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Was macht eigentlich...: Hans Modrow

Der frühere SED-Politiker kämpfte zwischen November 1989 und März 1990 als vorletzter DDR-regierungschef für einen sozialistischen Staat und gegen die Wiedervereinigung

Zur Person

Der frühere SED-Politiker kämpfte zwischen November 1989 und März 1990 als vorletzter DDR-regierungschef für einen sozialistischen Staat und gegen die Wiedervereinigung.
Mit seiner Frau Annemarie, die am 3. Oktober verstarb, hat der 75-Jährige zwei Töchter. Der Wirtschaftswissenschaftler war ab 1957 Abgeordneter in der Volkskammer und von 1967 bis 1989 Mitglied des SED-Zentralkomitees. Als Ministerpräsident bemühte er sich um einen Dialog am Runden Tisch mit den Oppositonsgruppen. Nach der Wende war Modrow vier Jahre Bundestagsabgeordneter der PDS, deren Ehrenvorsitzender er ist.

Das Interview mit Hans Modrow führte Christoph Wöhrle

Haben Sie den Film "Good Bye, Lenin!" gesehen?

Nein. Mir wurde erzählt, dass der Film den damaligen Geschehnissen nicht unbedingt gerecht wird.

Wann hat Sie zuletzt jemand als "Rote Sau" tituliert?

Das ist lange her. Als ich Abgeordneter im Bundestag war, hat mich mal ein Passant so beschimpft und wurde aggressiv. Aber viele Leute reagieren positiv auf mich - egal, ob aus dem Osten oder Westen.

Sehnen Sie sich manchmal die DDR der Aufbruchjahre in den Sechzigern zurück?

Diese Zeiten sind vorbei. Wichtig ist, dass Freundschaften, die damals in den Jugendjahren entstanden sind, fortbestehen und gepflegt werden. Das ist mir gelungen.

Haben Sie die DDR-Möbel inzwischen aus Ihrer Wohnung verbannt?

Warum? Die sind doch nicht schlecht, nur weil sie aus der DDR kamen. Zweckmäßigkeit zählt! Erst neulich bekam ich eine neue alte Couch, die eine Firma im sächsischen Kamenz produziert hat.

Als DDR-Ministerpräsident wollten Sie damals keine Wiedervereinigung.

Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass in der Zukunft eine Gesellschaft des demokratischen Sozialismus entsteht. Es ist doch offensichtlich: Der kapitalistische Markt verlangt Gewinne, schafft aber keine lebenswerte Welt.

Man schreibt vor allem Ihnen zu, dass es 1989 in der DDR nicht zur "chinesischen Lösung" kam, einer blutigen Zerschlagung der Demonstrationen.

Unter meiner Regierung ist niemals Gewalt eingesetzt worden. Das war in diesen Zeiten bestimmt keine Selbstverständlichkeit. Gewalt kam von anderer Seite.

Sie spielen auf die Stürmung der Stasi-Zentrale an, wo Sie als Ruhepol in der tobenden Menge standen. Keine Angst gehabt?

Doch, und zwar davor, dass ich nicht die richtigen Worte finde und meine Regierung ihre Glaubwürdigkeit verliert. Am Ende hatte ich das Gefühl, die Menschen erreicht zu haben, auch wenn das Gebäude gestürmt wurde.

Sie beschreiben in Ihrem Buch "Ich wollte ein neues Deutschland" das Verhalten von Helmut Kohl als ungeheuer arrogant.

Ich wollte Ehrlichkeit, kein Anheimeln. Zunächst tat Kohl überfreundlich, doch politisch hat er unsere Anliegen nie ernst genommen. Als er mich später nicht mehr für wichtig hielt, ging er respektlos mit mir um. Spätestens nach der Wende war ich nur noch der Klassenfeind.

Vorletzte Woche hat die PDS das neue Parteiprogramm vorgestellt. Sind Sie glücklich damit?

Es war ein langer Weg mit vielen Debatten. Die Wahlniederlage 2002 hat die PDS wachgerüttelt. Wir wollen uns den Ansprüchen der Zeit stellen und uns zu offenem politischen Handeln als Partei für soziale Gerechtigkeit und Antikriegspartei befähigen. Wichtig ist, den Menschen klar zu sagen, was wir wollen, welche Alternativen wir zum neoliberalen System sehen.

Am 3. Oktober dieses Jahres erlag Ihre Frau unerwartet einem Schlaganfall.

Ich war bis zum Schluss bei ihr. Wir sind in über 50 Jahren gemeinsamer Ehe durch gute und schlechte Zeiten gegangen.

Was haben Sie sich für die nächsten Jahre vorgenommen?

Annemarie und ich hatten noch viele Pläne. Für 2004 war noch einmal Zypern vorgesehen, Freunde besuchen. Über eigene Pläne muss ich nachdenken. Ich denke, ich kann politisch aktiv bleiben, etwa beratend für die PDS. Außerdem möchte ich wieder ein Buch schreiben: eine Analyse der europäischen Entwicklung für die kommenden Jahre.

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