Julia Stegner Rechnen kann sie auch noch


Schumi schlapp, Wimbledon nix, an der Weltspitze wird kaum noch deutsch gesprochen (Ausnahme: Vatikan). Da kommt Julia Stegner gerade recht. Die schlaue Münchnerin ist das Topmodel der Post-Schiffer-Ära.

Vielleicht ist es der Trödelmarkt in der New Yorker Perry Street, der einen an diesem Samstagmorgen ins Tagträumen bringt. Hunderte von Menschen wühlen da in alten Kleidern herum, wandern umher und bleiben kurz stehen, als Nastassja Kinski vorbeigeht. Ist das nicht, sag schon, diese Schauspielerin? Nastassja scheint das alles nicht zu hören, wie eine Elfe schwebt sie durch die Menge auf einen zu. "Hallo, wir sind verabredet, oder?"

Nee, man fällt jetzt nicht um, man war ja vorbereitet. Von den Boss-Plakaten, die meterhoch in der Fifth Avenue hängen und von den Zeitschriftentiteln, von all den Fotos, die von Julia Stegner zu sehen sind und auf denen ihr blonder Pony und dieser Mund, der wie eine frühe Blüte auf dem jungen Gesicht liegt, eben sehr an Nastassja Kinski erinnern. Sie selbst nimmt es gelassen, wenn man sie nach Kinski fragt, "das ist natürlich eine Ehre, mit ihr verglichen zu werden". Sie lächelt so temperiert wie die Kinski in "Tess".

Julia Stegner ist 20 und das zurzeit erfolgreichste deutsche Model. Sie arbeitet immer, wirklich immer, sie fliegt um die Erde, sie könnte sich ihre kleine New Yorker Wohnung mit ihren Covern und Modestrecken aus der "Vogue", aus "Harper's Bazaar" und der "Elle" tapezieren, in Paris läuft sie länger für Chanel, Dior oder Yves Saint Laurent über die Laufstege als ein Tourist durch den Louvre. Und dass sie wie die Kinski aussieht, sagen die anderen nur, weil der Modemarkt immer "die neue Irgendwer" braucht. Claudia Schiffer lebte auch lange als "die neue Bardot", bis der echte Name hängen blieb.

Aber Stegner, Julia Stegner? Die Zeiten hätten sich eben sehr geändert, "wir Models sind von Schauspielerinnen verdrängt worden, die sieht man in Filmen und dann auf der ,Vogue"", sagt sie in nüchterner Anerkennung der Verwertungskette Hollywood/Mode. Für sie sei das kein Nachteil, denn abseits vom Starrummel konnte im Stillen eine kleine neue Aristokratie von Models heranwachsen, die heute die Titelseiten und Laufstege verlässlicher im Griff hat, als die Hollywoodmädchen es haben - ein schlechter Film, und die "Vogue" will die nicht mehr sehen. Hört man sich in New York um, wird "the German Julia" zu den ersten fünf der Model-Weltrangliste gezählt, Tagesgage fünfstellig.

Sehen kann man Julia Stegner jeden Tag in Kampagnen für Boss, Dolce & Gabbana, Saint Laurent, Ralph Lauren, Armani, Rolex. Und in diesem Sommer, Autofahrer aufgepasst, im Bikini für H & M. "Mag sein, dass man unsere Namen nicht so kennt", sagt sie. "Aber das liegt daran, dass wir uns nicht überall als Supermodels feiern lassen."

Modelkarrieren haben immer den gleichen Anfang - irgendwo steht jemand rum und schaut Mädchen nach, blickt sich an einer fest und steckt ihr eine Visitenkarte zu. Bei Claudia Schiffer passierte das in einer Diskothek, bei Julia Stegner auf dem Oktoberfest.

Damals war sie 15, und es gab wenig, was sie aus ihrem jungen Leben in München-Ismaning heraustrieb, Mutter Bankkauffrau, Vater Sales Director eines US-Konzerns, eine Kindheit im gehobenen Mittelstand. Damals, nachdem die ersten Fotos gemacht worden waren, stoppte sie die Maschine noch mal. "Ich hab erst noch meinen Realschulabschluss gemacht. Eigentlich wollte ich auch gar nicht modeln, sondern mein Fachabi machen." Sie erzählt es mit großem Ernst, sie lacht wenig dabei, und wenn man sie nach ihren Interessen fragt, fehlt nicht viel, und sie würde einen Block holen und einem etwas vorrechnen, "ich hoffe, dass ich später BWL studieren werde".

Mit derselben Gründlichkeit versucht sie eine Expertise ihres Marktwertes: "Schwer zu sagen, ich glaube, Designer und Fotografen sehen in mir eine klassische Schönheit. Ich habe nicht so ein außergewöhnliches Gesicht, aber mein Glück war, dass ich nicht langweilig genug aussehe, dass man an mir vorbeisehen könnte." In der Klarheit ihrer Worte spürt man, wie wenig die Eitelkeitsmaschine Modeindustrie Julia Stegner angetan hat. "Na ja, als ich im Januar nach New York zog, war ich schon erstaunt über dieses ,Oh, du bist die Größte". Es geht schon sehr falsch zu, aber wenn man es weiß, hört man weg." Woher sie das weiß? "Ich bin gut erzogen, ich kann falsche von echten Freunden unterscheiden. Und auch unter Models gibt es ein paar echte Freunde." Ob ihre Freundschaft mit einem Polizisten die Distanz München - New York aushält? Sie lächelt. "Kein Kommentar."

Beobachtet man Julia Stegner auf dem Laufsteg, spürt man, wie sich leiser Respekt durch das Publikum zieht. Nie kämen Fotografen auf die Idee, ihr wie bei der Brasilianerin Gisèle Bündchen "Free the two Gisèles!" hinterherzujohlen. Was Julia ausdrückt, ist Stil pur. Die reichen Frauen können sich bei ihr wieder in jedes Kleid hineindenken, sie ist Abbild einer Eleganz, die in den Jahren der giggelnden Popstarmodels mit ihren Rockstarfreunden beinahe verschwunden war.

Julia ist ein Star und für die Zuschauer das Mannequin im klassischen Sinn, ihr Erfolg auch die Erleichterung der Reichen, dass die Mode wieder zu ihren elitären Wurzeln findet. Julia tut ihnen den Gefallen, skandalfrei zu bleiben, "ich geh kaum aus, und wenn, dann nie zu diesen Prominentenpartys. Einmal habe ich bei einer Feier P. Diddy kennen gelernt. Er hat gesagt, schön, mich zu sehen, und das war's. Also, das soll aufregend sein?"

Es ist fast Mittag, Julia schaut auf die Uhr und auf ihr Telefon. Sie weiß nicht so genau, wie die Woche wird, könnte Hawaii werden, könnte aber auch Island sein. Man schaut ihr noch ein paar Minuten hinterher, 1,83 Meter sind nicht zu übersehen. Die Menschen auf dem Trödelmarkt drehen sich wieder um, als Julia vorbeigeht, und schauen aus, als ob sie dächten: Irgendwie habe ich die doch schon mal gesehen.

Jochen Siemens print

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