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Berliner Denkmäler: Über Stalin gestolpert

Stalin war ein Massenmörder. Trotzdem zeigt Berlin seine Zitate - in goldenen Lettern. Die Litauische Journalistin Vytene Stasaityte, derzeit Mitarbeiterin im Berliner stern.de-Büro, traute ihren Augen nicht. Und fragte nach. Auch bei Klaus Wowereit und Hans Modrow.

Er war ein grausamer Diktator, Millionen Menschen hat er ermorden oder elend verhungern lassen. Aber in Berlin, Treptower Park, ist Iosseb Bessarionis dse Dschughaschwili Josef Wissarionowitsch Dschugaschwili, genannt Stalin, immer noch ein Held. Auf dem riesigen Ehrenmal für die gefallenen sowjetischen Soldaten sind acht Zitate Stalins eingraviert, die golden in der Frühlingssonne glitzern. Eines davon heißt:

"Die Ideologie der Völkerfreundschaft hat den vollen Sieg über die hitlerfaschistische Ideologie des bestialischen Nationalismus und Rassenhasses errungen."

Stalin, ein Freund der Völker? War es nicht Stalin, der Ostdeutschland seinem Machtblock einverleibt hatte? Der dafür sorgte, dass der 8. Mai, der Tag der Befreiung, nur einen Teil Deutschlands erlöste?

Wer durch Berlin läuft, muss glauben, dass sich kein Mensch mehr diese Fragen stellt. In der Karl-Liebknecht-Straße blicken Karl Marx und Friedrich Engels Seite an Seite stolz hinauf zum Fernsehturm. Vom Rosa-Luxemburg-Platz fährt die Tram - einmal Umsteigen, bitte - zum Bersarin-Platz, gewidmet dem ersten sowjetischen Stadtkommandanten nach der Besetzung Berlins. Auf der Straße des 17. Juni posieren Touristen vor stillgelegten sowjetischen Panzern. Und von der Außenwand der Schwimmhalle in der Behrenstraße blickt ein grimmiger Lenin.

Im Berliner Stadtbild sind sie alle versammelt, die Heroen der Sowjetunion, in Stein gemeißelt, auf Straßenschilder gedruckt, in Reliefs verewigt. Traut sich die Stadt nicht, die Symbole der Unterdrückung abzuschaffen - 20 Jahre nach dem Mauerfall und Zusammenbruch der Sowjetunion? Oder ist es eine seltsame Art von Gleichgültigkeit, von Ignoranz? In fast allen Staaten, die früher hinter dem Eisernen Vorhang eingesperrt waren, sind die kommunistischen Spuren radikal beseitigt worden. Nicht so in Berlin. Und der Regierende Bürgermeister findet das auch gut so. "Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass einzelne solcher Denkmale als historische Erinnerungsmale erhalten bleiben sollten. Das schließt ja eine kritische Sicht darauf aus heutiger Sicht gar nicht aus. Die ist sogar ganz sicher nötig", sagt Klaus Wowereit zu stern.de.

Ein Vertrag schützt das rote Berlin

Was viele der Berliner und Touristen nicht wissen: Die Bundesrepublik Deutschland hat sich im deutsch-sowjetischen Nachbarschaftsvertrag vom 9. November 1990 dazu verpflichtet, sowjetische Denkmäler und Kriegsgräber zu erhalten und zu pflegen. "Wir tun also, was wir zugesagt haben", sagt Wowereit. So kann sich die Politik der Debatte um die Denkmäler leicht entziehen - und die Opferverbände bleiben mit ihrem Zorn allein. Sie müssen nicht nur Stalin im Treptower Park erdulden, sondern eben auch die Panzer auf der Straße des 17. Juni. Diese Kriegsmaschinerie der Sowjets half, Berlin zu erobern und von den Nazis zu befreien. Aber sie half eben auch dabei, den Volksaufstand in der DDR am 17. Juni 1953 niederzuschlagen.

Es ist jedoch nicht nur der Nachbarschaftsvertrag, der für den Erhalt der steinernen Zeitzeugen sorgt. Manche stehen auch einfach unter Denkmalschutz. "Aus künstlerischen und historischen Gründen", wie die Berlins Senatsverwaltung für Stadtentwicklung auf Nachfrage von stern.de mitteilt. Ein Beispiel ist das riesige Relief des Kommunisten Ernst Thälmann, der im KZ von den Nazis ermordet wurde. Thälmann ist in der Geschichte der Arbeiterbewegung umstritten, weil er die KPD auf Stalins Linie brachte. Das Thälmann-Relief steht, natürlich, im Thälmann-Park.

