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was-macht-eigentlich: Christian Schenk

In Seoul holte der Zehnkämpfer 1988 Gold und war einer der letzten OLYMPIASIEGER der DDR. Nach mehreren Verletzungen musste der Modellathlet 1994 seine Karriere beenden

In Seoul holte der Zehnkämpfer 1988 Gold und war einer der letzten OLYMPIASIEGER der DDR. Nach mehreren Verletzungen musste der Modellathlet 1994 seine Karriere beendenZur Person :

Christian Schenk ist immer noch in sportlicher Mission unterwegs. Der 35-Jährige betreibt heute in Rostock eine Agentur für Tourismus und Sportevents. In Travemünde setzte er Football-Monster in den Ostseesand, um Jugendliche für das Spiel mit dem Leder-Ei zu begeistern. 1988 konnte Schenk in Seoul seinen Sieg im Zehnkampf bejubeln. Die Sportbesessenheit liegt in der Familie: Vater Eberhard war DDR-Meister über 110 Meter Hürden. Sohn Arvid, 11, will Fußballer werden

stern: Sie fahren zu den Olympischen Spielen nach Sydney. Hat Sie die Sehnsucht gepackt?

Schenk: Wenn ich ins Olympische Dorf komme, kriege ich sicher Gänsehaut. Aber in erster Linie bin ich beruflich in Sydney, werde für die Sponsoren der Spiele arbeiten.

stern: Sie wollten mal Sportreporter werden?

Schenk: Während der Olympiade 1992 in Barcelona war ich Co-Moderator beim ZDF. Wegen einer schweren Verletzung hatte ich mich damals nicht qualifizieren können. Ich habe dann fast drei Jahre fürs ZDF gearbeitet. Richtig glücklich geworden bin ich beim Fernsehen nie. Jetzt bin ich mein eigener Chef und Inhaber einer Sport-Tourismus-Agentur in Rostock. Ich vermarkte Sport-Events und werbe für Mecklenburg-Vorpommern.

stern: Das beste Image hat Ihr Heimatland nicht.

Schenk: Die Politiker haben Jahre versucht, das Thema Ausländerfeindlichkeit totzuschweigen. Dass das nicht funktioniert, merken sie spätestens nach den jüngsten Vorfällen. Ich habe den Anspruch, die Leute von meinem schönen Land zu überzeugen. Da werde ich einen genauso langen Atem haben wie im Sport. Ich will auch junge Leute motivieren zu bleiben. Hier gibt es noch echte Aufbauarbeit zu leisten.

stern: Bleibt Ihnen da noch Zeit für Sport und andere Hobbys?

Schenk: 45 Stunden die Woche trainiere ich natürlich nicht mehr. Ich gehe zwei- oder dreimal in der Woche laufen oder spiele Beachvolleyball. Ansonsten komme ich nicht einmal zum Lesen von Fachliteratur. Und abends schaffe ich selten mehr als zwei Buchseiten, bevor ich einnicke.

stern: Auch Ihnen wurde Doping vorgeworfen.

Schenk: Mein Name taucht in DopingDokumenten von Brigitte Berendonk auf. Das betrifft die Zeit, als ich 18 war. Ich kann aber von mir behaupten, dass ich meine Bestleistungen in sauberem Zustand gemacht habe.

stern: Wie fühlt man sich so als Teil der »Olympischen Familie«?

Schenk: Ich erinnere mich noch gut an Seoul, als ich mit meinem Zehnkampf-Kollegen Torsten Voss beim Frühstück saß und dachte, wie es wäre, Steffi Graf zu treffen. Als ich ihr dann später begegnet bin, habe ich Gänsehaut bekommen. »Olympische Familie« ist wirklich der richtige Begriff für die Atmosphäre bei den Spielen.

stern: Sie waren Sportler der DDR. Kamen Sie nie mit dem System in Konflikt?

Schenk: Es war bei den WM 1987 in Rom. Da setzte sich der bundesdeutsche Hochspringer Carlo Thränhardt am Pool neben mich und plauderte mit mir. Als drei Funktionäre vorbeigingen, ist mir das Herz in die Hose gerutscht. Ich bin ihnen nachgelaufen und habe die Situation erklärt. Ich hatte Angst, dass das mein letzter Wettkampf gewesen wäre. Die große Enttäuschung kam dann erst ein Jahr später, als wir DDR-Sportler nicht an der Abschlussfeier der Spiele in Seoul teilnehmen durften. Man wollte uns vom Klassenfeind fern halten. Damals habe ich zum ersten Mal Hass gegen die Offiziellen entwickelt.

stern: Sie galten als ehrgeiziger Spitzensportler, aber auch als »Star ohne Allüren«. Eine Heimatzeitung zählt Sie gar zu den »Managern des Umbruchs«. Ist Ihnen so viel Lob nicht peinlich?

Schenk: Ich habe kein Problem damit. Ich habe mehr geleistet als viele andere.

stern: Was soll die Zukunft bringen?

Schenk: Ich möchte meine Agentur international etablieren. In den nächsten fünf Jahren wird der Beruf im Vordergrund stehen.

stern: Und Ihre Familie macht das mit?

Schenk: Von meiner Frau bin ich seit vergangenem Jahr geschieden. Mein elfjähriger Sohn Arvid ist gerade in ein sportorientiertes Gymnasium gekommen. Er ist Fußballer.

stern: Wer gewinnt in Sydney den Zehnkampf?

Schenk: Der Tscheche Tomas Dvorak. Wenn er sich nicht verletzt, ist er unschlagbar. Wenn alles gut läuft, kommt einer der Deutschen auf Platz drei. Im Moment traue ich das am ehesten Stefan Schmid zu.

stern: Werden Sie live dabei sein?

Schenk: Zumindest der Zehnkampf ist Pflichttermin, das ist klar.

Interview: Claudia Detsch