HOME

Anna Wintour: Die Frau, die aus der Kälte kam

Seit 18 Jahren sitzt sie auf dem Thron der US-"Vogue" und herrscht über die Modewelt mit hartem Herzen. Wer ist diese Anna Wintour, über die jetzt ein Film in den Kinos läuft?

Von Lars Jensen

Nichts in New York vergeht schneller als der Ruhm. Bei der Fashion Week Mitte September musste dies auch Anna Wintour erfahren, die mächtigste Dame im US-Modezirkus. Bei der gewaltigen Anhäufung von Celebrities ging sie völlig unter, im wahrsten Sinne des Wortes: Die beiden Bodyguards des Rap-Stars 50 Cent standen ihr so lange auf den Füßen und drohten ihr die Sicht auf den Laufsteg zu nehmen, dass sie sich einen anderen Platz suchen musste - mit gewohnt regloser Miene.

Ohnehin ist die zierliche Wintour um einen Kopf kleiner als die meisten Gäste der Schau von Marc Jacobs. Doch ihre Gegner, und von denen gibt es nicht wenige, würden sie auch im dichtesten Gedränge zwischen all den anderen schwarz gekleideten Personen finden. Und so muss die Chefredakteurin der amerikanischen "Vogue", die sich gern in Pelz jeglicher Tierart kleidet, jederzeit damit rechnen, angegriffen, bepöbelt, mit Nahrungsmitteln oder Müll beworfen zu werden. Aus diesem Grund umgibt auch sie sich gern mit großen Männern, die auf sie aufpassen - einer von ihnen ist André Leon Talley, der exzentrische Chefkolumnist der US-"Vogue". Talley misst fast zwei Meter, kleidet sich gern in gelbe Trainingsanzüge aus Samt und wärmt seine Hände bei Bedarf mit einem Pelzmuff.

Opfer von Mehl- und Tortenattacken

Als 2005 in Paris bei der Chanel-Schau jemand von der Tierschutzorganisation Peta Anna Wintour eine Torte an den Kopf schmiss, lächelte sie freundlich, ließ sich Gesicht, Sonnenbrille, Frisur und Zobel hinter der Bühne säubern und verfolgte die Schau ungerührt weiter. Am Tag darauf bei Dolce & Gabbana bewarf man sie mit einer Mehlbombe. Später in der Woche landete Kunstblut auf ihrem Mantel. Wie jedes Mal strafte sie die Täter mit totaler Gleichgültigkeit.

Anna Wintour, die 1988 die Macht bei der US-"Vogue" übernahm, kann aber auch austeilen: Ihr Werdegang zur einflussreichsten Frau der Modewelt verlief wie ein Krieg, dessen Schlachten immer nur eine gewann - Wintour. Seit fast zwei Jahrzehnten bestimmt sie mit ihrem Magazin, wer in der Modeindustrie etwas gilt. Marc Jacobs, John Galliano, Stella McCartney haben Karriere gemacht, weil sie es so wollte. Den Thron verteidigt sie unnachsichtig wie ein mittelalterlicher Despot, was ihr den Spitznamen "Nuclear Wintour" eingebracht hat. In der Öffentlichkeit umweht sie eine Darth-Vader-hafte Aura - ihre Mäntel sind oft schwarz, und die Bobfrisur sitzt wie ein Helm.

Privat, heißt es, sei sie gar nicht so fies. Ihren zwei Kindern soll sie eine liebevolle Mutter sein: Ihrer Tochter Bee Shaffer hat sie vor kurzem einen Job bei "Teen Vogue" vermittelt. Doch wenn es sein muss, feuert sie auch ihre einzige Freundin: Die Stylistin Grace Coddington verließ die Redaktion heulend, als Wintour ihr kündigte - inzwischen haben sich die beiden wieder vertragen, und Coddington kehrte zurück zur "Vogue".

Die Verfilmung ist eher ein Reinwaschung

Die Machenschaften dieser Chefredakteurin sind so faszinierend, dass im vergangenen Jahr der Journalist Jerry Oppenheimer die Biografie "Front Row - Anna Wintour" veröffentlichte. Die ist ähnlich aufschlussreich wie Lauren Weisbergers Bestseller "Der Teufel trägt Prada", der am 12. Oktober als Filmversion in die deutschen Kinos kommt - mit Meryl Streep in der Hauptrolle. Weisberger hatte in ihrem Buch die Erinnerungen an ihre Zeit als Assistentin Wintours zu Papier gebracht - eine Rachegeschichte. Die Verfilmung aber gleicht über weite Strecken einer Reinwaschung Wintours; sie ist eine Lektion darin, den Teufel lieben zu lernen. In der Verkörperung durch Meryl Streep erhält Wintour (ihr Filmname lautet Miranda Priestly) eine fast aristokratische Würde, ja, überraschende Güte.

Ein Problem mit der echten Wintour: In all den Geschichten, die über sie erscheinen, äußern sich entweder von ihr entlassene oder namenlose Mitarbeiter. Das Bild von Wintour mag deswegen ein wenig verzerrt sein - umso toller sind dadurch die Anekdoten, die über sie existieren. Etwa die von der Praktikantin, der eine Kollegin geraten hatte, Wintour niemals zu grüßen, direkt anzusprechen oder in die Augen zu sehen. Als die Praktikantin sich einen Kaffee holte, stolperte Wintour direkt vor der Küche über ihre hohen Hacken und schlug der Länge nach hin. Die Praktikantin ließ sich nichts anmerken, bot keine Hilfe an, ging zurück an ihren Platz - die Kollegin lobte: "Du hast genau das Richtige getan."

