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Was macht eigentlich...: Tomi Ungerer?

Mit seinen rund 40000 satirischen Cartoons und Zeichnungen gehört der Karikaturist zu den produktivsten Künstlern seiner Zeit.

Bonjour, Dr. Ungerer. Wie lebt es sich mit dem jüngst verliehenen Doktortitel?

Prima, ich habe ja nicht mal Abitur. Besonders berührt mich, dass die Ehrung von der Universität Karlsruhe kam. Dorthin bin ich vor 50 Jahren von Straßburg per Anhalter gefahren, um einen Studienplatz zu ergattern - vergebens.

Wofür erhielten Sie die Auszeichnung, für Ihre erotischen Zeichnungen?

Nein, eher für meine Kinderbücher.

Da geht es oft um schwierige Themen wie Hungersnöte oder den Holocaust.

Ich will den Kindern klar machen, dass die Welt nicht von Kuscheltieren regiert wird. Aber die Kleinen brauchen auch Spaß; in Karlsruhe ist zum Beispiel nach meinem Entwurf ein zweistöckiger Kindergarten in Form eines riesigen Katzenkörpers gebaut worden.

Tomi Ungerer als Architekt?

Warum nicht? In einem Ort in Schwaben plane ich eine öffentliche Toilette, die eine Kuppel wie das berühmte Tadsch Mahal hat. Ach Tadsch Mahal, Touch ma Arsch.

Ganz der alte Provokateur...

Jetzt, wo ich 73 und grau bin, kann ich mir das leisten. Vorletztes Jahr war ich im Flieger nach Irland von einer Horde französischer Jäger umringt, die herumschrien, dass sie alles abknallen wollen, wie Mörder haben die sich aufgeführt. Da stand ich auf und rief: Monsieurs, hören Sie mal zu, im Krieg war ich bei der Gestapo in Frankreich, da haben wir auch Jagd gemacht - auf Franzosen wie euch. Sie hätten mal sehen müssen, wie weiß diese Fanatiker im Gesicht wurden.

Woher nehmen Sie die Chuzpe, so aufzutreten?

Der größte Mut kommt mit Wut. Oder: Mit Wut mehr Mut - solche Slogans liebe ich.

Stehen Sie eigentlich immer noch gegen fünf Uhr morgens auf und greifen zum Stift?

Nein, ich bin fertig. Meine Beine, meine Wirbelsäule - ich habe zu viel gearbeitet auf meiner Farm in Irland, habe eine Augenoperation und vier Schlaganfälle hinter mir. Jetzt muss ich hier in Straßburg auch noch eine Chemotherapie durchmachen. Aber ich sag mir immer: Zuerst krepieren, dann marschieren. Im Moment lese ich viel, ganz gezielt: James Joyce, Bücher über den Iran und den Irak, und oft suche ich Zuflucht bei den Kreuzworträtseln der "New York Times".

Sie haben sich stets als Erotomanen bezeichnet - gilt das heute noch?

Klar. Vor vier Jahren erschien mein Sammelband "Erotoscope", ein neues Buch zum Thema Sex hab ich in der Schublade.

Für Ihren Domina-Klassiker "Die Schutzengel der Hölle" quartierten Sie sich monatelang bei der Prostituierten Domenica in der Hamburger Herbertstraße ein...

In meinem Leben habe ich mich in zwei Städte verliebt: zuerst New York, dann Hamburg. Doch inzwischen sind all meine erotischen Fantasien realisiert; kürzlich habe ich meine alten Sexfilme auf dem Herd verbrannt - und die Bratpfanne kommt in mein Museum.

Welches Museum?

Ins "Centre Tomi Ungerer" hier in Straßburg, mit 7000 Zeichnungen und meiner Spielzeugsammlung.

Sie sprechen Deutsch und Französisch...

Ich bin Elsässer und überzeugter Europäer, nicht Deutscher oder Franzose.

Glauben Sie, dass die Franzosen beim EU-Referendum am 29. Mai mit Ja stimmen?

Ich hoffe sehr, aber es kann äußerst knapp werden; also keine Wettervorhersage - unsere Systeme sind so durcheinander geraten, dass es sogar im Sommer schneien kann.

Tilman Müller / print