Bei den Straßennahmen hatte die Senatsverwaltung eigentlich freie Hand - und tatsächlich wurden offiziellen Angaben zufolge nach der deutschen Wiedervereinigung 71 Straßen umgetauft. Aber es blieben auch viele Namen und Bezeichnungen von Plätzen und Orten. Vor allem solche, die auf Marx und Engels verweisen, die Väter der kommunistischen Ideologie, oder auf die ermordeten deutschen Kommunisten Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. "Liebknecht und Luxemburg haben fast einen Heiligenschein", sagt Stefan Wolle, wissenschaftlicher Leiter des DDR-Museums Berlin.

Kalt gestellte Opfer

Der laxe Umgang mit der Geschichte macht vor allem Opferverbände und Konservative wütend. "Es sind keine Mahnmale, sondern Denkmäler von und für Diktatoren. Dabei geht es nicht um den einfachen Sowjetsoldaten, sondern um die Ideologie. Das ist indirekte Verehrung des Massenmörders Stalin", sagt der Schriftsteller Karsten Dümmel, DDR-Experte der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung. Dümmel kennt das Thema nicht nur von der theoretischen Seite: Als Gründungsmitglied des oppositionellen Arbeitskreises "Kunst und Kirche" wurde er in der DDR von der Stasi verfolgt.

Horst Hölig, 80, der im nordrhein-westfälischen Hamm einen Stasi-Opferverband führt, fordert, die sowjetischen Relikte endlich verschwinden zu lassen. Und er klagt darüber, dass die Opfer keinen Einfluss auf die Entscheidungen über die Denkmäler hätten, sie seien "kaltgestellt" worden. "Zwei Fragen ziehen sich seit der Übernahme der bankrotten SED-DDR durch die jüngere deutsche Geschichte", sagt Hölig zu stern.de. "Warum tut sich das Land sehr oft so schwer bei der Aufarbeitung des DDR-Willkür-Regimes? Und: wie viel staatlich verursachtes Unrecht erträgt ein Mensch bis er zerbricht?" Hölig, den die Stasi in den 50er Jahren in ein fensterloses Loch steckte, leidet bis heute unter Angstzuständen und einem extremen Misstrauen. Vor Gericht kämpft er darum, dass er für die erlittenen Gesundheitsschäden in Haft entschädigt wird.

Warum werden diese Stimmen nicht gehört? Johannes Rink, Bundesvorsitzender der Vereinigung der Opfer des Stalinismus, klingt wie ein Verschwörungstheoretiker, wenn er sagt: "In diesen mehr als 40 DDR-Jahren haben sich Seilschaften gebildet, die überall noch aktiv sind."

Modrow, von Bismarck beleidigt

Sollte es diese politischen Seilschaften wirklich geben - Hans Modrow wäre sicher dazu zu rechnen. Modrow war der letzte Vorsitzende des DDR-Ministerrates, ein grauhaariger, alter Mann, der wie ein freundlicher Großvater wirkt. Er sitzt nun in einem kleinen, kargen Büro in der Berliner Parteizentrale der Linken, dem Karl-Liebknecht-Haus. Modrow hat nicht gelitten, er hat profitiert, er ist entspannt und nimmt sich Zeit für das Gespräch.

Seiner Ansicht nach wurden nicht zu wenige, sondern viel zu viele sowjetische Denkmäler in Berlin weggeschafft, darunter eine Leninskulptur, die nun für eine Ausstellung wieder ausgegraben werden soll. Auch die Darstellung der Stalin-Zitate in Treptow hält Modrow für richtig. "Wer heute dazu übergehen würde das Denkmal in Treptower Park anzugreifen, stünde sofort vor der Frage: War das nun ein Sieg, der Europa vom Faschismus befreit hat, oder nicht? Deshalb kommt es nicht in Frage, dass man die Steine mit den Stalin-Zitaten wegräumt", sagt er zu stern.de. Kann er zumindest nachfühlen, dass sich die Opfer der Stalin-Diktatur verletzt fühlen? Modrow reagiert schmallippig. "Ich werde schließlich auch verletzt wenn ich Bismarck sehe", sagt er, "aber das interessiert keinen."

