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Bademode: Wenn die Kerle baden gehen

Bald ist es wieder so weit: Die Badehosenzeit beginnt. Doch die Suche nach einem sexy Strandkostüm stellt so manchen Adam vor schwerwiegende Probleme.

Männer sind merkwürdige Menschen. Je näher ein Kleidungsstück der eigenen Haut kommt, desto weniger Sorgfalt lassen sie walten. Das gilt selbst für die modebewusstesten Vertreter der männlichen Spezies. Auch wenn diese sich Anzüge in der Preislage eines Kleinwagens schneidern lassen und lieber einen guten Freund verlieren als neben jemandem zu stehen, dessen Krawatte farblich nicht zu ihnen passt - bei der Unterhose endet das Prestigedenken abrupt. Kleidung ist in Männeraugen nur das, was man sieht. Sie ist - um im Bild zu bleiben - die Karosserie, Unterwäsche ist dagegen schon ein Teil des Motors, ein sehr vernachlässigter Teil, nebenbei bemerkt.

Zwar hat sich in den letzten Jahren einiges getan auf den Plakatwänden dieser Welt. Männliche Models in edler Baumwolle und schnittigen Boxershorts. Waschbrettbäuche, maskuline Lenden, pralle Brustkörbe und Pobacken. Doch an der Ignoranz des Mannes gegenüber seiner Unterkleidung hat das reichlich wenig geändert. Die Lockungen der Reklame richten sich offenbar überwiegend an Mütter, Frauen und Freundinnen, aber das hilft nicht viel.

WARUM DIESER AUSFLUG

in die männliche Intimsphäre? Nun ja, es wird Sommer. Die Strände bevölkern sich, die Liegewiesen der Freibäder werden von Lärm und Leibern heimgesucht, am Beckenrand flaniert das Fleisch. Nach einem verregneten Frühjahr drängen die Körper ans Licht. Und einmal mehr bewahrheitet sich die Erkenntnis, dass die Badehose, dieses Beinkleid so vieler Möglichkeiten, oft über den Status einer Unterhose nicht hinausgekommen ist.

Wenn man sich mit dem Phänomen der Badehose befasst, nehmen die Absurditäten kein Ende. Aberwitzig ist schon allein die Vorstellung, ein Mann könnte morgens vor dem Kleiderschrank stehen und sich fragen: »Welche Badehose ziehe ich heute bloß an?« Die meisten Artgenossen, die ich kenne, besitzen nur eine. Und sie bleiben ihr treu bis ans Ende ihrer Tage. Gerade in Sachen Badehosen herrscht unter Männern eine erstaunliche Monogamie.Von einer Bademode für Männer zu sprechen wäre die Übertreibung des Jahrhunderts. Die Badehose ist als erotisches Accessoire noch nicht entdeckt. Ganz im Unterschied zum Bikini, der nach seiner Eroberung der Badestrände beinahe zum sekundären Geschlechtsmerkmal avanciert ist.

DER BIKINI

hat das Zeug zum Fetisch, nicht nur wegen seiner Freizügigkeit. Er basiert auf dem Prinzip der optischen Täuschung. Er scheint Nacktheit nur zu präsentieren und besteht doch in der hohen Kunst des Ausschnitts. Sein Bekenntnis zur Haut ist nur die eine Seite, die andere ist Geheimnis und Verheißung.Verglichen mit dem Bikini - dieser schamlosen Prinzessin der Sommererotik -, ist die Badehose der ungeküsste Frosch unter den Strandartikeln. Gelungene männliche Versuche, ihre Unterhosen-Gleichheit zu verleugnen und sie stattdessen mit Raffinesse und Geheimnis auszuschmücken, beobachtet man vielleicht höchstens an den Stränden von Rios Copacabana. Der Bikini für Männer - eine Badehose mit vergleichbarer Magie - ist nicht in Sicht. Sogar der weibliche Badeanzug läuft der Badehose - spätestens seit »Baywatch« - den Rang ab.

