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Haschema: Mein Badetag als Fundi-Frau

Fromme Muslimas tragen am Strand eine Haschema. stern-Autorin Stefanie Rosenkranz verhüllte sich in einem Istanbuler Beachclub - und kam ganz schön ins Schwitzen.

Von Stefanie Rosenkranz

"Wollen Sie wirklich eine Haschema?", fragt mich die Verkäuferin und blickt verdattert unter ihrem Kopftuch hervor. Sie ist vom Scheitel bis zum Knöchel in bleichblaue Pastellfarben gewandet. Wir befinden uns im Modehaus "Tekbir", zu Deutsch "Gott ist groß". Hier gibt es alles, was die gottesfürchtige Muslima glücklich macht: Mäntel, die bis zum Boden reichen, Röcke, fast genauso lang, Blusen, die den Po bedecken, T-Shirts ohne Dekolleté und auf einem ganzen Stockwerk nichts anderes als Kopftücher. Draußen strahlt die Sonne über dem erzkonservativen Istanbuler Stadtteil Fatih, drinnen erinnern die Farben fast alle an verstopfte Klos: Schlamm, Erde, Matsch, Khaki, Kaka.

Eine Haschema ist ein Badeanzug für die postmoderne Fundamentalistin. Gingen die türkischen Töchter Allahs einst nur unter sich oder gar nicht schwimmen, so begehren sie jetzt eine Art Jogginganzug aus Nylon, der außer Gesicht, Händen und Füßen nichts freilässt vom Körper. Damit wollen sie beweisen, dass fromme Mädels nicht nur in den Himmel kommen, sondern überall hin, vorausgesetzt natürlich, sie sind entsprechend angezogen. Zum Leidwesen der säkularen Kemalisten und Militärs ist die Haschema in gewissen Kreisen der "dernier cri" an den Stränden der Ägäis und des Mittelmeers. "Wir haben nur Hellblau oder Rosa", sagt die Verkäuferin. "Geblümt ist ausverkauft. Was wollen Sie eigentlich damit?" "Ich will wissen, wie man sich darin fühlt und ob man in so was schwimmen kann. Kann man das?" "Keine Ahnung, ich war noch nie an einem Strand, und Schwimmen kann ich auch nicht. Hoffentlich klappt es, Inschallah." Ich verlasse das Etablissement "Gott ist groß" mit einem unflotten Vierteiler aus purem Nylon, verpackt in eine Plastiktüte. Probiert habe ich ihn nicht. "Sie müssen large nehmen", hatte die Verkäuferin gesagt. Es gebe drei Größen, "und dabei kommt es nur auf die Länge an. In der Breite passt jede rein".

Badeanzug aus Schlabberhose und Anorak

Gleich am nächsten Tag startet der Selbstversuch in einem Istanbuler Beachclub am Schwarzen Meer, dessen Sand vermutlich noch nie von den Füßen einer Fundi-Frau berührt wurde. Auf den Liegestühlen rekeln sich Bikini-Girls und ihre Beaus sowie Familien mit Kindern. Bevor ich die Umkleidekabine betrete, gehöre ich zu diesen Menschen. Doch als ich sie verlasse, habe ich die Fronten ge-­ wechselt. Der Badeanzug besteht aus einer Schlabberhose, einem Anorak, den man unter Busen und Po zusammenzurren kann, sowie einer Badekappe, die man sich über die Haare stülpt, bis kein einziges mehr sichtbar ist. Darüber kommt noch eine Art Helm aus Kunstfaser, den man unterm Kinn mit Druckknöpfen verschließt.

In meinem himmelblauen Ganzkörper-Outfit bin ich hier so deplatziert, als wäre ich splitterfasernackt in eine Bischofskonferenz hineingeraten. Ich stolziere hocherhobenen Hauptes über den Strand und löse prompt einen Kulturkampf aus. Links und rechts von mir fallen die Menschen vor Schreck fast von ihren Liegestühlen. Ich höre, wie sie hinter meinem Rücken tuscheln, und sehe aus den Augenwinkeln, wie sie mich fotografieren. Derweil verwandelt sich meine Haschema in einen tragbaren Hamam. Draußen knallt die Sonne, drinnen herrscht eine Temperatur von gefühlten 65 Grad. Noch bevor ich das Meer erreicht habe, verwickelt mich ein Ehepaar in eine Diskussion. Fundis würden ihren Lebensstil bedrohen, sagen sie empört. Doch mir ist längst zu heiß, um ordentlich zu antworten. "Ich muss ins Wasser", murmle ich, während sie hinter mir her rufen: "Was Sie da anhaben, ist kein Badeanzug, es ist eine politische Aussage!" Damit haben sie sicher recht, doch für mich ist der Badeanzug nur noch eine lästige Aufgabe. In den Fluten rutscht alles hoch. Ob das im Sinne des Propheten ist? Brustschwimmen geht noch, aber Kraulen ist unmöglich. Die Kappe rutscht mir auf die Nase, der Stoffhelm behindert die Sicht. Schließlich lege ich mich auf den Rücken und verharre regungslos im Meer. Der Wind bläht die Haschema, und gleich einer Boje treibe ich in Richtung Bulgarien.

Für diese Prüfung fehlt der Glaube

Auf dem Rückweg kämpfe ich gegen die Strömung und den Wind, der mein doppeltes Badekopftuch davonzuwehen droht. Ich versuche eine würdevolle Landung, was misslingt, weil aus meiner gottgefälligen Montur literweise Meerwasser fließt. Zurück bleiben Salz, Sand und Feuchtigkeit, die sich alsbald in eine klebrige Schicht verwandeln. So wird ein Sonnenbad in der Haschema zu einer der vielen Prüfungen, die der Prophet den Frauen auferlegt hat. Ich tropfe zurück in die Kabine und ziehe einen normalen Badeanzug an, denn zur Verlängerung meines Lebens als Fundamentalistin fehlt mir einfach der wahre Glaube. Fazit: Fromme Mädels kommen zwar überall hin, aber es ist ziemlich anstrengend. Gemütlicher ist es, wenn sie zu Hause oder im Schatten bleiben. Und man kann vieles mit einer Haschema machen, nur schwimmen nicht. Ich habe sie meiner niederländischen Freundin geschenkt, die sie daheim gut gebrauchen kann - zum Radfahren im Regen.

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