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Woody Allen: "Das Glück schreibt mit weißer Tinte"

Dieser Mann ist schlau. Und verzweifelt. Und verdammt ehrlich. Im stern-Gespräch gibt Woody Allen offen zu: Er mag seine Filme nicht, seine Frau mag seine Witze nicht, und das Leben mag ihn nicht.

Mr. Allen, in "Melinda und Melinda", der jetzt ins Kino kommt, erzählen Sie die gleiche Geschichte einmal als Komödie und einmal als Tragödie. Welche Version ist Ihnen näher?

Die Tragische. Ich bin ein Mensch, der bei einem eingewachsenen Zehennagel glaubt, er wird sterben. Früher habe ich mir dann vorgenommen, vor meinem Ende noch mit jeder Frau zu schlafen, die ich zu fassen bekomme, und all die Pizzas zu essen, die ich mir verbiete, weil sie schlecht sind für meine Gesundheit. Ich habe aber festgestellt, dass ich nicht zu denen gehöre, die in einem abstürzenden Flugzeug noch schnell mit ihrer Sitznachbarin Sex haben wollen. Ich bin ein energiearmer Typ, der still und voller Rücksichtnahme auf andere aus dem Leben scheiden würde.

Ihre Vertrauten behaupten: je depressiver Ihre Stimmung, desto komischer Ihre Drehbucheinfälle. Wie funktioniert das?

Es stimmt, wenn ich mich klein, niedergeschlagen und nichtswürdig fühle, gelingen mir sehr unterhaltsame Sachen. Und wenn ich dann spüre, dass ich amüsant bin, gerate ich in eine nervöse, manische Anspannung, die mich noch amüsanter macht. Vielleicht ist dieses Hochputschen eine unbewusste Strategie meiner Seele, um mein angeschlagenes Selbstwertgefühl wieder aufzurichten. Hätte ich allerdings die Wahl, würde ich lieber weniger leiden und dafür in Kauf nehmen, weniger komisch zu sein.

Ist Glück kein produktiver Zustand?

Leider nein. Glück oder eine sonnige Wesensart erzeugen keinen Impuls, sich künstlerisch auszudrücken. Das Glück schreibt mit weißer Tinte. Schmerz dagegen stimuliert. Nur darf der Schmerz nicht zu groß sein, weil er dich sonst zum Krüppel macht. Es hängt alles vom richtigen Grad des Leidens ab.

Sie bemühen sich demnach, nicht allzu glücklich zu sein?

Ich muss mich da gar nicht bemühen. Das ist ein Gratis-Geschenk.

Wenn Sie Ihrem eigenen Geschmack folgen: Würden Sie Woody-Allen-Filme anschauen?

Nein. Zu leichtes Zeugs.

Ist es quälend für Sie, die eigenen Filme anzusehen?

Das tue ich nie. Nehmen Sie einen eifrigen Küchenchef, der den ganzen Tag am Herd verbracht hat. Der mag nach Feierabend nicht das essen, was er tagsüber gekocht hat. Genauso geht es mir mit meinen Filmen. Ich kümmere mich um alles, vom Drehbuch bis zur Farbkorrektur, aber dann bin ich fertig mit ihnen und will sie nie mehr wiedersehen. Ich habe meinen ersten Film "Take the Money and Run" 1968 gedreht und bis heute nicht wieder angeschaut.

Schon lange, bevor Sie Ihren ersten Film drehten, galten Sie als Wunderkind.

Ich wusste in der High School nichts mit mir anzufangen, also schickte ich mit 16 ein paar Witze an die Zeitung - und plötzlich sah ich meinen Namen gedruckt! Ein paar Monate später wurde ich Gagschreiber für Talkshows und verdiente achttausend Dollar im Monat. Meine Mutter verkaufte Blumen, und mein Vater hatte kleine Jobs als Kellner, Barmann, Taxifahrer und Schmuckverkäufer. Sie begriffen nicht, wofür ich dieses Vermögen bekam.

Ihre Mutter erzählte mal, Sie seien bis zum vierten Lebensjahr ein fröhliches, optimistisches Kind gewesen. Dann sei Ihr Wesen ohne erkennbaren Grund versauert.

Und dabei habe ich nie etwas Tragisches erlebt. Meine Eltern prügelten mich nicht, sie kauften mir alle Spielsachen, die ich haben wollte, und ich wurde auch nicht plötzlich Vollwaise. Meine Theorie ist, dass ich damals schon gespürt habe, dass ich sterblich bin, und eines Tages alles das Klo runterrauschen wird: ich, meine Eltern, unsere Wohnung, die Nachbarn - einfach alles. Als ich begriff, dass das wahre Bild allen menschlichen Lebens ein alles verschlingendes Toilettenrohr ist, verschwanden jede Niedlichkeit und alle Begeisterung aus mir. Stattdessen begann mein Körper Angst zu produzieren. Und das hat bis heute nicht aufgehört.

