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WAS MACHT EIGENTLICH...: Gilbert Degrave

Der Belgier fuhr den Lkw, der am 24. März 1999 im Montblanc Tunnel plötzlich Feuer fing und eine Katastrophe auslöste. Im Flammeninferno starben 39 Menschen.

Der Belgier fuhr den Lkw, der am 24. März 1999 im Montblanc Tunnel plötzlich Feuer fing und eine Katastrophe auslöste. Im Flammeninferno starben 39 Menschen.

Zur Person:

Gilbert Degrave lebt mit seiner Frau Monique in einem Vorort von Brüssel. Nach dem Desaster vom 24. März 1999 konnte sich der 59-Jährige lange nicht mehr hinter das Steuer eines Lkw setzen. Seit kurzem hat er einen neuen Arbeitgeber, ist mit seinem Truck wieder in ganz Europa unterwegs - nur Touren mit Tunneln versucht er zu meiden. Die restaurierte Montblanc-Röhre wird in diesen Tagen wiedereröffnet

Sind Sie inzwischen wieder mal durch einen Tunnel gefahren?

Mit schweißnassen Händen habe ich in Dartford die enge Unterführung der Themse geschafft. Mein heutiger Boss hat mich vorher beruhigt: Falls du nicht kannst, brauchst du keine Konsequenzen zu befürchten. Wenn möglich, meide ich Strecken mit einer Röhre und Verkehr in zwei Richtungen. Daher stehen Alpenländer für mich nicht mehr auf der Karte.

Aber Sie verdienen Ihr Brot weiter als Trucker?

Zu Hause sitzen und grübeln nützt nichts, die Ablenkung durch meinen Beruf hilft bei der Verarbeitung. So jedenfalls sah das mein Psychiater. Brummifahren ist nach 35 Jahren ein Leben.

Fühlen Sie sich für das Drama verantwortlich?

Nein. Nur das Dossier trägt meinen Namen. Das empfinde ich schon als Strafe. Die französische Staatsanwaltschaft sieht mich dagegen wohl nur als Verdächtigen.

Aber Ihr Lkw löste doch das Inferno aus.

Aus bislang ungeklärten Gründen. Was soll ich Falsches getan haben? Der sechs Monate alte Volvo-Laster war eine Woche vorher problemlos durch die Wartung gegangen. Alles funktionierte einwandfrei. Vor der Tunneleinfahrt gab es eine Gewichtskontrolle. Nichts wies auf eine Störung hin.

Was wirft man Ihnen also vor?

Die Staatsanwaltschaft spricht von »fahrlässiger Tötung«. Beweise dafür gibt es noch nicht. Ich habe das Gefühl, die Justiz versucht, mich zum Sündenbock zu machen.

Wie meinen Sie das?

Wieso bleiben andere mögliche Schuldige außen vor? Das Wachpersonal auf der französischen Seite zum Beispiel reagierte träge auf das Feuer und ließ noch minutenlang Autos hinein. Und die fuhren geradewegs in die Hölle. Muss ich das auf meine Kappe nehmen? Dann die technische Aufklärung der Unfallursache. Da hilft zwar Volvo-Schweden, aber die Frage bleibt doch: War es ein Produktionsfehler? Das Feuer entstand meiner Meinung nach in der Brennstoffleitung oder im Injektionssystem. Der Konzern aber gilt trotzdem nicht als Verdächtiger. Das bin ich.

Sie bestreiten Ihre Verantwortung?

Absolut. Zum Glück habe ich einen guten Anwalt. Aber den muss ich aus eigener Tasche bezahlen, wie auch die Hotel- und Reisekosten zu den Verhören in Frankreich. Insgesamt sind schon 25.000 Euro draufgegangen. Meine Ersparnisse.

Wieso das?

Mein damaliger Chef flüchtete wegen der Affäre nach Ecuador. Es stellte sich heraus, dass er mich illegal arbeiten ließ. Daraufhin zogen sich Gewerkschaften und Verbände von mir zurück. Mir stehen keinerlei Ansprüche auf Unterstützung zu. Und der belgische Staat lässt mich auch am langen Arm verhungern. Wenigstens ist der Lkw versichert. Er gehörte einer Leasing-Firma.

Für einen einfachen Lastwagenfahrer kommt da viel zusammen ...

Es sind 39 Menschen ums Leben gekommen, da gehört es sich einfach, sich zurückzuhalten beim Klagen. Andererseits flattern bei mir die Schadensersatzforderungen ins Haus. Das macht mich ratlos.

Aber Sie haben auch Glück gehabt.

Stimmt. Auf der italienischen Seite bin ich aus dem lichterloh brennenden Tunnelschacht geflohen. Die Franzosen wollten einen Hubschrauber schicken, um mich zum Verhör abzuholen. Aber Nebel verhinderte das. Gott sei Dank, sonst wäre ich sicher erst mal in U-Haft gekommen.

Interview: Albert Eikenaar