Interview Donatella Versace


Sie ist alles zusammen: blonde Sphinx, harte Geschäftsfrau, Glamour-Girl, Mutter und manchmal noch immer Giannis kleine Schwester. Hier spricht sie über Mode, Männer und andere Malheure

Sie ist alles zusammen: blonde Sphinx, harte Geschäftsfrau, Glamour-Girl, Mutter und manchmal noch immer Giannis kleine Schwester. Hier spricht sie über Mode, Männer und andere Malheure

Kurz nachdem Gianni Versace vor seiner Villa in Miami erschossen wurde, fragte "Business Week": "Kann das Unternehmen ohne ihn überleben?" – Die Antwort der kleinen Schwester war deutlich: "Natürlich", sagte Donatella, "ich bin eine Versace vom Kopf bis zu den Füßen." Sechs Jahre später und gemeinsam mit Bruder und Vorstandschef Santo hat die 48-Jährige es geschafft, das Haus am Leben zu halten und als Life- style-Marke zu etablieren. Unter ihrer kreativen Aufsicht entstehen heute zwölf Kollektionslinien, das Unternehmen ist in 60 Ländern präsent, und der nächste Schritt im Expansionsplan ist die Eröffnung eines neuen Geschäfts im Oktober in München.

Frau Versace, wozu sind Männer nützlich?

Männer? Nützlich? Um auf die Nerven zu gehen. Aber, na gut, wenn möglich, dann sollten sie einem Sicherheit geben, besonders in schwierigen Momenten. Andererseits: Frauen müssen so etwas eigentlich alleine hinkriegen.

Sie könnten auch ohne Mann gut leben?

Mir hilft ein Mann, mich wirklich zu fühlen. Er soll in mir nicht "die Versace" sehen, sondern Donatella, eine ganz normale, gelegentlich zerbrechliche Frau. Das ist offenbar sehr schwierig. Seit mein Mann und ich uns vor drei Jahren getrennt haben, hat das noch keiner geschafft.

Was muss ein Mann haben, um Ihnen zu gefallen?

Eine sexy Ausstrahlung ist nebensächlich. Ein perfekter Körper interessiert mich nicht. Wichtig ist, wie er einen anschaut. Wie er Dinge halb ausgesprochen lässt, so dass ich mir drei Tage lang den Kopf über der Frage zerbreche: Meinte er das jetzt so? Oder ganz anders? Ein Mann muss mich neugierig machen.

Und wie muss er im Bett sein?

Für mich zählen da ganz altmodische Werte. Sex muss mit Liebe und Vertrauen zu tun haben.

Ist es wichtig, wie ein Mann sich anzieht?

Sehr. Kaum etwas kann so sexy aussehen wie ein Mann mit Anzugjacke und Krawatte. Aber: Es muss die richtige Jacke sein.

Sind Männer die schlimmeren Lügner?

Im Gegenteil. Einen Mann mit gewissen Wahrheiten zu konfrontieren bereitet bloß Unannehmlichkeiten – deshalb müssen Frauen öfter lügen.

Vor der Heirat bekam Ihr Ehemann Paul Beck von ihren beiden großen Brüdern den Rat: "Du musst stärker sein als sie. Italienische Frauen muss man beherrschen!"

Männern fällt es schwer zu akzeptieren, dass Frauen ihnen die Machtpositionen streitig machen, zu Hause und bei der Arbeit. Sie fürchten die selbstständige Frau.

Ist das spezifisch süditalienisch?

Nein. Wenn Ihre Frau beispielsweise Madonna hieße, hätten Sie garantiert auch einige Probleme mehr mit ihrem Ego.

Sind Männer begeisterungsfähiger als Frauen?

Da gibt es keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Mein Bruder Gianni war jemand, der mich mitreißen konnte. Ich ihn aber auch. Doch Männer, die Erfolg haben, sagen sich häufiger mal: "Toll, wie weit ich gekommen bin. Deshalb müssen die anderen mir jetzt auch folgen!" Sie sind selbstsicherer. Und sie benehmen sich auffälliger.

Ihr Bruder ist vor über sechs Jahren gestorben. Haben Sie immer noch das Gefühl, er könnte jeden Augenblick durch die Tür kommen? Das sagten Sie jedenfalls vor einigen Jahren mal.

