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was-macht-eigentlich: Claudia Nolte

Die studierte Ingenieurin aus Thüringen saß als jüngste Bundestagsabgeordnete vier Jahre im Vorstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Von 1994 bis 1998 war sie Bundesfamilienministerin

Die studierte Ingenieurin aus Thüringen saß als jüngste Bundestagsabgeordnete vier Jahre im Vorstand der CDU/CSU-Bundestagsfraktion. Von 1994 bis 1998 war sie BundesfamilienministerinZur Person :

Claudia Nolte in ihrem Berliner Büro. Optisch hat sie sich von der altbackenen Rüschenbluse, in der sie 1994 vereidigt wurde, und dem Fransenschnitt verabschiedet. Veränderung auch im Privaten - die 33-Jährige trennte sich von ihrem Mann

stern: Mögen Sie noch Rüschenblusen?

Nolte: Die sind doch schick, oder? Im Ernst: Ich brauchte zur Amtseinführung als Familienministerin 1994 was Festliches. Die Verkäuferin in Erfurt meinte, Rüschenblusen seien gerade Mode. Also habe ich eine angezogen, obwohl das gar nicht mein Stil ist. Danach hatte ich sie nur noch einmal aus Spaß für die »Harald Schmidt Show« an.

stern: Das spießige Image sind Sie nie losgeworden.

Nolte: Ein exemplarisches Beispiel von Schubladendenken: Die Nolte kommt aus dem Osten, ist gegen Abtreibung und trägt Rüschenblusen. Alles klar. Aber in jedem Unglück gibt es auch ein wenig Glück. Die Leute kannten gleich von Anfang an meinen Namen.

stern: Vermissen Sie Ihren Job?

Nolte: Ich vermisse die Möglichkeit, gute Ideen umzusetzen.

stern: Warum sind Sie dann nicht nach Thüringen ins Kabinett von Bernhard Vogel gegangen. Es hieß doch, dort sei ein Posten für Sie vorgesehen?

Nolte: Ich bin gerne Abgeordnete und habe frühzeitig erklärt, dass ich weiter Bundespolitik machen will. Die Länder brauchen eine starke Vertretung in Berlin.

stern: Das klingt ein bisschen gestanzt.

Nolte: Außerdem kümmere ich mich in der Fraktion um Behindertenpolitik. Je mehr ich mich damit befasse, umso klarer wird mir, wie ignorant die Gesellschaft gegenüber behinderten Menschen ist. Wir arbeiten im Sozialausschuss an einer Verbesserung des Rehabilitations-rechts. Damit bleibe ich meinem Thema treu: Wie schafft man eine Gesellschaft, in der niemand überflüssig ist.

stern: Ehrenvoll, aber viele Lorbeeren werden Sie damit nicht verdienen.

Nolte: Es ist mir egal, ob ich damit in die Nachrichten komme. Politiker sein ist ein dienender Beruf, das haben manche vergessen.

stern: Das letzte Mal waren Sie richtig groß in den Nachrichten, als Sie mitten im Wahlkampf eine Mehrwertsteuer-Erhöhung angekündigt hatten.

Nolte: Ja, ich habe von der Steuerreform gesprochen, die wir anderthalb Jahre vorher verabschiedet hatten, aber so, wie es rüberkam, war es fatal. Auch für mich persönlich war das die härteste Woche in meiner Laufbahn. Alles, was ich geschafft hatte, der Familienleistungsausgleich, galt plötzlich nichts mehr.

stern: Glauben Sie, dass dieser unbedachte Satz Ihrer Karriere auf Dauer schaden wird?

Nolte: Fehler macht jeder mal. Ich bin ins Präsidium der CDU gewählt worden. Und man wählt niemanden, den man politisch für tot erklärt. Übrigens habe ich meine Karriere nie geplant und habe das auch in Zukunft nicht vor. Ich habe mich 1990 für die Politik entschieden, weil ich nie wieder DDR-Verhältnisse wollte. Der Beruf füllt mich aus, auch als Abgeordnete. Das Ziel ist, die nächste Bundestagswahl zu gewinnen.

stern: Sie galten als Ziehkind Helmut Kohls. Sind Sie jetzt enttäuscht von ihm?

Nolte: Das, worin Helmut Kohl für mich Vorbild war, gilt uneingeschränkt. Zudem spricht für ihn, dass er zu seinen Fehlern steht.

stern:Wie gefällt Ihnen eigentlich Berlin?

Nolte: Prima. Aber ich bin ja nicht in Berlin, um die Stadt zu genießen. Ich war bisher ein paar Mal im Kino. Ansonsten nutze ich meine knappe Freizeit zum Lesen. Gerade ist »Die kleine Schule der Philosophie« von Jaspers dran.

stern: Und wo wohnen Sie während der Sitzungsperioden in der Hauptstadt?

Nolte: Ich habe mir im Bezirk Friedrichshain eine Altbauwohnung gemietet.

stern: Auch privat hat sich bei Ihnen einiges geändert. Sie haben sich von Ihrem Mann getrennt

Nolte: Das stimmt. Ich lebe jetzt in Erfurt und besuche meinen Sohn Christoph, der nach wie vor bei seinem Vater in Illmenau wohnt, sooft es geht. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Ich bin nicht der Typ, der seine Privatangelegenheiten öffentlich ausbreitet.

Interview: Mara Kaemmel