HOME

was-macht-eigentlich: Paul Marchal

Vor vier Jahren organisierte er den WEISSEN MARSCH in Brüssel - gegen die Schlamperei von belgischer Polizei und Justiz im Fall des Kinderschänders Dutroux. Unter dessen Opfern: Marchals 17-jährige Tochter An

Vor vier Jahren organisierte er den WEISSEN MARSCH in Brüssel - gegen die Schlamperei von belgischer Polizei und Justiz im Fall des Kinderschänders Dutroux. Unter dessen Opfern: Marchals 17-jährige Tochter AnZur Person :

GEDENKEN Paul und Betty Marchal vor einem Foto ihrer ermordeten Tochter An. Der 47-jährige Sonderschullehrer lebt mit seiner Frau und drei Kindern in dem belgischen Provinzstädtchen Hasselt, wo er im Haus seiner Eltern ein Hilfszentrum für missbrauchte Minderjährige eingerichtet hat.

Herr Marchal, wo stehen wir im Moment?

In dem Haus, in dem ich groß geworden bin. Nach unserer Hochzeit lebten meine Frau und ich noch einige Jahre zusammen mit meinen Eltern hier. Und im Schlafzimmer, oben, haben wir unsere Tochter An gezeugt. Einen Monat vor ihrer Geburt zogen wir dann in eine eigene Wohnung.

Ist dieser Ort also eine Art Gedächtnisstätte für Sie?

Nein, es geht um viel mehr. Seit Oktober 96 arbeitet hier unser Verein »Ans Haus«. Ohne finanzielle Unterstützung von offizieller Seite setzt er sich, getragen nur von Freiwilligen, für verlorene Kinder ein, für Opfer sexueller Gewalt.

Wäre das nicht die Aufgabe der Behörden?

Für einige Betrof-fene ist da die Hemmschwelle zu hoch. Man kommt lieber zu uns. Etwa 3000 Menschen konnten wir beraten. Schlimme, unfassbare Fälle sind dabei.

Zum Beispiel?

Eine Großmutter, die befürchtet, dass ihr acht Monate alter Enkel missbraucht wird. Keine Instanz glaubte ihr. Ein von uns eingeschalteter Arzt stellte dann im Mund des Babys Spermareste fest.

Und solche Untersuchungen zahlen Sie aus eigener Tasche?

Zum Glück gibt es Spender. Wir müssen nur aufpassen, dass der Geldstrom nicht versiegt.

Das kann doch aber nicht schwierig sein, bei Ihrem guten Leumund?

Die belgische Presse beschuldigte mich, mediengeil zu sein. Ein Journalist nannte mich beispielsweise einen Narren, der auf dem Grab seiner Tochter tanzt. Das ist eine schlimme Unterstellung, die unsere Arbeit bremsen und schädigen kann.

Sie haben sogar die »Partei für eine neue Politik in Belgien« gegründet und damit für Kritiker den Eindruck erweckt, sich selbst zu wichtig zu nehmen.

Einspruch. Richtig ist, dass ich mich von meinem Anwalt habe verführen lassen, Aushängeschild dieser neuen politischen Partei zu sein. Meine Zusage war falsch.

Wieso?

Der Advokat gehörte zu einem Kreis radikaler Figuren, die ich nicht kannte. Die bekamen durch mich als Leiter der Bewegung eine Art »Gütesiegel«, dabei wollten sie mich nur für ihre dubiosen, rechtsextremen Zwecke benutzen. Ich merkte das und stieg aus.

Was wollten Sie denn überhaupt im Parlament?

Dort werden die Gesetze gemacht! Es ist das Machtzentrum. Doch ich fühlte rechtzeitig, dass ich da nicht hingehöre.

Ihr Verein arbeitet doch sehr erfolgreich?

Stimmt. Es ist eigentlich sogar besser, außerparlamentarischen Druck zu machen. Und die Ergebnisse sprechen für sich. Verschwundene Minderjährige werden jetzt sofort gesucht. Oder Eltern von spurlos verschwundenen Kindern erhalten weiter ihr Kindergeld. Früher wurde das gestrichen, als ob die Verschollenen schon tot wären.

Was konnten Sie denn bislang nicht durchsetzen?

Dass der Staat Behandlungskosten von missbrauchten Kindern bezahlt.

Immer noch wartet Belgien auf den Prozess gegen Dutroux. Das muss Ihnen ein Gräuel sein.

Schlimmer ist, dass wir als Eltern keinerlei Einblick in alle Ermittlungen bekommen. Die Recherchen zu den verschiedenen Straftaten legt man in einzelnen Dossiers getrennt fest. So kann man Zusammenhänge, ein Netz von Tätern und Komplizen vertuschen. Man verliert den Überblick. Das ist meine große Angst. Und da liegt der wirkliche Skandal.

Interview: Albert Eikenaar

Themen in diesem Artikel