Sie wollen sagen, Sie waren schon mit fünf existenzialphilosophisch verzweifelt?

Sie müssen wissen, ich war ein sehr kluges Kind. Nach einem IQ-Test wollte man mich auf eine Schule für Spitzenbegabte schicken. In Wahrheit habe ich meine Eltern für immer enttäuscht, als ich Filmemacher wurde. Sie hielten mich für ein Genie, dem eine rosige Zukunft bevorstand. Als sie dann meine Filme sahen, werden sie erschüttert gedacht haben: "Und das soll alles sein, was diesem vortrefflichen Hirn entsprungen ist?"

Aus Angst vor dem Tod sollen Sie bis zum vierzigsten Lebensjahr stets bei eingeschalteter Beleuchtung geschlafen haben.

Wenn ich alleine bin, tue ich das heute noch, denn wer weiß, was die Dunkelheit verbirgt.

Wie oft quält Sie heute der Gedanke, sterblich zu sein?

Unglücklicherweise ist das nicht bloß ein Gedanke, sondern eine Obsession. Ich sehe hinter jedem Menschen stets dessen Skelett hervorlugen. Wenn ich zuschaue, wie Michael Jordan mit dem Basketball zaubert, denke ich: "Wie bitter! In ein paar Jahren wird dieser herrliche Körper nur noch ein Klumpen kranker Zellen sein." Begegnet mir auf der Straße eine traumschöne Frau, sage ich mir: "Was für ein Verbrechen! Irgendwann wird eine heimtückische Krankheit diesen himmlischen Körper für immer brutal entstellen."

Halten Sie Ihre Sicht für therapiewürdig?

Da ich von allem immer nur die negative Seite sehe, haben mir gut beleumundete Ärzte vorgeschlagen, ich solle Antidepressiva nehmen. Mir wurde gesagt, die Welt sei nicht annähernd so trübsinnig, wie ich sie wahrnehme, meine Perspektive sei einfach nicht normal. Aber ich möchte keine Mittel nehmen, denn ich fühle, dass ich Recht habe - nur sieht das eben keiner ein. Ich weiß natürlich, dass das der Standardsatz aller Insassen von Irrenanstalten ist. Aber auch Sie werden noch erleben müssen, dass Ihrem Leben kein Hollywood-Ende beschieden ist.

Ist es nicht widersinnig, sich ein Leben lang vor den paar Sekunden zu fürchten, in denen man stirbt?

Jetzt reden Sie wie die Psychoanalytiker, bei denen ich jahrelang in Behandlung war. Die sagten auch, mein Pessimismus und meine dauernde Besessenheit vom Tod seien neurotisch. Ich verstehe aber nicht, wie jemand überhaupt an etwas anderes denken kann. Das kommt mir vor, als würde ein Häftling in Auschwitz sagen: "Was für schönes Wetter heute. Und die Essensration ist auch ein klein wenig größer als gestern." Ich würde dem Mann zurufen: "Wach auf und versteh endlich: Du bist hier in einem Vernichtungslager!" Wir alle befinden uns in einem gigantischen Vernichtungslager. Ich sage Ihnen, was unsere Existenz auf diesem Planeten ausmacht: Nach ein paar Jahren Leben klopft es mitten in der Nacht an deiner Tür und eine Stimme sagt: "Mitkommen! Sie sind schuldig!" Ich könnte diese schmerzliche Wahrheit natürlich mit Chemikalien betäuben, aber ich habe noch nie an einer Marihuana-Zigarette gezogen oder Kokain genommen. Ich schlucke nur Vitaminpillen in dem Irrglauben, sie würden mir helfen.

Welches Etikett haben Sie für Ihre Weltsicht?

Vielleicht kennen Sie meinen Film "Annie Hall". Ich wollte ihn "Anhedonismus" nennen, das ist die Unfähigkeit, dem Leben Freude und Vergnügen abzugewinnen. Aber die Verantwortlichen bei United Artists sagten: "Sorry, aber der Titel ist ein Marketing-Albtraum. Niemand weiß, was dieses Wortungetüm bedeutet, und wer es herausfindet, wird mit Sicherheit lieber zu Hause bleiben wollen." Wenn Sie also unbedingt ein Etikett wollen: Ich bin Anhedonist.

Ihnen bereitet gar nichts Vergnügen?