Es ist nicht so, dass er mir Nachrichten aus dem Jenseits schickt, ich glaube nicht an ein Leben nach dem Tod. Aber er fehlt mir sehr. Und in meinen Träumen erschreckt er mich. Das hat er im Leben schon mit mir gemacht – und ich mit ihm. Wir sind eben Kalabrier.

Da darf man sich exaltiert benehmen?

Wir sind leidenschaftlich, sehr körperlich. Wenn Gianni und ich uns über Mode unterhielten, dachten die Leute, wir würden uns gleich die Köpfe einschlagen.

Er hat sie "Idealfrau" genannt – "Rockstar, zäher Arbeiter und Mutter zugleich".

Wir waren mehr als Geschwister, wir waren beste Freunde. Seit ich zehn war, hat er mich wie eine Frau behandelt, dafür bin ich ihm dankbar. Ich wurde schnell erwachsen. Er war nicht nur als Modemacher ein Genie – er war es auch als Bruder.

Wird Ihr Sohn ein Mode-Versace?

Daniel weiß noch nicht, ob er lieber Fußballer oder Rockstar werden soll. Als ich ihn darauf hingewiesen habe, dass er dann Instrumente lernen muss, meinte er: Warum, bei all den Rock ’n’ Roll-Freunden, die du hast! Irgendwann werden beide ihre Entscheidung treffen. Kind berühmter Eltern zu sein ist kein leichtes Los.

Ihr Mann lebt mittlerweile in New York, Sie sind also alleinerziehende Mutter.

Nicht wirklich. Die Kinder fliegen oft zu Paul, außerdem kommt er alle vier Wochen nach Mailand. Das funktioniert, weil wir uns wieder gut verstehen.

In der Branche gelten Sie als Glamour-Queen, immer in Promi-Begleitung, ständig in Partylaune. Ist das die echte Donatella?

Dieses Bild ist in den Medien entstanden. Denen passt es nämlich ganz gut, eine ausgeflippte Partyblondine im Kreis ihrer berühmten Gäste zu präsentieren, das bringt bunte Bilder. Okay, manchmal schätze auch ich die Idee vom glamourösen Leben. Aber privat bin ich natürlich eine andere. Wenn ich zu Hause eine Feier mache, dann bin ich auch barfuß unterwegs, schlecht geschminkt und im Morgenrock.

Auf den nächtlichen After-Show-Partys wirken Sie selten wirklich entspannt.

Als ich die ersten Male auf diese Partys ging, war ich zu Tode erschrocken. Aber Gianni hatte noch mehr Eile, ins Bett zu kommen. An solchen Abenden verdrückte er sich manchmal schon um elf Uhr. Ich habe heute nichts mehr dagegen, mich ab und an zu amüsieren. Es gibt jede Menge Modemacher, die glauben, sie würden nur ernst genommen, wenn sie 20 Stunden lang an ihren Kollektionen schuften, um dann allein nach Haus zu gehen und sich im Bett noch an einem Buch über byzantinische Kunst zu erfreuen. Das ist ein altmodisches Bild vom Modeschöpfer. Wer heute kreativ sein will, muss so viel Gegenwart wie möglich mitkriegen.

Hätten die Versaces als Mailänder Sippe den gleichen Erfolg gehabt?

Nein. Als Gianni aus Kalabrien in den Norden kam, hatte er einen unstillbaren Hunger, sich durchzusetzen, sich einen Namen zu machen. Die meisten Modemacher hier, jene, die alles immer nur in Beige und auf Nummer sicher machen, sind über ihn hergezogen. Wegen seiner Farben, seiner Lebhaftigkeit haben sie seine Mode vulgär genannt. Darunter hat er sehr gelitten. Manchmal ließ er sich verunsichern von dieser Umgebung. Du bist nicht Gianni Versace, weil du graue Anzüge zeigst, sagte ich ihm in solchen Momenten, du musst etwas wagen! Er war immer dann am besten, wenn er sich selbst treu blieb. Gianni ist ein Genie gewesen, das begreife ich heute immer besser. Nicht, dass er nur Wunderwerke geliefert hätte, manchmal hat er auch fürchterlich danebengehauen. Der Mittelweg hat ihn nicht interessiert. Niedliche, hübsche Sachen wollte er nie machen.