Anna wuchs in London als Tochter des "Evening Standard"-Chefredakteurs Charles Wintour auf. Familie Wintour galt als hochgebildet, politisch liberal, sozial engagiert und "lächerlich schlecht gekleidet", wie sich die ehemalige Chefin der britischen "Vogue", Alexandra Shulman, erinnert. In einem Interview von 1986 erzählte Wintour von ihrer Jugend: "Angesichts der akademischen Erfolge meiner Geschwister fühlte ich mich wie eine Versagerin. Sie waren superschlau, also arbeitete ich daran, dekorativ auszusehen." Dementsprechend hatte sie schon als Teenager nur vier Dinge im Sinn: Mode, schlank bleiben, ältere Männer (gern mehrere gleichzeitig, sie ging mit Monty Python Eric Idle und Bob Marley aus) sowie den Traum, Chefredakteurin der "Vogue" zu werden.

"Es ist verblüffend, dass ihre Chefs Anna stets einen Schreiber zur Seite stellen mussten, weil sie keine zwei Worte fehlerfrei formulieren kann", erklärt der Biograf Oppenheimer. "Aber sie überwand alle Handicaps, weil sie einen hellseherischen Sinn für Mode hat."

"Welchen Job hätten sie denn gern?" "Ihren."

1970 begann sie ihren Weg als Praktikantin bei "Harpers & Queen"; ihr erstes Engagement bei der US-"Vogue" trat sie 1983 an. Die damalige Chefin Grace Mirabella fragte: "Welchen Job hätten sie denn gern?", und Wintour antwortete: "Ihren." Nachdem sie sich mit Verleger Sid Newhouse angefreundet und die Belegschaft gegen ihre Chefin aufgehetzt hatte, ließ Mirabella Wintour nach London versetzen. 1986 leitete die Intrigantin die britische "Vogue" so erfolgreich, dass Condé Nast sie zurückholte nach New York, wo sie 1988 den Chefposten bei der "Vogue" erhielt. Man sagte ihr damals eine Affäre mit Sid Newhouse nach. Wintour hielt eine Rede an die Redaktion - und stritt unter Tränen ab.

Nachdem sie knapp die Hälfte der Belegschaft entlassen hatte, setzte Wintour ihr Konzept für die "Vogue" durch, das die Mode enorm beeinflusste. Das Credo lautete: "Klasse für die Masse". Sie wollte ein Magazin, das von Glamour und Luxus in seiner reinsten Form handelt und das dennoch eine Auflage von 1,3 Millionen Exemplaren erreicht - und in anzeigenstarken Monaten mehr als 750 Seiten dick sein kann. Eines von Wintours ersten Titelbildern zeigte ein Model mit Lacroix-T-Shirt zu 10 000 Dollar und Jeans zu 50 Dollar. Kurz darauf ging sie dazu über, Stars statt Models aufs Cover zu heben; zu ihren Titelpromis zählen unter anderem Oprah Winfrey und Hillary Clinton. Die Kombination aus High und Low Fashion, die heute alltäglich erscheint, provozierte damals einen Aufschrei in der Branche. Schnell aber nahm das Ansehen des Heftes als Trendsetzer des internationalen Modegeschehens zu. Wintour konnte Fotografen, Designer, Models beliebig buchen und erpressen: Wenn jemand für die Konkurrenz arbeitete, erklärte Wintour ihn zur Persona non grata. Die "New York Times" fasst zusammen: "Anna hält ihren Finger nicht in den Wind, sie ist der Wind."

Anzeichen von Altersmilde

In den vergangenen Jahren bemerkten einige Redaktionsmitglieder Anzeichen von Altersmilde bei Anna Wintour. Sie lässt in ihrem Magazin inzwischen auch Frauen zu Wort kommen, die nicht über perfekte Maße verfügen, aber sich politisch oder gesellschaftlich engagieren, unter ihnen die Schriftstellerin Joyce Carol Oates und die Präsidentin von Chile, Michelle Bachelet. In einem ihrer seltenen Interviews sagte sie dem Wochenendmagazin des britischen "Guardian": "Wenn Sie sich ein gutes Modefoto außerhalb seines Kontextes anschauen, wird es Ihnen genauso viel über den Zustand der Welt verraten wie eine Überschrift der "New York Times".

Neuerdings tritt sie an der Seite ihres Lebensgefährten Shelby Bryan als Spendensammlerin für die Demokraten auf. Sie ist so beherzt bei der Sache, dass einige Beobachter mutmaßen, die Modewelt langweile Wintour, und sie wolle nun in der Politik Karriere machen. Vielleicht hat Anna Wintour ein gutes kaltes Herz - Humor besitzt sie auf jeden Fall: Zur Premiere des Films "Der Teufel trägt Prada" erschien sie komplett gekleidet in: Prada.

Mitarbeit: Viola Keeve, Dirk van Versendaal / print