Ich habe so meine kleinen Strategien entwickelt, um Zerstreuung zu finden: Ich schaffe mir Probleme, unter denen ich leide, die mich aber nicht töten - Filme! Wenn ich mich wochenlang mit einem Dialog herumquäle, muss ich mich nicht mit den unlösbaren Problemen meiner Existenz auseinander setzen. Ich würde am liebsten ganz in meinen Filmen leben, um mich vor der Realität zu verstecken. Aber Ärzte nennen das Leben in Fantasiewelten nun mal eine Psychose.

Sie drehen jedes Jahr einen neuen Film, nur um der Wirklichkeit zu entkommen?

So ist es. Meine Filmerei ist wie Korbflechten in Irrenanstalten: Der Patient fühlt sich dabei etwas besser.

Ihre Exfreundin Diane Keaton sagt über Sie: "He's got balls to the floor." Konservativ übersetzt heißt das, Sie hätten einen sehr starken Willen.

Weil ich auch privat eine Eierkopf-Brille trage und nicht exakt den Körper von Bruce Willis habe, verwechselt man mich immer mit den schwächlichen, herumgeschubsten Kunstfiguren, die ich auf der Leinwand spiele. Ich kann das sogar verstehen. Ich würde auch nicht gern erfahren, dass John Wayne privat ein parfümierter, schwuler Feigling war.

Sie haben 1997 die damals 27-jährige Adoptivtochter Ihrer Exfreundin Mia Farrow geheiratet. Teilt Soon-Yi Ihren Anhedonismus?

Nein. Wie alle hält sie mich für einen sauertöpfischen, verdüsterten und neurotischen Übertreibungskünstler. Ein Freund von uns hat ihre Meinung über mich einmal so zusammengefasst: "Für die meisten Menschen ist der Sarg halb leer. Für Woody ist der Sarg halb voll."

Was tut Soon-Yi, wenn Sie die Schwermut packt?

Sie ignoriert mich. Sie blendet mich aus wie einen schlechten Song im Radio und kümmert sich um die Kinder, damit die nicht auch noch durchdrehen.

Sind Kinder eine taugliche Therapie gegen Melancholie?

Nein. Ich liebe es, zwei Kinder zu haben, aber als Junggeselle war ich nur von meiner eigenen Verwundbarkeit besessen. Jetzt muss ich mir auch noch dauernd ausmalen, was meinen Töchtern alles zustoßen kann.

Ihre Frau stammt aus Korea. Haben Sie beide eine ähnliche Humorfrequenz?

Da sprechen Sie eine schwierige Situation an. Meine Frau erzählt sehr gute Witze, aber versteht keine. Sie müssen sich das bildlich vorstellen: Ich, Woody Allen, erzähle einen wirklich grandiosen Witz - und meine Frau starrt mich bloß verständnislos an! Wenn ich morgens beim Frühstück eine lustige Bemerkung mache, fragt sie: "Wie meinst du das? Ist das jetzt dein Ernst?" Meine Frau ist wirklich kein einfaches Publikum.

Welche Spleens haben Sie?

Seit meiner Kindheit achte ich ängstlich darauf, meine Frühstücksbanane in exakt sieben Scheiben zu schneiden. Ich habe den Aberglauben, sechs oder acht Scheiben würden die empfindliche Balance des Universums zerstören. Dazu kommen jede Menge neurotische Ticks. Ich kann zum Beispiel nur duschen, wenn der Abfluss nicht in der Mitte der Wanne ist, sondern am Rand. Außerdem brauche ich unbedingt mein eigenes Badezimmer.

Wenn Sie Soon-Yi durch ein kurzes Schnippen mit dem Finger etwas beibringen könnten, was wäre das?

Nicht immer gleich so aus der Haut zu fahren, nur weil ich ein wenig schwerhörig bin. Ich habe zwar ein Hörgerät, das ich regelmäßig reinige und mit neuen Batterien versorge, aber da das Einsetzen so eine Fummelei ist, benutze ich es nie. Soon-Yi ermahnt mich immer: "Woody, setz dir dein Hörgerät ein, du bekommst ja gar nicht mit, was ich sage!" Ansonsten habe ich mit meiner Frau aber extremes Glück. Wir sind wie Sadist und Masochist: Der eine schlägt für sein Leben gern, und der andere will unbedingt geprügelt werden. Wir sind wirklich die perfekte Paarung.

Ist Soon-Yi intellektuell auf Augenhöhe?

Durchaus. Vieles versteht sie natürlich nicht genau, weil sie noch sehr jung ist. Wenn ich über das Attentat auf Kennedy spreche, kommt ihr das vor, als würde ein greiser Historiker einen Vortrag halten über die Ermordung Abraham Lincolns.

Lässt Sie der Gedanke verzweifeln, die Volljährigkeit Ihrer Töchter vielleicht nicht zu erleben?