Ostalgie und Gleichgültigkeit

Stefan Wolle, der Leiter des Berliner DDR-Museums, kann viele Gründe aufzählen, warum das sowjetische Erbe in Berlin so präsent ist. Er spricht davon, dass Westberlin zu Zeiten des kalten Krieges eine starke linke Tradition gehabt habe, hier seien viele junge Kommunisten aktiv gewesen. Auf der anderen Seite, also im Osten, gäbe es inzwischen eine große Ostalgie, eine Verklärung der DDR-Geschichte. Das sei auch durch die Wahlergebnisse der Linken belegt. Das ist die Partei, bei der Hans Modrow im Ältestenrat sitzt.

Wozu sich mit diesen Wählergruppen anlegen? "Nach der Wiedervereinigung hat die Politik sich nicht getraut. Dieses Geschrei um die Bewahrung von DDR-Identität bewirkte Gleichgültigkeit. Nach dem Motto: Ach, wenn sie wollen, lass es stehen", sagt Uwe Hillmer, Vorstandsmitglied des Vereins "Antistalinistische Aktion Berlin Normannenstraße". Und mittlerweile gäbe sowieso keinen Politiker mehr, der den Mut hätte, die Denkmäler zu entrümpeln. Hillmer: "Da hätte er sofort das Geschrei an der Backe, dass der Adenauerstaat, dieser rechtslastige Nazi-verseuchte Staat, die Kriegsergebnisse umlügen will. Kein Politiker, der noch ganz dicht ist, fasst so eine Diskussion an. Es ist bequemer das so zu lassen und Politikern ist es egal, dass da Stalins Zitate in Gold geschrieben stehen. Wer liest das? Ist das in der Öffentlichkeit relevant? Nein."

Hammer, Sichel, Hakenkreuz

Hilmer, der Schriftsteller Dümmel, und Rink wären schon froh, wenn zumindest Hammer und Sichel, die Hoheitszeichen des Kommunismus, verboten wären. In ihren Augen sind diese Symbole genauso staatsfeindlich wie das Hakenkreuz. Und es läuft ihnen kalt den Rücken herunter, wenn sie überall T-Shirts, Mützen und Orden sehen, die den Stalinismus zur Popkultur verniedlichen. In Ländern wie Ungarn oder Litauen ist so etwas kaum möglich. Dort sind ist der Umgang mit diesen Abzeichen gesetzlich geregelt, so wie in Deutschland der Umgang mit Nazi-Symbolen. In Litauen beispielsweise darf niemand öffentlich eine Fahne mit Hammer und Sichel schwenken.

Politiker wie Klaus Wowereit wollen jedoch auch von dieser Einschränkung nichts hören. "Ich lehne eine undifferenzierte Gleichsetzung des Nationalsozialismus mit dem Stalinismus ab", sagt er. "Ich denke, dass Deutschland sich auf angemessene Weise mit den beiden Diktaturen seiner Geschichte auseinandersetzt. Dabei wäre eine Gleichsetzung des DDR-Regimes mit dem Nationalsozialismus völlig unangemessen und entspricht nicht der historischen Wahrheit."

Es ist nicht einfach, auch in der CDU einen Gesprächspartner zu diesem Thema zu finden. Wolfgang Bosbach, Chef des Innenausschusses, will keine Stellungnahme abgeben. Ruprecht Polenz, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses, hat keine Zeit. Monika Grütters immerhin, die ihren Wahlkreis in Berlin Marzahn hat, reagiert. "Mich berühren die martialischen Relikte der sowjetischen Besatzer und ihrer Nachfolger oft sehr unangenehm", sagt sie. "Von einem Verbot halte ich wenig, besser wäre eine 'Musealisierung'. Denn dort würden sie kritisch kommentiert und wissenschaftlich reflektiert."

Es müsste ein sehr, sehr großes Museum sein, um alle Hinterlassenschaften der Sowjetunion dort zu deponieren. Vielleicht lässt sich Berlin als eine Art Freilichtmuseum verstehen, in dem die Menschen täglich die Geschichte neu erleben. Aber was ist, wenn sie am Mahnmal am Treptower Park einfach nur picknicken? Vielleicht ist auch das ein Ausdruck von Geschichtsbewusstsein. Nämlich das des vollkommenen Sieges über ein historisches Unheil. Wer jedoch aus dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion kommt, wird immer über Stalin-Zitate stolpern.

Vytene Stasaityte