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Ach, Europa: Der Schocker mit dem Rasierstift

Das Elsass sei "wie eine Toilette - immer besetzt", sagte Tomi Ungerer einmal. Nun kommt der spottlustige Star-Zeichner und engagierte Europäer zu höchsten Ehren - am 2. November wird in Straßburg ein Museum mit seinem Lebenswerk eröffnet.

Von Tilman Müller

Noch nie, das weiß der scharfzüngige Elsässer nur zu gut, wurde in Frankreich einem lebenden Künstler ein Museum hingestellt, und dass dies nun ausgerechnet ihm zufällt, diese Auszeichnung redet er sogleich in Grund und Boden. "Das Museum ist mein Mausoleum", stöhnt der 76-Jährige mit dem Silberschopf und nimmt in einem mit viel Gold verzierten Salon im Straßburger Rathaus zum Dejeuner einen Schluck Bordeaux, "meine Beerdigung, mein Grab, ein Monstrum", stöhnt er, beginnt umständlich eine Zigarette zu drehen und entdramatisiert das Gesagte dann wieder etwas, indem er sein Mausoleum ein "Wunder" nennt. Und gleich hinterher ein Schocker, wie ihn sich nur ein professioneller Provokateur des satirischen Gewerbes leisten. kann: Nach den Anschlägen des 11. September 2001, sagt er in bestem Englisch, hätten die Journalisten von ihm zu hören bekommen: "Es war höchste Zeit, dass Amerika eine Dosis seiner eigenen Medizin verabreicht wurde."

Schon rein äußerlich präsentiert sich Ungerer als Unikum. Schwarzer Anzug, schwarze Wildleder-Boots, schwarzes T-Shirt mit der Aufschrift: "The People Republic of Alsace." Die irische Freundin seines Sohnes habe ihm "diesen Spruch von der elsässischen Volksrepublik" aufs Hemd aufgepappt, tönt der Uhrmacher-Sohn aus Straßburg auf Deutsch und schwärmt dann auf Französisch über die Vorreiterrolle des Elsass und seiner Hauptstadt Straßburg für den europäischen Einigungsprozess. "Erinnert ihr Euch noch", fragt er, "wie wir Franzosen bei unserem Referendum 1992 fast gegen den Vertrag von Maastricht gestimmt hätten? Nur weil wir Elsässer mit großer Mehrheit mit Ja stimmten, haben wir gerade noch das rettende Ufer erreicht" - eine Meinung, mit der keineswegs alleine steht.

"Du dreckiger Deutscher"

Wenn es um Europa geht, ist der Star-Zeichner, der schon mehr als 200 Bücher vorgelegt hat und seit sieben Jahren auch als Botschafter des Europarats für Kinder und Erziehung fungiert, nicht zu stoppen. Im Moment sowieso nicht, da die EU ausnahmsweise Erfolge wie den gerade in Lissabon abgesegneten Reformvertrag vorzuweisen hat. "Gott sei dank", freut sich Ungerer, "und nun auch noch eine europafreundliche Regierung in Polen". Ex-Kanzler Gerhard Schröder, seinem Duz-Freund, habe er schon vor Jahren erklärt, dass zwischen Polen und Deutschland genau wie einst zwischen Frankreich und Deutschland möglichst viel Kultur- und Schüleraustausch betrieben werden müsse. "Nur so kommt Versöhnung zustande, das wissen wir Elsässer aus leidvoller Erfahrung", sagt der Straßburger, der vor gut 30 Jahren wegen seines Engagements für die deutsch-französische Freundschaft Briefe mit Todesdrohungen erhielt: "Du dreckiger Deutscher, Dich machen wir nieder."

Ungerers Vater Théodore, ein Historiker und Ingenieur, hielt einst die mittelalterlichen Uhrwerke des Straßburger Münsters in Schwung. Sein 1931 geborener Sohn Tomi fing schon mit 4 Jahren mit dem Zeichnen an und ist heute vor allem für seine phantastischen Kinderbücher berühmt (jüngst wurden seine "Drei Räuber" verfilmt). Im neuen Tomi Ungerer Museum, untergebracht in einer Villa im ehemals deutschen "Kaiserviertel" nahe des Straßburger Münsters, sind auch seine frühesten Werke ausgestellt, so etwa "Es lebe Mickey und Frankreich" aus dem Jahr 1938. In den Jahren darauf erlebte der kleine Mickey Maus-Bewunderer in Colmar die Schrecken der Nazi-Herrschaft, die er sowohl mit dem Stift als auch später in seiner wunderbar illustrierten Autobiografie "Die Gedanken sind frei" festhielt.

Das erotische Werk hängt im Keller

Die Ausstellung ist thematisch gegliedert. Das erotische Werk, darunter Ungerers verruchte Domina-Studie "Schutzengel der Hölle", die in seiner Hamburger Zeit in den 80er Jahren auf St. Pauli entstand , hängt im Keller. Sein Zeichenstil, sagte der Pariser Kurator François Mathey einmal über ihn, habe manchmal "die Präzision einer ausgebrochenen Rasierklinge". Viele der 300 Exponate stammen aus seiner New Yorker Zeit, wo seine grandiose Karriere mit Werbe-Kampagnen für Markenartikel und Zeitschriften-Cartoons begann, etwa für die "Village Voice". Im ersten Stock befindet sich zwischen Agitprop-Plakaten gegen den Neo-Nazismus Ungerers "Europolitain"-Sektion mit seiner berühmten "Diva Europas", eine triumphierende Walküre, an deren Helm zwei Straßburger Münstertürme hängen.

8000 Originalzeichnungen hat der große Meister, Mitglied der französischen Ehrenlegion, Träger des deutschen Bundessverdienstkreuzes und zahlloser Preise, insgesamt seiner Heimatstadt vermacht. Aus diesem riesigen Fundus will das Museum in Zukunft dreimal im Jahr jeweils neue Ungerer-Werke zeigen - erst in etwa zehn Jahren also wird man alles gesehen haben.