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WAS MACHT EIGENTLICH ...: Martin Wächtler

Der damals 15-jährige Neffe des TV-Journalisten Dieter Kronzucker wurde 1980 mit dessen beiden Töchtern in der Toskana verschleppt. Gegen ein Lösegeld von 4,3 Millionen Mark kamen die drei wieder frei.

Der damals 15-jährige Neffe des TV-Journalisten Dieter Kronzucker wurde im Sommer 1980 mit dessen beiden Töchtern in der Toskana verschleppt. Gegen ein Lösegeld von 4,3 Millionen Mark kamen die drei nach 68 Tagen wieder frei.

Zur Person:

Martin Wächtler lebt mit seiner Familie in Konstanz. Der 37-Jährige arbeitet als Unternehmensberater vorwiegend in Deutschland und der Schweiz. Die Entführung Wächtlers und der beiden Kronzucker-Töchter Susanne und Sabine war damals ein großes Medienereignis - sogar der Papst appellierte via TV an die Vernunft der Geiselnehmer. 1985 wurden sie in Florenz verurteilt, Bandenchef Mario Sale hingegen wurde aus Mangel an Beweisen in Abwesenheit freigesprochen. Mittlerweile ist der vielfach Totgesagte überführt, blieb aber bis heute untergetaucht.

Herr Wächtler, wann hat sich das letzte Mal ein Journalist für Sie interessiert?

Das muss während meiner Bundeswehrzeit gewesen sein, so um 1985 herum, als der Prozess gegen unsere Entführer in Italien stattfand. An meinen Namen erinnern sich die Leute nur noch selten.

Nur wenige deutsche Entführungsfälle fanden ein derartiges öffentliches Interesse.

Das wäre sicher nicht so gewesen, wenn damals nicht der Name Kronzucker drübergestanden hätte.

Was würden Sie dem Hauptentführer Mario Sale sagen, falls er noch lebt?

Ich glaube nicht, dass wir besonders viel zu reden hätten. Von meiner Seite ist kein Groll geblieben, ich habe auch später keine Angstzustände erlebt oder Ähnliches. Es ist eine Erfahrung, die zu meiner Person gehört, auch wenn ich so etwas um Himmels willen niemandem wünschen möchte. Meine Kusinen hatten damit sicherlich ein bisschen mehr Probleme. Mädchen und Frauen sind in solch einer Situation ganz anderen Ängsten ausgesetzt.

Welche Erinnerungen sind an die Entführungszeit geblieben?

Eigentlich vor allem die Langeweile. Dass überhaupt nichts passierte, war das Schlimmste. Ich war alleine in meinem Zelt, die Mädchen im anderen. Abends wurde es dunkel, morgens wieder hell, und man hatte nichts zu tun, von ein, zwei Unterbrechungen am Nachmittag abgesehen.

Hatten Sie und Ihre Kusinen zu keiner Zeit Angst um Ihr Leben?

Ganz am Anfang schon, danach nicht mehr. Wir wussten von der Bedrohung, aber nahmen sie im Lauf der Zeit nicht mehr so richtig wahr.

Ihre Angehörigen mussten die Lösegeld-Millionen heimlich nach Italien schaffen. Was wurde aus dem angedrohten Verfahren wegen Devisenvergehens gegen sie?

Nichts. Meine Eltern sind aus verschiedenen Gründen eine Weile nicht mehr nach Italien gefahren, aber ein Verwandter hat seinen Namen einmal auf einer Polizeiliste in Italien lesen können. Dort ist das Zahlen von Lösegeld nun einmal verboten. Es gibt fürchterlich viele Geschichten darüber, wie der Transport des Geldes stattgefunden hat. Ob es allerdings tatsächlich in einer Schweinehälfte steckte, wie manche sagen, weiß ich wirklich nicht.

Hat Ihre Familie Schulden behalten? 4,3 Millionen Mark Lösegeld sind viel Geld.

Das meiste war geliehen, anderes stammte aus einem Grundstücksverkauf und günstigen Krediten, die man uns angeboten hatte. Der Berufsverband meines Vaters stellte 100000 Mark zinslos zur Verfügung. Einen großen Teil deckten die Illustriertenrechte. Es hat eine Weile gedauert, inzwischen sind die Schulden abbezahlt.

Was hat sich für Sie durch das Erlebnis verändert?

Ich gehe seitdem mit dem eigenen Leben bewusster um. Das ist ein positiver Aspekt. Ich war sozusagen auf die nackte Existenz reduziert, das bringt eine andere Herangehensweise ans Leben mit sich. Und ich glaube zwar nicht unbedingt an die Kirche, aber an Gott. Das hat geholfen.

Haben Sie Ihren Kindern inzwischen von der Entführung erzählt?

Nein, noch nicht. Freunden durchaus, auch wenn ich nicht gerade mit der Geschichte hausieren gehe.

Haben Sie jemals wieder Urlaub in der Toskana gemacht?

Ja sicher, mehrmals. Ich bin immer wieder gerne da, die Landschaft ist einfach wunderschön.

Interview: Thomas Östreicher