HOME

Fashion Week Paris: Der schöne Schein bröckelt gewaltig

Jute-Beutel mit "Fuck the crisis"-Aufdruck, Dollarscheine als Make-up, Kermit-der-Frosch-Outfits: Das Programm der Prêt-à-Porter-Schauen in Paris war dicht wie eh und je, die Stimmung ausgelassen. Hinter den Kulissen bröckelte der schöne Schein. Auch Wolfgang Joop macht sich Sorgen ums Geschäft.

Von Estelle Marandon, Paris

Sie stand unter schlechten Vorzeichen, die Pariser Fashion Week. Krisengebeutelt startete im Januar bereits die Haute Couture, zeigte ein deutlich abgespecktes Programm und schrumpfte von vier auf drei Tage. Im Anschluss ging die New Yorker Modewoche auf Sparkurs. Notgedrungen verließen einige Designer den gewohnten, aber kostspieligen Bryant Park, um an günstigeren Orten zu präsentieren.

Und zuletzt knapste auch noch die Mailänder Fashion Week der heimgesuchten Modebranche einen ganzen Tag Laufsteg-Highlights ab. Überraschend üppig kam hiernach das Programm der Pariser Prêt-à-Porter-Schauen daher, die seit dem 4. März bis einschließlich heute die Mode für den nächsten Winter diktieren. Mit 91 teilnehmenden Designern zeigt Paris eben soviel Shows wie im letzten Jahr.

Doch wer schon auf das Ende der Krise anstoßen wollte, hatte sich zu früh gefreut. Schwerer denn je war es in dieser Saison, Karten für die Schauen zu ergattern. Immer wieder hörte man in Paris die Mode-Redakteure klagen, in diesem Jahr kaum Einladungen bekommen zu haben. Briefkästen, während der Fashion Week überladen von glänzenden Umschlägen und aufwendigen Karten, blieben erstaunlich leer. Weder Post von Sonia Rykiel noch Christian Lacroix, von Christian Dior und Chanel ganz zu schweigen.

Die Budgets sind knapp, und so luden viele Designer ihre sparsam ausgesuchten Gäste bescheiden in die hauseigenen Boutiquen, statt teuer im Carrousel du Louvre oder Carreau du Temple zu mieten. Christian Lacroix, der sonst für seine prächtigen Shows bekannt ist und nicht mit Einladungen geizt, präsentierte diesmal ganz untypisch in der Garage Turenne. Den unprätentiösen Ort - es handelt sich tatsächlich um eine Garage - verbindet man normalerweise mit kleineren Independent-Marken wie AF Vandevorst oder Sharon Wauchob.

Paparazzi-Mob stürzt sich auf Lily Allen

Die Krise zeigte sich nicht nur hinter den Kulissen. Auch die so genannten Front Rows gaben ein eher karges Bild ab. Nur unbekannte Gesichter, wo sonst Stars wie Katie Holmes oder Viktoria Beckham die Paparazzi-Herzen erfreuen. Selbst bei Elie Saab, dem Promi-Garanten, suchte man diesmal vergeblich nach den üblichen Mischa Bartons. Umso gieriger stürzte sich die Fotografen-Meute auf die wenigen Celebrities, denen das Flugticket nach Paris noch gezahlt werden konnte. Die von allen Seiten belagerte Lily Allen konnte einem bei der Show von Chanel fast Leid tun. Und auch Pamela Andersons Auftritt als Gast-Mannequin bei Vivien Westwood zeigte bei den ausgehungerten Paparazzis außerordentliche Wirkung - wobei hier auch die freigelegten Kurven eine nicht unbedeutende Rolle gespielt haben dürften.

Joop schöpft Kreativität aus der Krise

Wolfgang Joop, der für seine Marke Wunderkind in Paris war, erzählte stern.de Backstage, dass viele Kollegen, die neben ihrem Label für große Häuser designen, ihre eigenen Linien aufgeben müssen. Wer nicht die finanziellen Möglichkeiten habe nachzubessern, habe es derzeit schwer, erklärt Joop. "Es bröckelt unendlich", sagt er. "Es gibt Brands aus New York, die nicht einmal die Musik bezahlen konnten." Namen möchte er nicht nennen. Ihm selbst scheint die Krise allerdings nichts anzuhaben, im Gegenteil. Seine neue Wunderkind-Kollektion sei die stärkste, die er je gemacht habe. "In der Krise waren Menschen immer großartig."

Trotz (oder eben wegen der) Krise war die Stimmung in Paris erstaunlich ausgelassen. Gut gelaunte und vor allem munter drauf los plappernde Mannequins präsentierten die Kollektion von Sonia Rykiel. Die aufgesagten Sprüchlein der Models reichten von schlichten Beschreibung ihrer Bekleidung "ich trage ein schwarzes Kleid" bis hin zu aufschlussreichen Bemerkungen wie "unter meinem Pullover bin ich völlig nackt" - was nicht nur das Publikum zum Lachen brachte. Es herrschte jedenfalls alles andere als Krisenstimmung.

Falsche Dollarnoten und Kermit-der-Frosch-Outfit

Die Wirtschaftslage wurde bei einigen Shows ganz konkret auf die Schippe genommen. Bernhard Willhelm machte bei seiner Modenschau Geld zum neuen Make-up-Trend und klebte seinen Models Papierscheine auf die Stirn. Nach der bunten Muppet-Show von Jean-Charles de Castelbajac regnete es für das Publikum am Ende sogar falsche Dollarnoten. Schluss mit Krise schien der Designer damit aus dem überdimensionalen Kulissenmund zu rufen, aus dem die Models vorher im Kermit der Frosch-Outfit stolzierten. Er ist nicht der Einzige, der die Nase voll hat. Was man in Paris zur Krisenlage zu sagen hat, ist bei einem Spaziergang auf der Rue Saint-Honoré unübersehbar. Dort haben es die hochhackigen Damen auf ihren Jutebeuteln stehen: "Fuck the crisis!"