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Die Mode der Kanzlerin Sollte Merkel modisch abwracken?


G20-Gipfel in London, zwei Tage später Nato-Treffen in Straßburg. Und beide Male trägt Angela Merkel den gleichen Blazer. Peinlich, findet Jens Maier und fordert mehr Abwechslung. Carsten Heidböhmer ist dagegen begeistert: In der Krise müssen alle den Gürtel enger schnallen, da geht die Kanzlerin mit gutem Beispiel voran.
Pro: Merkel sollte abwracken
Contra: Merkel sollte recyclen
Von Jens Maier

Wer mit Angela Merkel "Ich packe meinen Koffer..." spielt, könnte schnell Langeweile bekommen. Ihre Antwort scheint - egal bei welcher Reise und zu welchem Anlass - immer die gleiche zu sein: ein Jackett, noch ein Jackett und noch mehr Jacketts. Das ist nicht nur ziemlich öde, sondern inzwischen auch peinlich. Höchste Zeit für die Forderung: Zieht der Merkel die Baumwoll-Blazer aus!

Beim Gipfel-Marathon vergangene Woche war die Bundeskanzlerin ein Chamäleon auf dem roten Teppich: Rot am Donnerstag beim G20-Treffen in London, am Freitag in Baden-Baden beim Empfang von Präsident Obama rosa, in Straßburg beim Nato-Gipfel dann Weiß und am Sonntag in Prag zum EU-USA-Gipfel lila. Der Schnitt der Jacketts war immer der gleiche, dazu trug sie schwarze Hosen und Halskette - fertig war Angela Merkels Gipfel-Uniform.

Die Kanzlerin verwendet eben jede Minute auf ihre Politik und nicht auf ihre Garderobe, mögen Liebhaber ihres Langeweiler-Stils ihr bescheinigen. Doch das Signal, das sie damit in die Welt sendet, nährt leider alle Vorurteile gegen die Deutschen als Modemuffel: Wer in weiß besockten Sandalen und mit kurzen Hosen durch Rom läuft, hat eben auch eine Kanzlerin verdient, die beim Treffen mit der Queen das gleiche Outfit trägt, wie beim Kindergartenbesuch in Wanne-Eickel.

Dabei hatte die Kanzlerin nach diversen Mode-Experimenten und Fehlgriffen ihren Jacketts das Ende von Hohn und Spott zu verdanken. Schlicht, konservativ und praktisch ist Merkels Garderobe seitdem. Doch die Outfits im Baukasten-Prinzip haben einen Haken. Sie sind nicht an 365 Tagen im Jahr einsetzbar. Schließlich ist Angela Merkel Regierungschefin und keine Flugbegleiterin. Wer heute noch immer behauptet, es käme nicht auf Äußerlichkeiten an, sondern auf die Politik, die Frau Merkel mache, der geht wahrscheinlich auch im Trainingsanzug zum Bewerbungsgespräch und wundert sich hinterher, warum es mit dem Job nicht geklappt hat.

Dass ihr Mode keinen Spaß macht, geht in Ordnung. Nicht aber, dass sie das in der Öffentlichkeit zeigt. Selbst Margaret Thatcher hatte sich modische Unterstützung ins Haus geholt - vom Schneider der Queen. Auch Angela Merkel braucht einen Stilberater. Ja, das kostet Geld und mag in Zeiten der Finanzkrise nicht en vogue sein. Doch wenn die Zeitungen in aller Welt künftig nicht nur über das Dior-Kleid von Carla Bruni oder die Garderobe von Michelle Obama schreiben, ist das eine unbezahlbare PR. Für den Designer, für Frau Merkel - und für Deutschland.
Von Carsten Heidböhmer

Lange Zeit hatte der Deutsche ein negatives Image im Ausland: zu groß, zu laut und stets unter Größenwahn leidend. Generationen von deutschen Nachkriegspolitikern haben sich bemüht, dieses Bild zu korrigieren. Angefangen beim ersten Kanzler Konrad Adenauer, der sich gerne mit volksnahem Pepitahut zeigte, bis hin zu Helmut Kohl, dessen gemütliche Strickjacke den Schrecken seiner gewaltigen Statur kaschierte. Vielleicht mit Ausnahme des im Brioni-Anzug posierenden Gernegroß' Gerhard Schröder legten alle Kanzler Wert auf bescheidenes Auftreten.

Mit ihrer uneitlen Art fügt sich Angela Merkel nahtlos in diese Reihe ein. Und das ist gut so. Denn die Welt befindet sich mitten in einer gigantischen Finanz- und Wirtschaftskrise. Wie wohltuend wirkt da eine Kanzlerin, die repräsentative Pflichten gerne dem Bundespräsidenten überlässt und sich ausschließlich aufs Regieren konzentriert. Um die richtigen Entscheidungen zum Wohle aller zu treffen.

Was das Land - und auch die Welt - in dieser Situation ganz sicher nicht braucht, sind Politiker, die mehr Wert auf Schein als auf Sein legen. Die morgens Stunden vor dem Kleiderschrank verbringen, um ein glänzendes Outfit hervorzuzaubern, anstatt sich in die aktuellen Entwicklungen der Weltlage einzuarbeiten. Ist Merkel wegen ihres monotonen Stils eine Langweilerin? Vielleicht. Aber sie ist schließlich Politikerin und kein Popstar. Glamour gehört da nicht zur ersten Bürgerpflicht.

Mögen andere Länder ihren Berlusconi haben, dem der sonnengebräunte Teint wichtiger zu sein scheint als die Lösung der drängenden wirtschaftlichen Probleme. Gönnen wir es Frankreich und den USA, dass sich alle Welt an ihren eleganten First Ladies ergötzt. Dass die neueste Garderobe von Michelle Obama und Carla Bruni mindestens so intensiv diskutiert wird wie die Politik ihrer Ehemänner.

Deutschland konzentriert sich derweil um ruhiges, sachliches Krisenmanagement. Ohne Schnickschnack und inhaltslosen Pomp. Wenn alle Bürger künftig ihre Gürtel enger schnallen müssen, sollte die Regierungschefin als "erste Bürgerin im Staate" mit gutem Beispiel vorangehen und Bescheidenheit vorleben. Und wenn die Resultate ihrer Politik stimmen, darf Angela Merkel gerne jeden Tag denselben Hosenanzug tragen. Das mögen manche Spötter dann als eine Wiedergeburt des "hässlichen Deutschen" sehen. Solange das aber auf die Garderobe beschränkt bleibt und nicht etwa auf Weltmachtstreben, können wir damit gut leben.

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