über die Centre Courts rund um die Welt hinausgeht: Es hat in der Geschichte wohl kaum einen Moment gegeben, in dem gleich drei Spieler einer Sportart – und nicht zuletzt drei so gegensätzliche, komplexe und faszinierende Persönlichkeiten – parallel und über einen derart langen Zeitraum aktiv waren, von denen jeder zu Recht für sich reklamieren kann, der Größte aller Zeiten zu sein.

Der "One Moment in Time", den Whitney Houston einst mit angemessenem Pathos beschworen hat und der seither den Zeitlupen-Highlights eines jeden sportlichen Großereignisses zum Soundtrack gereicht, wird im Herrentennis Saison für Saison aufs Neue zur Realität. Und fast scheint es, als würden wohl nur die drei Protagonisten selbst entscheiden, wann ihre Regentschaft aufhört: nämlich genau dann, wenn sie – und nur sie – selbst ihren Karrieren ein Ende setzen. Ketzer könnten behaupten, dass Medwedew, Tsitsipas, Thiem und Zverev diesen Moment langsam herbeisehnen.

Und natürlich werden sie anschließend ihrem Sport mit Würde den Weg in die Zukunft weisen. Doch bei allem Respekt für die "Next Generation": Eine Ära wie diese wird es nicht noch einmal geben. Das Gute daran: Im Sport lässt es sich in Echtzeit oft nicht erahnen, dass man gerade Zeuge einer historischen Höchstleistung wird. Aber bei Roger Federer, Rafael Nadal und Novak Djokovic sind wir uns dessen längst bei jedem Match bewusst.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker