VG-Wort Pixel

Stylistin Julia von Boehm Garderobiere der Stars


Julia von Boehm ist die erfolgreichste deutsche Stylistin. Seit sie Schauspielerin Nicole Kidman für den roten Teppich schön macht, wollen auch andere Prominente ihre Hilfe.
Von Lars Jensen

Der Text erschien zuerst im stern, Heft Nr. 21 vom 13. Mai 2015.

Ziemlich genau ein Jahr ist es her, dass Nicole Kidman in Cannes den roten Teppich betrat, in einem mit Perlen und Kristallsteinchen bestickten, bläulich schimmernden Kleid von Giorgio Armani Privé. Das Ereignis wurde in den Fashionblogs mit "Wow!" kommentiert. Und für die Frau, die ihr dieses Kleid angezogen hatte, ging ein Stern auf. Julia von Boehm, 35, gilt seither als einzige deutsche Stylistin von Weltrang. Das klingt nach perlenden Champagnergläsern und Fotoshoots an Traumstränden. Wie anders die Realität aussieht, zeigt ein Tag mit ihr während der vergangenen Fashion Week in New York.

Bitterkalter Morgen, das Taxi ständig im Stau wegen der zahlreichen Baustellen und Absperrungen. Die Hugo-Boss-Schau im 44. Geschoss eines halbfertigen Wolkenkratzers beginnt jeden Moment. Julia von Boehm springt aus dem Taxi und manövriert auf hohen Hacken durch die Autoreihen der achtspurigen Straße. "Sind Sie wahnsinnig?" , schreit ein Polizist. "Geht schon, keine Sorge" , sagt sie und zieht den Pelzmantel zu. Der Polizist winkt ab. Während der Fashion Week ist der Anblick eilig durch den Verkehr staksender, perfekt gestylter Frauen offenbar ziemlich normal.

Julia von Boehm hetzt weiter. Das Defilee der Boss-Models. Und in drei Tagen finden auch noch die Oscars statt, für die sie noch das perfekte Kleid für Nicole Kidman auswählen soll. Beim Fitting in Los Angeles kann sie nicht dabei sein. "Ich werde hoffentlich am Samstag nach L. A. fliegen, um letzte Entscheidungen zusammen mit Nicole zu treffen" , sagt sie. Kidmans Assistentin schickt Fotos der Schauspielerin in verschiedenen Kleidern. "Hmm, jaja, können wir bitte noch mal das silberne probieren?" , fragt Julia von Boehm ihre Mitarbeiterin. Dann ruft das Kindermädchen an - wann sie denn ihre beiden Töchter treffen wolle? "Jetzt schreiben Sie aber bitte nicht: Die Blondine im Pelz, die nie das Handy aus der Hand legt", sagt sie lachend. Später, beim Mittagessen, legt sie das Handy tatsächlich zur Seite. Aber nur kurz.

Neue Kundin Kate Winslet

Seit knapp zehn Jahren arbeitet die Heidelbergerin für Weltmarken wie Lancôme und H & M, für die "Vogue" und "Harper's Bazaar". Sie kennt also die Welt des Glamours schon lange, doch einen Superstar für den roten Teppich auszustatten - das war auch für sie eine neue Erfahrung. Dieser Stress vor dem großen Auftritt. Diese ungeheure Aufmerksamkeit, die ein gefeiertes Outfit auch auf die Person zieht, die den Look kreiert hat. Seit Cannes 2014 ist das Leben von Julia von Boehm noch hektischer geworden. Noch mehr Shootings und Fittings in Los Angeles, London, Paris; noch mehr Modeschauen und Termine mit Designern. Und dann die anderen Stars, neue Kunden, die plötzlich auch von ihr gestylt werden wollen. Seit Kurzem betreut sie Kate Winslet. Erster großer Aufritt des Filmstars: das Toronto International Film Festival im September. "An den Outfits arbeite ich bereits jetzt", sagt von Boehm.

Tom Ford, Jil Sander, Bulgari und Jimmy Choo - Julia von Boehm hat schon für viele Labels gearbeitet. Mehr als tausend Kollektionen entstehen jedes Jahr. Der Job von Stylisten ist es, diese nie endende, ständig wachsende Mode-Lawine in Bahnen zu lenken. Sie sichten das Angebot, wählen die besten Stücke aus und kombinieren sie zu den Looks, die die Öffentlichkeit später in Magazinen und am roten Teppich begutachtet. Die kreative Leistung besteht darin, Hosen, Schuhe, Kleider, T-Shirts so zusammenzustellen, dass sie eine Geschichte erzählen, die zum jeweiligen Auftraggeber passt.

Stylisten beraten Designer, schlagen Magazinen Themen für Modestrecken vor, sie statten Prominente aus und helfen Modemarken bei ihren Imagekampagnen. Die Bekanntesten ihres Fachs wie Leslie Fremar, Elizabeth Stewart oder eben Julia von Boehm stehen ständig in Kontakt mit den großen Designern. Und sie besitzen Macht. Welches Outfit Nicole Kidman oder Christian Bale oder Beyoncé bei der nächsten Gala tragen, hängt vor allem davon ab, was den Stylisten gefällt. So tragen sie unmittelbar zu Aufstieg und Fall einer Marke bei.

Carine Roitfeld ist Patentante ihrer Tochter

Die Mode sei für sie eine Berufung, sagt Julia von Boehm, sie habe nie ernsthaft darüber nachgedacht, etwas anderes zu machen. Ihr Vater ist Journalist, der Bruder Dokumentarfilmer, für die Tochter zählte nach dem Abitur nur, dass sie so schnell wie möglich ihre Heimatstadt Heidelberg verlassen konnte - Richtung Paris. Dort ergatterte sie einen Platz an der École de la Chambre Syndical, einer Haute-Couture-Schule. Sie freundete sich mit Carine Roitfeld an, der späteren Chefin der französischen "Vogue", die damals selbst noch als Stylistin arbeitete. Von Boehm wurde ihre Assistentin. Als Roitfeld zur "Vogue" wechselte, ging von Boehm mit und lernte so über viele Jahre von einer der innovativsten und mächtigsten Persönlichkeiten der Branche. "Ich folgte einfach meinem Herzen, und es stellte sich heraus, dass ich richtig lag." Als von Boehm 2007 nach New York zog, hatte sie sich bereits den Respekt der Modewelt erarbeitet. Mit Roitfeld ist sie noch immer befreundet. "Carine ist die Patentante meiner jüngeren Tochter Elizabeth."

Zurück bei der New Yorker Fashion Week: Julia von Boehm schaut im Atelier von Wes Gordon in SoHo vorbei. Gordon, nicht einmal 30 Jahre alt, ist ein aufstrebender Designer. Von Boehm stylte einige seiner Schauen, wenn es in ihren Terminkalender passte. In dieser Saison fehlte die Zeit. Nicole Kidman kam dazwischen: "Als ich letztes Jahr begann, mit ihr zu arbeiten, war mir nicht klar, wie viel Arbeit dahintersteckt." Jetzt will sie zumindest ein Stück von Wes Gordon für eine von ihr gestylte Magazin-Modestrecke verwenden. "Wes ist ein Freund, und ich will ihn unterstützen", sagt sie.

Kontakte entscheiden über Karrieren

In der Welt von Julia von Boehm, dieser Welt aus Prominenz, Glamour und Geld, verschmelzen Freundschaft und Geschäft. Persönliche Bindungen entscheiden über Karrieren. Gemeinsam mit Gordon durchstöbert sie seine Kollektion. "Wunderbar", ruft sie immer wieder, "herrlich", "traumhaft". Julia von Boehm geht vorsichtig mit den fragilen Egos der Kreativen um. Was hält sie für ihre größte Gabe? "Vielleicht habe ich ein Talent, die Lebenswirklichkeit von Frauen in unserer Zeit zu empfinden", sagt sie, "im Kern geht es in unserer Arbeit darum, die Gegenwart zu reflektieren."

Der Style ihrer Kundin Nicole Kidman reflektiert von Boehms Interpretation dieser Gegenwart bei Premieren, TV-Auftritten und Galas. Zu den Oscars trug sie ein silbern schimmerndes Kleid von Louis Vuitton. Die Kritiken fielen diesmal gemischt aus. "In Amerika ist es manchmal schwierig mit etwas anspruchsvolleren Entwürfen", sagt Julia von Boehm, "wichtig ist nur, dass Nicole sich wohlgefühlt hat." Für jeden Termin kreiert die Stylistin zwei Outfits. 120 Aufzüge pro Jahr kommen so zusammen. Von Boehm musste eine zweite Assistentin einstellen, die sich nur um die Schauspielerin kümmert.

Diesen Aufwand wird sie auch bei ihrer neuen Kundin Kate Winslet betreiben müssen. Noch mehr Termine, Flüge, Kleider. Das erfordert, ab und an Berufs- und Familienleben zusammenzulegen. Julia von Boehm holt ihre ältere Tochter Josephine zu Hause in Chelsea ab. Sie hat ihr versprochen, sie zur Schau des Labels Marchesa mitzunehmen: Abendmode für reiche Gattinnen, die goldene Spitze, Strass und Blumenapplikationen lieben. Das gefällt der Fünfjährigen. Josephine trägt einen Mantel aus unechtem Leopardenfell und Lackschuhe. Was sie später mal werden will, weiß sie noch nicht genau. Aber irgendwas mit Mode sollte es schon sein. Julia von Boehm lacht. "Das hat sie nicht von mir, ehrlich."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker