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Krise des Bundespräsidenten: Einer geht noch!

Seit sein Sprecherkumpel Olaf G. nicht mehr an seiner Seite weilt, fehlen Bundespräsident Wulff offenbar die Worte - jedenfalls für eine Rücktrittserklärung. Ein paar Vorschläge zur Güte.

Von Andreas Hoidn-Borchers und Jan Rosenkranz

Bundespräsident Christian Wulff hält an seinem Amt fest, obwohl die Liste mit Vorwürfen gegen ihn immer länger wird. Eventuell fehlen ihm aber auch nur die Ideen, wie eine Rücktrittserklärung aussehen könnte. Wir liefern ein paar Vorschläge.

Modell Freiherr*

"Manche mögen sich fragen, weshalb ich erst heute zurücktrete. Wohl niemand wird leicht, geschweige denn leichtfertig, das Amt aufgeben wollen, an dem das ganze Herzblut hängt. Zumal Vorgänge in Rede stehen, die Jahre vor meiner Amtsübernahme lagen. Die enorme Wucht der medialen Betrachtung meiner Person, zu der ich selbst viel beigetragen habe, aber auch die Qualität der Auseinandersetzung bleiben nicht ohne Wirkung auf mich selbst und meine Familie. Es ist bekannt, dass die Mechanismen im politischen und medialen Geschäft zerstörerisch sein können. Wer sich für die Politik entscheidet, darf, wenn dem so ist, kein Mitleid erwarten. Das würde ich auch nicht in Anspruch nehmen. Ich darf auch nicht den Respekt erwarten, mit dem Rücktrittsentscheidungen so häufig entgegen genommen werden. Ich danke besonders der Frau Bundeskanzlerin, für alle erfahrene Unterstützung und ihr großes Vertrauen und Verständnis. Abschließend ein Satz, der für einen Politiker ungewöhnlich klingen mag. Ich war immer bereit, zu kämpfen, aber ich habe die Grenzen meiner Kräfte erreicht. Vielen Dank." *nach Motiven aus der Rücktrittserklärung des Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor von und zu Guttenberg (CSU), 1. März 2011

Modell Glogo*

"Da offenbar in dieser aufgeheizten Atmosphäre für viele das Urteil schon gesprochen ist, werden die Belastungen immer größer werden. Deshalb muss ich handeln, um das Land, meine Familie, meine Partei und meine Freunde zu schützen. Die für alle Bürger geltende Unschuldsvermutung bis zum Beweis des Gegenteils gilt offenbar nicht für Politiker." *nach Motiven aus der Rücktrittserklärung des niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Glogowski (SPD), 26. November 1999

Modell Jung*

"Nach reiflicher Überlegung und Handeln nach dem Grundsatz, dass man wichtige Entscheidungen erst eine Nacht überschläft, oder auch zwei, habe ich heute morgen die Bundeskanzlerin davon unterrichtet, dass ich mein Amt als Bundespräsident zur Verfügung stelle. Ich übernehme damit die politische Verantwortung für die Informationspolitik bezüglich der Ereignisse Kreditnahme, Reisetätigkeit und Freundschaftsdienste. Ich habe sowohl die Öffentlichkeit als auch das Parlament über meinen Kenntnisstand korrekt unterrichtet. Ich stehe auch selbstverständlich für die weitere Aufklärung zur Verfügung. Durch meinen Schritt möchte ich meinen Beitrag dazu leisten, dass Schaden vom Amt abgewendet wird. Haben Sie recht herzlichen Dank." *nach Motiven aus der Rücktrittserklärung Franz-Josef Jungs (CDU) von seinem Amt als Arbeitsminister, 27.11.2009

Modell Margot*

"Ich habe schwere Fehler gemacht, die ich zutiefst bereue. Aber auch wenn ich sie bereue, und mir alle Vorwürfe, die in dieser Situation berechtigterweise zu machen sind, immer wieder selbst gemacht habe, kann und will ich nicht darüber hinweg sehen, dass das Amt und meine Autorität beschädigt sind. Die Freiheit, ethische und politische Herausforderungen zu benennen und zu beurteilen, hätte ich in Zukunft nicht mehr so wie ich sie hatte. Die harsche Kritik etwa an einem Satz wie "Der Islam gehört zu Deutschland" ist nur durchzuhalten, wenn persönliche Überzeugungskraft uneingeschränkt anerkannt wird. So manches, was ich lese, ist mit der Würde dieses Amtes nicht vereinbar. Aber mir geht es neben dem Amt auch um Respekt und Achtung vor mir selbst und um meine Gradlinigkeit, die mir viel bedeutet. Hiermit erkläre ich, dass ich mit sofortiger Wirkung vom Amt des Bundespräsidenten zurücktrete. Zuletzt: Ich weiß aus vorangegangenen Krisen: Du kannst nie tiefer fallen als in Gottes Hand." * nach Motiven aus der Rücktrittserklärung von EKD-Ratsvorsitzenden Bischöfin Margot Käßmann, 24.2.2010

