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Dolce & Gabbana: Ein Auge für große Fotografen

Luxusdesign ist ihr Metier, die Geschichte der Modefotografie ihr Hobby. Stefano Gabbana und Domenico Dolce zeigen im stern Exponate einer Mailänder Ausstellung, die sie initiiert haben - und sprechen über Kunst, Krise und die Diven der Branche.

Herr Dolce, Herr Gabbana, was macht eine Modefotografie zum Kunstwerk?

Stefano Gabbana: Wenn sie einen speziellen Moment hat, der mich zum Nachdenken bringt. Das Schöne an der Kunst ist ja, dass man nicht sofort ihre Wirkung begreift. Ich sehe mir heute Bilder von Steven Klein an, und in ein paar Jahren werde ich plötzlich zurückblicken und denken: Verdammt! Wieso habe ich damals nicht begriffen, was in diesem Bild alles steckt?
Domenico Dolce: Wenn Modefotos mit Mode nichts mehr zu tun haben, werden sie zu Kunst. Wenn sie uns die Welt auf eine ungewohnte, neue Weise zeigen. Oft sind es diese winzigen Zeitzeichen, die für zeitgenössische Betrachter gar nicht erkennbar sind, die den Wert guter Fotos ausmachen.
Gabbana: Immerhin ist in der Fotografie das Kunstwerk leichter zu erkennen als in der Mode. In der Fotografie sind wenigstens noch ein paar Künstler zugange. Die Mode ist nur mehr noch ein Geschäft.

"Man sollte die ganzen retuschierten Bilder nehmen, zerknüllen und auf dem Boden zertrampeln und dann endlich wieder anfangen zu fotografieren." - Irving Penn hat das einmal gefordert.

Gabbana:

Nicht zu Unrecht. Mit Computerprogrammen wie Photoshop kann heute alles retuschiert werden. Die wenigsten Bilder dieser Ausstellung sind digital gemacht worden, und das macht auch ihre Qualität aus.

Dolce:

Wenn Gesichter von 20-jährigen Mädchen retuschiert werden, ist das irrsinnig. Aber was sollen wir den Fotografen sagen? Es kostet halt weniger, es geht schneller.

Wie viel geben Sie für eine Werbekampagne aus?

Gabbana: Mit allem Drum und Dran rund 300.000 Euro.

Manche Fotografen fordern Tageshonorare von 100.000 Euro, heißt es.

Dolce:

Wenn sie die Bilder für eine weltweite Shampoo-Reklame liefern, die monatelang geschaltet wird, dann bekommen sie dieses Geld wohl auch. In der Mode funktioniert das nicht.

Gabbana:

Zurzeit sowieso nicht. Die Krise trifft uns alle: Designer, Models, Fotografen, Hersteller. Wir haben gerade unsere Werbeausgaben um 50 Prozent gekürzt. Das ist drastisch.

Wie lange wird die Krise dauern?

Dolce:

Auch wenn der eine oder andere behauptet, Bescheid zu wissen - niemand hat den blassesten Schimmer.

Sollte die Branche ihre überkandidelte Preispolitik überdenken?

Gabbana:

Das ist eine Frage der Kalkulation, und über die muss jeder für sich entscheiden. Jeder hat seinen Markt, für den er arbeitet. Und unsere Kleider sind teuer. Sie sind nicht für jeden. In den vergangenen Jahren haben die Leute gedacht, alles sei für alle möglich. Jeder konnte sich ein Auto kaufen, auch wenn er kein Geld hatte. Ein Haus, Reisen, Kleider. Überall und für jeden gab es Kredit. Ich aber habe mir bis zum 30. Geburtstag keinen Urlaub leisten können. Wenn ich kein Geld hatte, habe ich mir auch nichts geleistet. Ich bin kein Verfechter des Klassensystems, verstehen Sie mich bitte nicht falsch. Aber alles ist für alle möglich? - Nein! Das ist ein Irrtum. Und leider eine Realität, keine politische Frage.

Welch ein Glück, dass Sie neuerdings auch in Make-up machen. Kosmetik gilt als krisenresistent.

