Thomas Rupprath Badetag

Asthma, schlechte Augen, kleine Füße: Deutschlands bester Schwimmer Thomas Rupprath hat das ein oder andere Handicap. Aber auch zwei Frauen, die ihn nicht untergehen lassen.

Der? Der soll Deutschlands bester Schwimmer sein, die Hoffnung für Olympia-Gold 2004, der "Delfinator"? Der ist doch zu klein, zu leicht, zu alt. Der hat Asthma, eine mickrige Armspannweite, schlechte Augen - und eine Frostbeule ist er dazu. Wie soll das bloß funktionieren? Es funktioniert. Mit: trotzdem. Mit Technik und knallhartem Training. Und mit Urte, seiner Frau. Aber der Reihe nach: Delfinator Thomas Rupprath misst nur 183 Zentimeter. "Albatros" Michael Groß, der vor 19 Jahren vier Olympia-Medaillen erschwamm, ist 18 Zentimeter länger, seine Armspannweite beträgt sogar 28 Zentimeter mehr. Als die beiden sich mal trafen, platzte Groß entsetzt raus: "So ein Kleiner hat meine Rekorde gebrochen!?" Sogar neue aufgestellt. Trotzdem.

Rupprath wiegt bloß 73 Kilo. Um Waschbrettbauch und Wespentaille schmiegt sich ein Speedo-Anzug in Kindergröße 152: "Das tragen normalerweise Zwölfjährige," sagt er. Rupprath hat Schuhgröße 44, der australische Schwimmstar Ian Thorpe 51. Ein Unterschied, der im Becken entscheidend sein kann. Dank doppelter Hornhautverkrümmung sieht Rupprath auch noch ziemlich verschwommen. Aber, wieder mal, trotzdem: Er hat Ende 2002 die Kurzbahn-Serie des Weltschwimmverbands gewonnen, ein Hammerprogramm auf drei Kontinenten in vier Wochen - Preisgeld 50.000 Dollar. "Macht so 45 000 Euro, Hälfte Eichel, Rest Konto", bilanziert Ruppi lakonisch.

So isser eben, an Land. Ziemlich trocken. Das Seepferdchenabzeichen schaffte er mit Bravour, das Fachabitur mit Note 2,7, "Ich war kein Superlerner". Er machte Zivildienst, "Füttern und Wickeln bei einem Rolli-Jungen, der war lieb". Lernte erst Versicherungskaufmann, brach dann aber ab, wurde Profi. Und: Stoiber-Wähler, Schäferhund-Besitzer, Reihenmittelhaus-Eigentümer: "Wat soll ich mit 'ner 30-Zimmer-Villa, wer soll dat sauber machen?"

Wenn Thomas Rupprath

nicht in seiner Heimat Neuss trainiert, wohnt er hier mit Urte Lindner, seiner Frau, kurz "Urtchen". Ihr Häuschen steht in einem Neubaugebiet bei Rostock. Davor drei Mülltonnen und fünf Thujabäumchen, dahinter ein Teich. Drinnen Wände in Gelb und Orange, vanillefarbene Ledergarnitur, in der Küche Sparcoupons von McDonald's, unter der Holztreppe ein Schulranzen: von Urtes Tochter Elisabeth, kurz: Lieschen, 10, mit der Ruppi ins Blümchen-Konzert geht.

Seine Familie gibt ihm Kraft: "Ich war einen Monat mit Urtchen zusammen - und wurde dreifacher Europameister, cool. Seither wurde ich immer besser!" Urte Lindner ist eine taffe blonde 31-Jährige, der ein Möbelhaus gehört mit elf Angestellten; dazu ist sie Turniertänzerin, Schöffin und Mami. Und Fest-Organisatorin: "Anfang August heiraten Urtchen und ich noch kirchlich in Warnemünde.".

Kurz nach Ruppis Sydney-Pleite 2000 sank sie das erste Mal an seine "sinnli-chen Lippen" (Urte) sowie an seine stets rasierte Brust, seither sucht sie seine Hem-den aus. Ruppi, der Mann im grundsätzlich besten Remmi-Demmi-Alter, hat nichts dagegen: "Och, ich bin noch nie über die Stränge geschlagen. Weinchen trinken mit Urtchen, Fernsehen gucken - aus. Die Hucke voll saufen kann ich mir ja nach der Goldmedaille." Und dann wird Ruppi doch mal philosophisch: "Wen interessiert denn schon der Zweite?"

Lakonisch wiederum nahm Rupprath die Diagnose Asthma plus Rechtsherzvergrößerung. Jahrelang wiegelten die Ärzte ab, wenn er sagte, er müsse schon beim Treppenhochlaufen nach Luft schnappen. Bis er einen von der asthmakranken Topschwimmerin Sandra Völker empfohlenen Spezialisten aufsuchte. Der ächzte: "Puh, Sie sind mein drittschlimmster Fall - von 28.000 Patienten!" Bloß sind die keine Profischwimmer.

Rupprath nimmt seither

zwei verschiedene Medikamente; Doping-Verdacht entkräftet er bei Untersuchungen locker - wie jüngst in Melbourne bei Bluttests vor und nach seinem Weltrekord über 100 Meter Rücken. Apropos: Rücken. "Diese Disziplin hatte ich 1998 mal zum Spaß ausprobiert" - und wurde sofort Deutscher Kurzbahn-Meister, sogar noch ohne U rtchen. Vor drei Monaten testete er die 100-Meter-Lagen-Distanz - schwupp, wieder Weltrekord! "Die doppelte Distanz wäre auch was für Olympia", sinniert sein Trainer Henning Lambertz, 32.

Vor Lambertz schwamm Ruppi Kurzstrecken jenseits von 54 Sekunden, heute mit 50. Aber früher hopste Frostbeule Ruppi auch "beim Training heimlich aus dem Becken und ging eine halbe Stunde heiß duschen, bis ich schweinchenrosa war". Heute ist er unter Wasser dank genialer Tauchtechnik der Weltschnellste, macht so wett, was andere ihm an Länge und Gewicht voraushaben. Und erregt sich, wenn er statt in Neuss ("Da bin ich der Prinz") mal in Urtes Heimat Rostock trainieren muss: Schon dreimal ist er dort aus der Halle geflogen, weil er seine Bahnen zog ohne die vorgeschriebene Aufsichtsperson dabei. "Die interessiert null, dass ich Kader bin, die maulen bloß: "Gänsefleisch mal Badordnung läsn?"" Eine Angestellte schmiss sogar mit einem Stuhl nach dem Topschwimmer, weil der auf ihr Geblaffe nicht reagierte. Man denke nur an die Schlagzeilen, wenn sie getroffen hätte: "Ertrunken - Deutschlands Medail-lenhoffung mit Ossi-Möbel erschlagen!"

Wenn 2004 in Athen die Fackel entzündet wird, wird Rupprath schon 27 Jahre alt sein. Ein Schwimmrentner - Albatros Groß war bei den Spielen in Los Angeles erst 20. Aber Ruppi könnte es schaffen. Trotzdem. Und mit Urtchen und Lieschen.

Bettina Schneuer

Mehr zum Thema

Newsticker