Ihr Bruder Santo wirkt ruhiger. Ein Mann, von dem alle Mütter träumen?

Stimmt. Santo kam von der Schule nach Haus und rief: "Ich habe eine Eins!" Gianni brüllte: "Ich habe null Punkte!" Santo ist die Vaterfigur für uns beide gewesen, weil er besonnen ist, weise. Gianni und ich waren kaum kontrollierbar.

Und die Eltern?

Meine Mutter Franca wuchs in einer Region Italiens auf, in der nichts, gar nichts modern war. In der die Frauen immer unterdrückt wurden. Nur meine Mutter nicht. Sie war die Tochter eines Anarchisten. Eine mutige Frau, eine aufgedrehte Person.

Gianni sprach nur von seiner Mutter. Den Vater hat er öffentlich kaum erwähnt.

Dem war Giannis Karriere völlig gleichgültig. Gianni gefiel die Vorstellung, Vater würde eines Tages nach Mailand kommen und sagen: "Verdammt, wie könnt ihr in diesem Chaos leben!" Er kam aus einer enorm wohlhabenden Familie: Großbürgertum und Kohleminen – aber von einem unsäglichen Geiz. Statt sich mit all dem Geld zu amüsieren, sparten sie es. Mein Vater war ein Poet, ein Intellektueller, aber ein komplett irrationaler Mann. Ich habe ihn angebetet, doch die wichtigen Dinge, die fundamentalen Werte, das kam alles von meiner Mutter. Sie arbeitete als Näherin in einer Schneiderei. Irgendwann stattete sie die wichtigsten Hochzeiten aus, von Rom hinunter bis nach Reggio.

Sie wurden zehn Jahre nach Gianni geboren. Ein Zufall?

Nein. Es gab noch eine andere Schwester, sie war die Erstgeborene, zwei Jahre älter als Santo. Ein sehr schönes Mädchen. Mit elf Jahren ist sie gestorben. Es war Karneval, sie war mit Freundinnen unterwegs, stürzte auf ein rostiges Eisenrohr, 24 Stunden später war sie tot. Mutter fiel in tiefe Depressionen. Mein Vater wollte dann noch ein Kind – für sie. Ich wurde also zum Trost meiner Mutter geboren. Ich hatte einen wichtigen Auftrag zu erfüllen.

Sie waren ein verhätschelter Spätankömmling?

Ich bin von meiner Mutter nicht verwöhnt worden. Wenn du dieses haben willst, musst du jenes machen – das ist ein Grundsatz meiner Erziehung gewesen. Daran halte ich mich auch bei meinen beiden Kindern. Ich bin eine strenge Mutter.

Ihre Tochter Allegra wird bald 18 Jahre alt – und kann frei über ihr Erbe verfügen. Onkel Gianni vererbte ihr die Hälfte der Firmenanteile. Macht sie sich etwas aus Mode?

Sie ist ein fleißiges und gelehriges Mädchen. Sie studiert und möchte lieber Schauspielerin werden. Sie hat mir gesagt: Bitte lass mir Zeit, bis ich 21 bin. Wenn ich bis dahin keine Schauspielerin bin, dann leiste ich dir bei deiner Arbeit Gesellschaft.

Zu den Höhepunkten der Mailänder Modewoche gehört die Versace-Schau samt Ihrem Auftritt auf dem Laufsteg. Macht Ihnen das Spaß?

Ich hasse es. Es ist der schwierigste Teil meiner Arbeit. Auch für Gianni war es das Schlimmste. Schon Minuten vorher saß er nass geschwitzt vor Angst hinter dem Vorhang. Man musste ihn wie ein kleines Kind beruhigen. Dann wagte er sich drei Schritte auf den Laufsteg und drehte wieder um. Die Rolle des Stars überließ er gerne den anderen.

Machen Sie das doch genauso.

Das sagt sich so leicht. Kann ich nicht mit dem Unsinn aufhören, habe ich meine Leute gefragt. Und die antworteten: "Absolut nicht! Das Publikum will dich sehen! Das ist ein Teil der Maschinerie!" – Man würde sich wundern und fragen: Was steckt dahinter, dass sich Donatella plötzlich nicht mehr hervortraut?


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