Wie eine zweite Haut schmiegt der Bikini sich an nasse Körper und verfließt mit den weiblichen Formen. Dagegen wirken die rockartigen Badeshorts der »Baywatch«-Männer doch eher komisch, jedenfalls nicht besonders elegant. Kulturforscher werden sich eines Tages mit der Frage beschäftigen, was zuerst da war, der Badeanzug oder Pamela Anderson. Ganze Kongresse könnten in tiefsinnige Träumereien verfallen über den Ursprung von Wasser und Weib. Alles fließt, möchte man seufzen, nur die Badehose nicht. Sie klebt oder hängt am Mann und kann nicht anders.

Dabei ist sie in gewisser Weise das älteste Kleidungsstück der Welt: Die erste Badehose wurde, wenn man den Überlieferungen Glauben schenken darf, im Paradies getragen. Sie war garantiert biologisch abbaubar, präsentierte sich im Feigenblatt-Design und kam dem so genannten Adamskostüm am nächsten. Und spätestens seit Johnny Weissmullers Film-Tarzan weiß man, dass zwischen Lendenschurz und Badehose nur ein minimaler Unterschied besteht.

In mehreren tausend Jahren haben die Herren der Liane und des Lendenschurzes nicht viel dazugelernt. Die Badehose scheint noch immer mehr Behelf zu sein als eine erotische Herausforderung. Gelegentlich wird eher lustlos die Beinlänge variiert und der Hüftsteg entsprechend verbreitert oder verknappt. Halbherzig wirken all diese Experimente, und sie bleiben irgendwo zwischen Tanga - wer besitzt schon die nötigen Pobacken - und Radlerhose stecken. Als Ausweichmöglichkeit bleibt noch die blickdichte Boxershorts - mit Bauchkordel, die sich auch bei rundlicheren Hüften knapp oberhalb der Gesäßfalte festknoten lässt. Ein, zugegeben, schwacher Trost. Zumal die Variationen, die zum Sommer in den Läden hängen, mal mit allerlei applizierten Taschen, mal mit bunten Dekorelementen - überhaupt die Farben! -, die Wahl wirklich zur Qual machen. Und einen am Strand leicht der Lächerlichkeit preisgeben.

Die subtile erotische Schwebe zwischen Verbergen und Enthüllen, zwischen Strip und Tease hat die Männerbadehose nie gestreift. Während die weibliche Strandgarderobe seit dem Sündenfall fröhlich lockt und foppt, verharrt das männliche Gegenstück in ernüchternder Sachlichkeit. Es scheint, als ginge der männlichen Erfindungskraft mit zunehmender Lendennähe die Fantasie aus. Von Verführungskunst keine Spur. Die Badehose - auch dieser Sommer wird es wieder zeigen - ist ein Offenbarungseid.

HILFE KOMMT

vom Körperkult. Wie um die Schmach der ewig uninspirierten Badehose wettzumachen, wird in den Fitness-Centern für die kommende Badesaison gerackert. Der Strand wird für die Trainierten zum Laufsteg. Das große Pret-a-porter der Körper steht bevor. Welche Hose man dabei trägt, ist letztlich Wurscht, man trägt sich selbst zur Schau.

Denn eines hat die Allgegenwart der Werbung rund um den verkannten männlichen Unterleib erreicht: Männer kaufen zwar noch immer keine Unterhosen, doch sie arbeiten verstärkt am eigenen Leib. Die Modelwerdung des Mannes ist in der letzten Zeit rapide fortgeschritten. Kaum jemand, der sich länger dem Vergleich mit den strammen Hintern, Waschbrettbäuchen und Trapezmuskeln seiner bildgewordenen Artgenossen entziehen kann. Wir schreiben zwar nicht das Jahr der Rückkehr zu Arnold Schwarzenegger und seinen hormonbehandelten Body-Klonen, aber auch der weichfleischige Softi hat als Image ausgedient. Gefragt ist der Mann mit Muskeln und Hirn. Und da man Hirn am Badestrand so schlecht erkennen kann, stählt sich der Mann, soweit er kann, für seinen sommerlichen Auftritt. Der Mann von heute trägt Körper, wenn er sich nicht unter dem Banner des gestressten Familienvaters von vornherein aus jeder erotischen Konkurrenz verabschiedet hat.

