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Was macht eigentlich...: Björn Engholm

Nach fünf Jahren als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein trat der sozialdemokratische Politiker zurück - Spätfolge der Barschel-Affäre 1987

Nach fünf Jahren als Ministerpräsident von Schleswig-Holstein trat der sozialdemokratische Politiker zurück - Spätfolge der Barschel-Affäre 1987

Zur Person:

Der gelernte Schriftsetzer und studierte Politologe hat mit seiner Frau Barbara - einer Malerin und Nichte der berühmten Dresdner Tanzpädagogin Gret Palucca - zwei Töchter, die ältere ist Galeristin in Wien. Engholm bewirtschaftet als Nebenerwerbswinzer knapp 600 Quadratmeter Weinberg in Kiedrich im Rheingau - und besitzt einen exzellent sortierten Weinkeller. Nach einem Bericht im stern hatte er zugeben müssen, von den kriminellen Machenschaften Uwe Barschels früher erfahren zu haben als zunächst behauptet.

Herr Engholm, offenbar ist Ihnen Kultur heute wichtiger als Politik?

Ich bin Kulturkurator der Lübecker St.-Petri-Kirche. Wir nutzen das Gotteshaus für Konzerte mit neuer Musik, Literaturlesungen oder Ausstellungen. Daneben bin ich Beiratsvorsitzender der Lübecker Uni und der Musikhochschule, sitze im Kulturbeirat Wismar-Stralsund und mache neue Kammermusik.

Der frühere SPD-Vorsitzende tingelt durch die Lande und erzählt, wie man Kirchen aufpeppen kann?

Vielleicht meinen Sie, Kulturpolitik ist schöngeistige Spielerei, aber das wäre Unsinn. Kulturpolitik ist in Zeiten ökonomischer Vorherrschaft der harte Kampf, um einen vernachlässigten Sektor im Bewusstsein zu halten. Der französische Historiker Jacques Le Goff sagte mal, Europa wird kulturell existieren oder gar nicht, das heißt, es wird austauschbar sein mit den USA oder Singapur. In einer austauschbaren Welt aber, in der alle Menschen gleich gekleidet sind oder sich an den gleichen Stellen Fett absaugen lassen, will ich nicht leben.

Haben Sie je an ein politisches Comeback gedacht?

Ich war nie so verliebt in die Macht, dass ich davon süchtig geworden wäre, und habe mit der Kultur ein zweites Standbein.

Reizt es Sie gar nicht mehr, sich politisch einzumischen?

Ich habe es als SPD-Vorsitzender auch nicht gemocht, wenn die Altvorderen hineinredeten, ohne Verantwortung zu übernehmen. Ich glaube außerdem, dass Gerhard Schröder keinen gesteigerten Wert auf Ratschläge von mir legt; vielleicht kennen wir uns auch einfach zu gut. Die politische Kultur hat sich verändert. Willy Brandt scharte immer eigenwillige Köpfe um sich. Heute sind die meisten Politiker - und nicht nur sie - vor allem mit ihrer eigenen Karriere beschäftigt. Widerspruch wird da leicht als Verrat empfunden.

Ist es nicht ein typisch deutsches Phänomen, dass Politiker, die einmal weg sind, kein Comeback mehr haben?

Wenn man richtig einen auf die Schnauze bekommen hat, sollte man es wie ein kluger Boxer halten: Never come back. Ich habe bei meinem Rücktritt 1993 zwar einen hohen Preis für ein relativ kleines Vergehen bezahlt, bereue es aber nicht. Noch einmal erleben, was wir damals erlebten, als wir von Herrn Barschel und seinen Mitarbeitern nicht als Gegner, sondern als Feinde bekämpft wurden - nein, danke.

Sind Sie verbittert?

Keine Spur. Ich war, als ich zurücktrat, enttäuscht über Leute, die ich zu meinen Freunden zählte und die dann lustvoll an meinem Stuhl sägten. Aber es gibt für ehemalige SPD-Vorsitzende ja nicht nur das Modell Lafontaine. Für die Kultur tingeln, wie Sie so schön sagen, ist gewiss nicht unwichtiger, als Kommentare in der "Bild"-Zeitung zu schreiben.

Als Kanzler - was würden Sie machen?

Die sozialen Sicherungssysteme müssen so umgestaltet werden, dass die nächsten zwei Generationen ohne Angst nach vorn blicken können. Und das Steuersystem braucht eine Entschlackung. Anders gesagt: Was Willy Brandt außenpolitisch geleistet hat, muss Schröder jetzt im Innern leisten: die Zukunft sichern. Dies ist seine historische Aufgabe, die wichtiger ist als der nächste Wahlsieg. Selbst wenn die SPD 2006 abgewählt werden sollte, würde Schröder als Staatsmann in die Geschichte eingehen. Wenn die Regierung das Problem der Steuer- und Sozialsysteme aber nicht couragiert löst, geht sie in vier Jahren in jedem Fall in die Grütze. Und das möchte ich nicht erleben. Interview: Markus Grill/ Jürgen Kaufmann