Gabbana: In der Tat seltsam, dieser Zufall. Als wir vor über einem Jahr mit der Arbeit an der Kosmetiklinie begannen, da war von der Krise nichts zu bemerken. Umso besser jetzt: Nicht einmal wäh rend des Zweiten Weltkriegs hörten die Frauen auf, sich zu schminken.

Für Ihre Kosmetik werben Sie mit Scarlett Johansson. Wie wichtig ist die Wahl des Models bei einer Kampagne?

Gabbana:

So wichtig wie in einem Film die Schauspieler. Einmal hatten wir Helmut Newton gebeten, Fotos für eine Kampagne zu machen. Als wir uns in Monaco trafen, wollte er erst einmal, dass wir uns ausziehen. Wir taten wie befohlen. Als er uns in Unterhosen sah, sagte er nur: Es ist wohl besser, Jungs, wenn ihr euch wieder anzieht.

Dolce:

Auf den Fotos standen wir dann barfuß und mit nacktem Oberkörper im Smoking herum.

Gabbana:

Wir sind Newton damals öfter in Monte Carlo begegnet, meist am Meer, und immer wieder hat er uns zum Essen bei sich eingeladen. Wir sind nie hingegangen.

Dolce:

Weil wir uns einfach nicht getraut haben. Er war der einzige Fotograf, vor dem wir diesen Heidenrespekt hatten.

Was erwarten Sie von einem Fotografen, den Sie engagieren?

Dolce:

Er sollte eine zeitgenössische Interpretation unserer Mode zeigen. Wir betrachten uns nicht als Avantgardisten, wir machen Kleider, die uns gefallen, und wir lassen Fotos machen, die auch unsere Wurzeln zeigen.

Interessieren die eine Ellen von Unwerth, einen Mario Testino? Die haben doch ihre eigenen Visionen.

Dolce:

Deshalb überlegen wir immer sehr genau, wer zu uns passt. Erklären unsere Inspirationen, besprechen die Wahl der Kleider, der Models, das Makeup, die Haare. Ab hier kann der Fotograf tun und lassen, was er will.

Hört sich toll an. Die Fotografin Cindy Sherman klagte einmal über ihre Auftraggeber: "Sie nehmen nie die besten Bilder."

Gabbana: Manchmal ist es vielleicht auch umgekehrt. Nicht alle Fotografen legen uns eine Auswahl vor. Steven Meisel lässt einem keine Wahl. Dies ist mein Foto, sagt er, nimm es oder vergiss es.
Dolce: Der Konflikt steckt im System. Die Fotografen wollen eine Atmosphäre schaffen, und das funktioniert oft vielleicht besser ohne die Abbildung einer Tasche oder eines Rocks. Modefotografie aber ist ja vor allem Produktwerbung. Sie soll etwas verkaufen.

Was sich beim Durchblättern der einschlägigen Magazine bemerkbar macht? Nach 50 Seiten voller Hochglanzbilder erinnert man sich doch an keine einzige Anzeige mehr, weil eine wie die andere ist.

Dolce:

Stimmt. Viele Anzeigen sind einfach schlecht gemacht. Das Niveau ist gesunken in den vergangenen Jahren.

Lesen Sie Modezeitschriften?

Gabbana: Artikel lese ich nur, wenn sie mir sensationelle Enthüllungen versprechen. Über uns lese ich sowieso nichts. Ich weiß ja schon, was wir machen. Aber ich will natürlich wissen, was die Konkurrenz treibt.

Modefotografen gelten gemeinhin als Diven. Ein Vorurteil?

Gabbana:

Wenn man ihnen mit ihrer Entourage begegnet, dann sind sie wenig erträglich und wirken arrogant. Aber das gilt für mich auch, fürchte ich. Im wirklichen Leben sind sie völlig normal. Manchmal haben sie miteinander Probleme. Einmal wollte Richard Avedon eine Kampagne für uns fotografieren - bis er erfuhr, dass wir zeitgleich mit Steven Meisel arbeiten würden. Daraufhin sagte Avedon ab.

Dolce:

In unserer Welt haben die Fotografen enorme Wichtigkeit erlangt. Aber außerhalb der Branche? In der Kunstwelt kennt man ihre Namen, aber berühmt sind sie auch nicht gerade.

Interview: Dirk van Versendaal / print