WAS MACHT EIGENTLICH... Tino Schwierzina

Der Wirtschaftsjurist war der letzte Oberbürgermeister von Ost-Berlin. Er überwachte den Abriss der Mauer in der Stadt und gehörte zu den Gründungsmitgliedern der SPD in der DDR.

Der Wirtschaftsjurist war der letzte Oberbürgermeister von Ost-Berlin. Er überwachte den Abriss der Mauer in der Stadt.

Zur Person:

Tino Schwierzina, 74, lebt mit seiner Frau Brigitte zusammen in einer Wohnung in Weißensee. Der Politiker, der auch zu den Gründungsmitgliedern der SPD in der DDR gehörte, kocht gern und züchtet in seinem Waldgarten in Bernau Rhododendren.

Sie heißen Tino-Antoni Schwierzina. Wer hat Ihnen denn diesen Namen verpasst?

Meine Großmutter. Die war Italienerin. Und jetzt macht jeder aus diesem Namen, was er will. Einige nennen mich »Anton«, die Berliner rufen mich »Tino«, und der Bundespräsident sagt »Toni« zu mir.

Johannes Rau hat Ihnen jetzt den Bundesverdienstorden verliehen, weil Sie »Ihr Leben als Politiker ganz in den Dienst der Bürger gestellt haben«. Macht Sie das stolz?

Und wie, aber tragen werde ich den Orden nur selten. Höchstens mal die kleine Anstecknadel. Ich bin da eher bescheiden.

Als Bürgermeister wollten Sie Berlin nach dem Fall der Mauer »so schnell wie möglich, aber so behutsam wie nötig« wieder vereinigen. Ist Ihnen das gelungen?

Zum Teil. Ehrlich gesagt waren wir zu euphorisch und glaubten, die Wiedervereinigung würde schneller gehen. Aber es gibt noch bis heute Ost- und Westlöhne, um nur ein Beispiel zu nennen. Und die Mauer steht in den Köpfen vieler Menschen noch immer. Das macht mich traurig. Wir dachten, Deutschland würde innerhalb von fünf oder zehn Jahren zusammenwachsen. Heute glaube ich, dass das eine ganze Generation dauern wird.

In Berlin wird an diesem Wochenende gewählt. Ihre Partei, die SPD, liebäugelt mit der PDS. Wie denkt einer wie Sie darüber, der zu DDR-Zeiten wegen Beihilfe zur Republikflucht verurteilt worden ist?

Das ist eine Beleidigung und beweist wenig Fingerspitzengefühl gegenüber jenen, die von der SED geschurigelt worden sind. Die PDS ist mit ihrer Vergangenheit noch nicht fertig. Und dass die SPD der Wahl-arithmetik wegen so darüber hinweggeht ist, gelinde gesagt, instinktlos.

Geben Sie jetzt Ihr Parteibuch zurück?

Nein, ganz bestimmt nicht.

Aber Sie haben 1995 damit gedroht, die Partei zu verlassen, wenn die SPD mit der PDS koaliert.

Stimmt. Ich habe schon damals so etwas geahnt, vor allem die Sozialdemokraten aus dem Westen wollten die Annäherung an die PDS. Mit mir war das nicht zu machen. Aber ein Parteiaustritt bringt nichts. Man kann viel mehr bewirken, wenn man in der Partei bleibt.

Sie wollen also wieder mitmischen?

Nein. Ich will kein Amt mehr. Aus dem Alter bin ich raus. Ich bin nur noch ein bisschen im SPD-Kreisverband aktiv und werde mich jetzt ein wenig in den Berliner Wahlkampf einmischen. Ich werde in die Info-Busse der SPD steigen und versuchen, die Leute auf der Straße davon zu überzeugen, dass die SPD ohne die PDS auskommt.

Und was sagt Ihr krankes Herz dazu?

Ich darf mich natürlich nicht aufregen. Ich bin zweimal am Herzen operiert worden. Meine Frau, die Ärztin ist, passt auf mich auf. Und wenn ich morgens Zeitung lese, sage ich mir immer: Bleib ruhig, das hast du nicht zu verantworten.

Gibt es in Ihrem Leben noch etwas anderes als Politik?

O ja. Seit ich nicht mehr so aktiv bin, kümmere ich mich viel mehr um meine zwei Enkelkinder, mache den Haushalt, während meine Frau in ihrer Praxis Patienten versorgt, und ich widme mich meinem Waldgarten.

Was pflanzen Sie an?

Ich züchte Rhododendron. Ich habe schon über 20 Sorten.

Haben Sie einen grünen Daumen?

Nein, aber ein Geheimrezept.

Verraten Sie es?

Nur Ihnen: Ich spreche mit den Büschen. Ich sage: »Du bist aber schön gewachsen, weiter so.« Oder: »Roll die Blätter nicht ein, auch wenn es jetzt kalt wird.«

Und das klappt?

Und wie! Meine Rhododendren sind wunderschön. Kommen Sie doch mal gucken.

Interview: Kerstin Schneider


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