Es ist keine Garantie, aber wir zählen beide darauf, dass ich die Gene meiner Eltern geerbt habe. Meine Mutter wurde 95 und mein Vater 100. Was wirklich schmerzt, ist der Gedanke an Soon-Yi. Ich könnte einen Euphemismus aus Grabreden verwenden und sagen: Ich werde vorangehen müssen. Aber die bittere Wahrheit lautet: Ich werde vor ihr sterben.

Interview: Michael Ebert, Sven Michaelsen / print
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Wie lange ist die frist bei einer Kündigung?
Hallo Ich möchte gerne kündigen, da das Arbeitsverhältnis nicht mehr gegeben ist. Leider verstehe ich den Arbeitsvertrag nicht ganz. Auszug aus dem Vertrag: Paragraf 13 Kündigungsfristen: (1) das Arbeitsverhältnis kann beiderseitig unter Einhaltung einer frist von 6 Werktagen gekündigt werden. Nach sechsmonatiger Dauer des Arbeitsverhältnisses oder nach Übernahme aus einem Berufsausbildungsverhältnis kann beiderseitig mit einer frist von zwölf Werktagen gekündigt werde. (2) Die Kündigungsfrist für den Arbeitgeber erhöht sich, wenn das Arbeitsverhältnis in demselben Betrieb oder unternehmen 3jahre bestanden hat, auf 1 monat zum Monatsende 5jahre bestanden hat, auf 2 monate zum Monatsende 8jahre bestanden hat, auf 3 monate zum Monatsende..... (3) Kündigt der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis mit dem Arbeitnehmer, ist er bei bestehenden Schutzwürdiger Interessen befugt, den Arbeitnehmer unter fortzahlung seiner bezüge und unter Anrechnung noch bestehender Urlaubsansprüche freizustellen. Als Schutzwürdige interessen gelten zb. Der begründete Verdacht des Verstoßes gegen die Verschwiegenheitspflicht des Arbeitnehmers, ansteckende Krankheiten und der begründete verdacht einer strafbaren handlung. Ich arbeite in einem Kleinbetrieb (2mann plus chef) seid 2 jahren und 3-4Monaten. (Bau) Seid ende November bin ich krank geschrieben. Was meinem chef überhaupt nicht passt und er mich mehrfach versucht hat zu überreden arbeiten zu kommen. Da mein zeh gebrochen ist und angeschwollen sowie schmerzhaft und ich keine geschlossenen schuhe tragen kann ist arbeiten nicht möglich. Das Arbeitsverhältnis ist seid längerem angespannt vorallem mit dem Arbeitskollegen. Möchte nur noch da weg! Wie lange ist nun die frist und wie weitere vorgehen? Ich hoffe es kann mir jemand helfen.
Füllhorn Rente 63 ?
Wer 2018 NEU in den Ruhestand ging a) und die „abschlagsfreie Rente 63“ mit mindestens 45 Versicherungsjahren kassierte, erhielt im Schnitt 1265 Euro monatlich, 1429 Euro (als Mann) bzw. 1096 Euro (als Frau) RENTE. b) und wer die „normale“ Altersrente kassierte, erhielt monatlich im Schnitt 950 Euro, 1080 € (als Mann) bzw. 742 Euro (als Frau) RENTE. Nach Adam Riese bedeutet das, das erst Zeiten ab dem 18. LJ für die Rentenversicherung gewertet werden, dass männliche Nicht-Akademiker über 45 Arbeitsjahre hinweg mehr als 25 Euro monatlich pro Stunde verdient haben müssten. sprich: ab 1973 ! (zu DM-Zeiten 50 DM Stundenverdienst ! ... als Nicht-Akademiker ??) Meine Erfahrung ist, dass man mit 18 zur Armee musste und das anschließende Studium frühestens im 25 LJ beenden konnte -- also in 1981 ! (25 + 45 = 70. LJ mit Altersrente ohne Abzüge). Ergebnis: erst in 2026 könnten vergleichbare Akamdemiker (nach 45 Vers.Jahren) in VOLLE Rente gehen. PS: Nach Rechnung der „Die Linke“ bräuchte man über 37 Jahre hinweg einen Stundenverdienst von mind. 14,50 Euro (29 DM), um NICHT auf die „Grundsicherung für Altersrentner“ angewiesen zu sein; also den statistischen Wert von 800 Euro mtl. Rentenbezug zu überschreiten. Wer erkennt den Zaubertrick der „abschlagsfreien Rente 63“ ? Wer kennt den Zaubertrick, in weniger Zeit, mit weniger Ausbildung, maximale Top-Renten-Ergebnisse zu erzielen ? (welches nicht einmal die gierigsten Börsenbanker und Versicherungsmakler in einer Demokratie für realisierbar hielten) ?