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Designer Jean Paul Gaultier: "Jeder soll tragen, was ihm gefällt"

Seine Eltern waren besorgt: ein Junge, der Frauenkleider zeichnet? Jean Paul Gaultier hat sie beruhigt - und später die Modewelt auf den Kopf gestellt. Nun zieht er sich vom Laufsteg zurück.


Lara Stone à la Bretonne. Das niederländische Model präsentiert einen Entwurf aus der Haute-Couture-Kollektion des Sommers 2009.

Lara Stone à la Bretonne. Das niederländische Model präsentiert einen Entwurf aus der Haute-Couture-Kollektion des Sommers 2009.

Dieser Artikel erschien erstmalig am 10. Oktober 2016 zur Eröffnung der Gaultier-Ausstellung "From the Sidewalk to the Catwalk" in München. Anlässlich der letzten Modenschau des Designers in Paris zeigen wir die Bilder heute noch einmal.

Fußball und Raufen, Mathe oder Geo - das war nicht sein Leben. Der kleine Jean Paul Gaultier malte und zeichnete. Er malte Kleider an Frauen, er zeichnete Frauen in Kleidern. Als er zehn Jahre alt war, erwischte ihn die Lehrerin im Unterricht - Frauen in Netzstrümpfen, Frauen mit Federhüten -, heftete die Zeichnung an seinen Rücken und sandte ihn zur Strafe durch sämtliche Klassenzimmer. "Sie wollte mich erniedrigen, das hat sie nicht geschafft", erzählte Gaultier später. "Ich fing erst richtig an, Modelle zu zeichnen. Wenn in der Zeitung stand, dass Dior 200 Modelle über den Laufsteg geschickt hatte, entwarf ich 250."

Das Kind im Manne

Seine Verspieltheit und Naivität hat Gaultier nie abgelegt, er hat sie als Tugenden betrachtet. Vielen seiner Entwürfe ist bis heute der kindliche Blick auf die Welt an zusehen; der Zehnjährige, der mit seinen Wachsmalstiften im Kopf des 63-jährigen Mannes haust. "Wer zu meiner Zeit Modeschöpfer werden wollte, musste einen dornenreichen Weg gehen", sagt Gaultier. "Der musste mit Herz und Seele wollen. Bevor meine Eltern mich nach Paris ziehen ließen, haben sie sich bei einem Maler aus der Nachbarschaft Rat geholt, ob es in Ordnung ist, einen Sohn zu haben, der Frauenkleider zeichnet."

Gaultiers Stern verblasste Ende der Neunziger mit dem Aufkommen der Luxus-Holdings, deren Investitionsstrategen und Controllern er nicht über den Weg traute. 2014 zog er sich in die Ateliers der Haute Couture zurück. Seinen Ausstieg aus der Konfektionsmode rechtfertigte er mit "den kommerziellen Zwängen und dem frenetischen Rhythmus der Kollektionen, die keine Freiheit lassen, um neue Ideen zu finden".