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Was macht eigentlich...: Jeffrey Wigand

Der frühere Tabak-Manager brachte 1995 die Machenschaften der Zigarettenindustrie an die Öffentlichkeit und löste damit eine Prozess-Lawine aus. Michael Mann verfilmte seine Geschichte unter dem Titel "The Insider"

Zur Person:

Der 60-Jährige lebt in Mt. Pleasant, Michigan, ist geschieden und hat drei Töchter. Er studierte Biochemie und arbeitete ab 1988 als Vizepräsident für Forschung und Entwicklung beim Tabak-Multi Brown & Williamson (Lucky Strike). 1993 wurde er entlassen, nachdem er sich geweigert hatte, das Suchtpotenzial von Zigaretten durch krebserregende Stoffe zu steigern. 1995 ging Wigand an die Öffentlichkeit. Das anschließende Verfahren führte zu einem Vergleich: Die Tabakkonzerne müssen die Rekordsumme von 246 Milliarden Dollar Entschädigung zahlen

Sie sind schwer zu erreichen.

Ich bin ständig auf Achse, toure durch Schulen und warne vor den Gefahren des Rauchens. Ich berate Staatsanwälte und rede mit Politikern.

In den USA ist Tabakwerbung stark reglementiert, die Industrie muss Geschädigten hohe Summen zahlen - zufrieden?

Das Geld holen die sich über höhere Preise wieder. Es geht um die Deklaration der Inhaltsstoffe. Jeder soll wissen, was er kauft. Wie bei Keksen. Aber die Tabakindustrie blockt. Sie ist ein Milliarden-Steuerzahler.

In Deutschland führen gerade drei Tabakkonzerne die vermeintlich preiswerten 10er-Packs ein - auch "Kinderpackungen" genannt.

Bei meinen Vorträgen zeige ich auch Dokumente der Zigarettenindustrie: "Kriegen wir sie jung, kriegen wir sie fürs Leben", heißt es darin. Je früher ein Raucher anfängt, desto abhängiger wird er. Darum haben sie die Kinder im Visier.

Wie klären Sie die Kids auf?

Ich blase Zigarettenrauch durch einen Wattebausch. Mit dem reiben sie sich Nagellack von den Fingern. Das bewirkt Aceton, eine dem Tabak beigemischte suchtsteigernde Substanz. Danach wirft mindestens eins sein Zigarettenpäckchen auf den Tisch und sagt: "Ich höre auf."

Was ist in Zigaretten noch drin?

Zirka 600 Zusatzstoffe. Giftiges Ammoniak etwa. Es erhöht die Suchtwirkung des Nikotins, während die Nikotinwerte auf den Packungen offiziell sinken. Andere Gifte machen den Rauch unsichtbarer, um die soziale Akzeptanz von Rauchern zu verbessern. Zucker und Schokolade süßen ihn. Das klingt harmlos. Doch beim Verbrennen entsteht krebserzeugendes Acetaldehyd.

Als Tabak-Manager hatten Sie einen 300 000-Dollar-Job inklusive Firmen-Jet. Wovon leben Sie heute?

Zumeist von Vortragshonoraren. Alle denken, ich wäre durch den "Insider" reich geworden. Aber ich bekam keinen Cent.

Wie das?

Ich war am Film nicht beteiligt. Die Story schrieb eine Journalistin, die mich interviewt hatte. Sie bekam das Geld. Regisseur Michael Mann lud mich für einen Tag ein, damit Russell Crowe mich kennen lernte. Wir unterhielten uns und spielten Golf. Das war´s.

Zeigt der Film die Wahrheit?

Er trifft sehr gut die psychologische Situation der Bedrohung, die Angst, die Agonie.

Und der Psychoterror?

Ein von der Tabakindustrie angeheuerter Ex-FBI-Agent verfolgte mich. Meine Familie erhielt Todesdrohungen. In Büro und Auto meines Anwalts wurde eingebrochen. Polizei-Bodyguards waren ständig um mich. Ich war völlig paranoid.

Dann kam die Schmutzkampagne.

Sie schnüffelten überall. Eine angeheuerte PR-Agentur log ein 500-Seiten-Dossier zusammen. Ich würde meine Frau schlagen, so ein Zeug. Zeitungen druckten es. Ich fühlte mich, als wäre ich radioaktiv.

Wie reagierte Ihre Familie?

Meine Frau konnte das alles nicht mehr ertragen. Sie ließ sich scheiden, die Kinder nahm sie mit.

Ihr Schritt auszupacken hat Ihr Leben verändert. Würden Sie es wieder tun?

Mit Sicherheit. Ich weiß, ich habe heute etwas bewirkt. Ich habe ein Kind beeinflusst. Und das ist weit mehr, als ich je vorher getan habe.

Interview: Hansjörg Heinrich

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