Sich über den Trend zur Selbstmodellierung des Mannes zu beklagen wäre indessen politisch nicht korrekt. Er ereilt die Herren der Modeschöpfung und den Rest der Männerwelt als ausgleichende Gerechtigkeit. Nach der jahrhundertelangen softpornografischen Verwertung weiblicher Reize ist jetzt der Männerkörper als konsumerogene Zone an der Reihe. Den ständigen Vergleich mit einem halbentblätterten Schönheitsideal muss der Neue Mann jetzt aushalten, wohl oder übel.

Er genießt übrigens nach wie vor ein vergleichsweise freundliches Los. Seinen Körper halbwegs in Form zu bringen ist immer noch angenehmer, als ein Leben lang anorektischen 15-jährigen Fotomodellen nacheifern zu müssen.

Für die einen ist es das große Schaulaufen, für die anderen der programmierte Kulturschock, wenn nun die Freibäder und Badeseen rufen und auch der strandumsäumte Sommerurlaub unaufhaltsam näher rückt. Hinter seiner Badehose kann man sich da nicht verstecken, so viel ist sicher. Der Männerkörper ist ein Teil der sommerlichen Fleischbeschau geworden, und wehe dem, der den gestiegenen Erwartungen der weiblichen Voyeure nicht gerecht wird! Anspruchsvoll sind sie geworden, die so ausgiebig beschauten Zuschauerinnen. Wer sich deren gnadenlosen Blicken nicht gewachsen fühlt, den rettet nur ein Schlabber-T-Shirt. Ansonsten hilft allein Unempfindlichkeit. Wem die Form fehlt, der braucht unbedingt ein dickes Fell.

PATENTWÜRDIG

ist auch die Fähigkeit von Männern im so genannten besten Alter, so zu tun, als wären sie nur Auge. Sehen, ohne sich selbst zu sehen - to see and not to see -, das zeugt von einer gesunden Ignoranz. Allerdings ist dieser Vorzug, andere zu begutachten, ohne den eigenen Körper kritisch in Betracht ziehen zu müssen, wie so viele patriarchale Privilegien vom Aussterben bedroht.

Die letzte Rettung ist das Wasser. In den bewegten Fluten ist es möglich, alles Unvorteilhafte und auch die eigene Körpermuffeligkeit aufs Wunderbarste zum Verschwinden zu bringen. Man kommt mit einem Wasserratten-Image bestens durch den Sommer, macht sogar Eindruck - der ist immer im Wasser! -, und kann nachholen, was man in der körperlosen Jahreszeit versäumt hat: viel Bewegung! Das Wasser spendet dabei nicht nur Trost, sondern auch Hoffnung. Wenn man nur lange genug drin bleibt, tja, wer weiß? Wasser formt die schönsten Körper und hat schon so manchen Schwimmring weggewaschen.

Und die Badehose? Der neuzeitliche Lendenschurz hat die Nudisten überlebt und sich trotz Rückkehr zur Natur gehalten. Inzwischen sind die Nacktbadestrände vergreist, und die eifrigen Apostel der Blöße schmoren in ihrem welken Fleisch allein. Die Badehose wird darum nicht wirklich geliebt - aber sie ist inzwischen unumstritten. Nicht als erotisches Ereignis, sondern als Notwendigkeit. Kümmert euch nicht um das Kostüm, heißt die Devise, jeder Mann ist sein eigenes Bühnenbild!

Die Badehose also hält sich verschämt zurück. Sehr viel verschämter übrigens als, so erzählt man, in den 50er Jahren, der legendären Zeit der Bademeister- und Freischwimmer-Dreiecksbadehosen. Funktional soll sie heute sein und schlicht. Weniger Blickfang und Lockmittel als Blende, eine Art Sichtschutz, der alles Mögliche kaschiert, was zu den Attraktionen und Makeln eines Mannes gehört, die Badehose ist nur ein kleiner Teil davon, ein sehr vernachlässigter Teil, nebenbei bemerkt.

John von Düffel

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