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Wentworth Miller: Amerikas neuer Sexgott

Frauen mögen seine Verletzlichkeit, Männer wären gern so cool wie er: Wentworth Miller, Star der US-Serie "Prison Break". Die Geschichte eines Mannes, der sich einbuchten lässt, um seinen inhaftierten Bruder zu befreien, ist derzeit das Spannendste im deutschen Fernsehen.

Von Susanne Weingarten

Ach, ach, um diesen Job würden sich Hunderttausende reißen! Eine zierliche junge Frau ist bei den Dreharbeiten zu "Prison Break" in die Aufgabe vertieft, Wentworth Millers Jeans von oben bis unten mit Dreck einzureiben. Hier noch ein Fleck, dort eine Staubschliere: Sie lässt sich Zeit, schließlich steckt Miller selbst in den Jeans. Und der Star der amerikanischen Gefängnisausbruchsserie sieht auch in Wirklichkeit so kriminell gut aus wie im Fernsehen. Zum "heißesten Kerl aller Zeiten" wurde Wentworth Miller, 35, gerade in einer amerikanischen Online-Umfrage gewählt, und das um Längen vor solch festen Erotik-Hollywood-Größen wie Brad Pitt, Paul Newman oder Marlon Brando. Auf diese Ehre angesprochen, verzieht Miller die Lippen, die an seiner Platzierung nicht ganz unschuldig sind, und schnaubt so ungläubig, als könne er nicht fassen, dass ihn irgendjemand als Sexgott verehrt.

Doch dann schiebt er schnell die wohlerzogene Floskel nach, dass er "ein paar sehr treue Fans" habe. Wohl wahr, und in der jüngsten Zeit sind noch etliche dazugekommen, denn auch in Finnland, Korea oder Deutschland, wo gerade die zweite "Prison Break"-Staffel läuft (RTL, donnerstags um 23.15 Uhr), verfehlt der Newcomer mit den stoisch zusammengekniffenen Augen seine Wirkung nicht. Frauen stehen auf die Verletzlichkeit, die sich in diesem großen, verschlossenen Jungen erahnen lässt, Schwule auf seinen durchtrainierten 1,90 m-Körper und Heteromänner auf die Vorstellung, sie könnten einen genauso coolen, kühl kalkulieren den Helden abgeben wie er. So ungefähr jedenfalls dürfte sich Wentworth Millers Wirkung verteilen. Er ist das Geschlechtsideal des neuen Jahrtausends: ein echter Mann für Männer, den zugleich die Frauen retten wollen. Es wird allmählich Nacht am Drehort von "Prison Break". Auf einem ehemaligen Schlachthofgelände am Rande der texanischen Großstadt Fort Worth ist ein Gefängnishof nachgebaut worden, samt Wachtürmen, Stacheldrahtzaun und Eingangsbaracke. Ein gelangweilter Nebendarsteller in schwarzer Uniform legt seine Waffe an, zielt auf ein imaginäres Opfer und drückt ab. Willkommen in Texas!

"Als ich die Rolle annahm, war sie nur ein Gehaltsscheck für mich"

In der ersten Staffel von "Prison Break" hatte sich Millers Figur, ein cleverer Tüftler namens Michael, als Gefangener in einen Hochsicherheitsknast eingeschleust, in dem sein älterer Bruder Lincoln in der Todeszelle saß. Ähnlich wie bei "24" war die ganze Staffel einem durchgehenden Handlungsstrang gewidmet: Michaels ausgefeiltem Plan, seinen Bruder aus dem Knast zu befreien - nicht zuletzt mithilfe eines Bauplans des Gefängnisses, den er in einer flächendeckenden Tätowierung auf seinem Oberkörper versteckt hatte. Kompletter Nonsens, klar, aber großartiges Fernsehen. Mittlerweile wird in den USA die vierte Staffel gedreht, in Deutschland schauen wöchentlich rund 1,5 Millionen Zuschauer zu später Stunde die zweite Etappe. Die erzählt nun davon, wie die Brüder - begleitet von einer Truppe sadistischer, geisteskranker oder einfach nur schwerkrimineller Häftlinge - sich ihren Weg in die Freiheit bahnen und zugleich versuchen, das Komplott hinter Lincolns Verurteilung aufzuklären. "Als ich die Rolle annahm, war sie nur ein Gehaltsscheck für mich", gibt Miller zu. "Ich konnte ja nicht ahnen, dass die Sendung sich zu einem internationalen Phänomen entwickeln würde."

Inzwischen ist es kurz vor Mitternacht, und seine Jeans sind noch erheblich dreckiger als ein paar Stunden zuvor. Aber mittlerweile hat er sich dafür ehrlich im Staub gewälzt. Für die kommende Saison dreht die "Prison Break"-Crew heute den Fluchtversuch aus einem Knast in Panama. Durch Fluchttunnel zu kriechen, unter Armee-Lkws herzurobben und sich vor grimmigen Wärtern zu verstecken ist nicht gerade die Karriere, die sich Wentworth Millers Eltern für ihren Sohn vorgestellt hatten. Er wuchs in einem liberalen Akademikerhaushalt in New York auf, "in dem der Schwerpunkt auf einer guten Ausbildung und auf Leistung lag". Rechtsanwalt hätte er werden sollen, Arzt vielleicht oder Professor. Den Sohn aus bildungsbürgerlichem Hause kann Miller bis heute nicht leugnen. Er ist höflich und nachdenklich, er spricht mit gepflegtem Timbre, und seine Analysen der Show könnte man als Uni-Hausarbeit einreichen. Er ist fast so ein Nerd wie Michael, kopfgesteuert und unnahbar. Unter den, nun ja, zünftigen Gestalten der Fernsehwelt wirkt Miller dadurch genauso fremd wie seine Figur unter den anderen Häftlingen. "Ich muss Wentworth häufig fragen, was die Wörter bedeuten, die er benutzt", klagt der Komparse Brad, der ihn bei Proben vertritt.

"Wir stecken doch alle in einer Schublade, aus der wir ausbrechen wollen"

Der junge Miller hatte kaum seinen Abschluss an der Ivy-League-Universität Princeton in der Tasche, da verließ er seinen vielversprechenden Weg und ging nach Los Angeles. Für ihn ist es "eine Befreiung", vor der Kamera zu stehen, sagt er, eine Erlösung von der Kontrolliertheit des Alltags. "Wir wollen alle manchmal über die Stränge schlagen, und nur wenige finden eine Arena, in der sie das können." Doch es hat gedauert, bis dem schlauen Beau die richtige Rolle zufiel. Seinen ersten großen Auftritt, 2003 in "Der menschliche Makel", bekam Miller wohl vor allem wegen seiner Biografie. Die Philip-Roth-Verfilmung erzählt von einem hellhäutigen Schwarzen, der sich sein Leben lang als Weißer ausgibt - eine Erfahrung, die Miller allzu vertraut ist: Er wird normalerweise für weiß gehalten, hat aber einen schwarzen Vater. "Ich wusste genau, wogegen er rebellierte", sagt Miller, "es waren die Stereotypen, denen er als Schwarzer ausgesetzt war."In "Prison Break" spielt er jetzt einen Weißen, "und bis jetzt hat niemand ein Wort darüber verloren, dass ich gemischtrassiger Herkunft bin". Für Hollywood ist das revolutionär. Fühlt er sich als Pionier? "Vielleicht", sagt Miller vorsichtig. "Wir stecken doch alle in einer Schublade, aus der wir ausbrechen wollen." Und das ist erheblich schwieriger, als aus einem Fernsehknast zu fliehen.

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