Modell Christian*

"Gerade habe ich mich von den Mitarbeitern des Bundespräsidialamtes verabschiedet. Vor allem aber danke ich den vielen Bürgerinnen und Bürgern, die mir ihr Vertrauen ausgesprochen haben. Es gibt den Moment, in dem man seinen Platz frei machen muss, um eine neue Dynamik zu ermöglichen. Die Ereignisse der letzten Tage und Wochen haben mich in dieser Einschätzung bestärkt. Meine Erkenntnis hat für mich zur Konsequenz, dass ich aus Respekt vor dem Amt mein Amt niederlege. Dadurch ermögliche ich der Bundeskanzlerin, die wichtige Bundestagswahl 2013 mit einem neuen Bundespräsidenten vorzubereiten und damit auch mit neuen Impulsen zu einem Erfolg zu machen. Auf Wiedersehen." *nach Motiven aus der Rücktrittserklärung von FDP-Generalsekretär Christian Lindner, 14. Dezember 2011

Modell Björn*

"Wegen der Vorgänge der vergangenen Wochen ist meine politische Glaubwürdigkeit in Frage gestellt worden, auf die viele Menschen in der ganzen Bundesrepublik gebaut haben. Ohne dieses Vertrauenskapitel könnte ich mein Land nicht mehr mit derselben Unbefangenheit und dem gleichen Erfolg vertreten wie bisher. Zugleich sind meine Familie und ich es leid, Veröffentlichungen ausgesetzt zu sein, die nicht mehr davor zurückschrecken, das Privatleben auszuforschen und zu vermarkten. Ich habe meinem Land über 20 Jahre in vielen unterschiedlichen Bereichen gedient: als Ratsherr, als Landtagsabgeordneter, als Oppositionsführer und Ministerpräsident. Das ist mehr, als den meisten vergönnt ist. Im Bewusstsein der getanen Arbeit und in der Absicht, mein Land davor zu bewahren, mit meinem politischen Fehler identifiziert zu werden, gebe ich mein Amt als Bundespräsident auf. Ich weiß, dass mein Land vor schwierigen Zeiten steht, die unseren Bürgerinnen und Bürgern Mut, Stehvermögen und Solidarität abverlangen. Es lohnt sich, für dieses Land zu arbeiten. Ich wünsche ihm einen glücklichen personellen Neubeginn." *nach Motiven aus der Rücktrittserklärung des SPD-Vorsitzenden und Kieler Ministerpräsidenten Björn Engholm, 3. Mai 1993

Modell Rudi*

"Ich trete heute als Präsident der Bundesrepublik Deutschland zurück.
Im Zusammenhang mit meiner früheren Tätigkeit als Ministerpräsident sind offensichtlich Fehler, Unzulänglichkeiten und Koordinationsmängel deutlich geworden.
Es gibt in Deutschland zu Recht den Begriff der politischen Verantwortung. Wer soll diese politische Verantwortung übernehmen, wenn nicht der Präsident? 
Persönlich habe ich mir nichts vorzuwerfen. Ich möchte aber weder mir noch meiner Familie eine unwürdige Diskussion zumuten, wer in dieser Angelegenheit wem Verantwortung zuschiebt, oder wer an welchem Amte festhält.
Deswegen trete ich zurück - ohne Bitterkeit, zumal ich mit gutem Gewissen auf meine Arbeit zurückblicken kann. Die Bundeskanzlerin hat meinen Rücktritt abgelehnt und mich gebeten, meine Entscheidung zu überdenken. Sie hat aber letztendlich - nach einem weiteren Gespräch - meine feststehende Entscheidung akzeptiert." *nach Motiven aus der Rücktrittserklärung des Bundesinnenministers Rudolf Seiters (CDU), 4. Juli 1993

Modell Michel*

"Meine Damen und Herren, ich hoffe, hier sind auch noch ein paar Freunde, ich bitte um Verständnis dafür, dass ich in meiner Angelegenheit bisher geschwiegen habe. Ich bitte Sie auch zu verstehen, dass ich anschließend keine Fragen beantworten werde. Ich brauche noch Ruhe und Distanz. Ich möchte mit meinen Freunden sprechen, nachdenken und den begonnenen Lernprozess fortsetzen. Ich habe in meiner politischen Tätigkeit Menschen hart bestraft, auch nach ihren politischen Fehlern. Nun muss ich akzeptieren, dass dieser Maßstab, auch wenn es privat ist, an mich angelegt wird. Deswegen klipp und klar, ohne Wenn und Aber - ja, ich habe einen Fehler gemacht. Darum trete ich mit sofortiger Wirkung von meinem Amt als Bundespräsident zurück. Tschüss. Wiedersehen." *nach Motiven der Presseerklärung von Michel Friedman (CDU) nach seinem Rücktritt als Vizechef des Zentralrats der Juden

Modell Erich*

"Ich hatte einen außerordentlich hohen Kontakt mit allen Werktätigen. In Überall. Ja, wir haben einen Kontakt. Ihr werdet gleich hören, warum. Ich fürchte mich nicht, ohne Rede-Disposition hier Antwort zu stehen. Ich liebe... ich liebe doch alle... alle Menschen... ich liebe doch. Ich setze mich doch dafür ein. Also wenn ich das gemacht haben sollte, dann bitte ich um Verzeihung für diesen Fehler." *Wortlaut der letzten Volkskammerrede von Minister der Staatssicherheit, Erich Mielke (SED), 13. November 1989