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London Fashion Week: Traumjob Model - von wegen!

Sie werden mit Autolacken besprüht, von Fotografen begrapscht oder mit Drogen verführt - für die meisten Models ist der Job kein Zuckerschlecken. Die Veranstalter der Londoner Modewoche wollten die Mädchen nun zumindest mit gesundem Essen versorgen und so zum Vorbild für gesündere Shows werden. Ein missglückter Versuch.

Von Cornelia Fuchs, London

Die Hitze ist unerträglich, und der Designer ist nicht glücklich. "Assistentin, Schere", ruft Osman Yousefzada, und: "Zieh der hier neue Nylon-Strümpfe an, sofort." Um ihn stehen ein dutzend langbeinige Schönheiten mit hohen Wangenknochen, unsicher auf 15 Zentimeter hohen Absätzen balancierend. Ein Mädchen sieht aus, als falle es gleich in Ohnmacht. In wenigen Minuten sollen die Models vorne in den Verkaufsräumen der Modekette "Mango", Oxford Street, über den improvisierten Laufsteg stolzieren. Im Backstage-Bereich ist die Luft schlecht. Es gibt kein Wasser mehr, nicht für Yousefzada selbst, der seit seiner ersten Londoner Mode-Show im Herbst 2005 als neuer Designer-Star gilt, und nicht für die jungen Frauen in den fein geschnittenen Kleidern, denen er ein letztes Mal die Troddeln auf den Jacken zurechtrückt. Auf einem Tisch liegen ein paar leere Wasserflaschen, Sandwich-Hüllen und Mandarinenschalen. Das ist alles.

Bemerkenswert wäre dieser kleine Müllhaufen wohl nicht, wenn er nicht gegen eine von zwei Regeln verstoßen würde, mit denen die Londoner Fashion Week zu einer besseren und vor allem gesünderen Veranstaltung werden will: Neue Verträge mit den Designern verbieten, dass sie Mädchen unter 16 Jahren engagieren - und es soll gesundes Essen für alle Beteiligten bereit stehen. Wie wenig die neuen Regeln greifen, zeigte sich auch auf anderen Veranstaltungen: In einer Ost-Londoner Fabrikhalle, die zum Laufsteg umfunktioniert wurde, flogen nur ein paar Wasser-Plastikflaschen zwischen den Schminktischen herum. Von Essen, gar gesunden Nahrungsmitteln keine Spur. Und auch im Hauptzelt der Londoner Fashion Week fand sich neben einer ganzen Batterie von Wasserflaschen nur eine Bar mit Red Bull, dem Sprudelwasser mit Aufputschmitteln. Für den Smoothie "Designer Fuel - das bevorzugte Frühstück der Modemacher" wurde Red Bull mit Mangos und Erdbeeren gemixt.

Schlankheits-Wahn in Paris noch bedrückender als in London

Dean Goodman von der Agentur Profile Model Management hält die neuen Regeln für Augenwischerei: "Das Ganze hat überhaupt nichts verändert. Die Mädchen sind weiter zart und schmal - wir geben den Designern halt, was diese wollen." Nach einer neuesten Umfrage unter britischen Modemachern halten nur 12 Prozent die Körper auf den Laufstegen für zu dünn. Immerhin scheint die ganze Debatte um magere Körper auf dem Laufsteg zumindest die Models selber aufgerüttelt zu haben. Sie schafften es im vergangenen Dezember, als Berufsgruppe in die britische Künstlergewerkschaft Equity aufgenommen zu werden. Angeblich sind während der Fashion Week über 200 weitere Modelle eingetreten, genaue Zahlen gibt es nicht, weil jeder Fall vertraulich behandelt wird. Noch muss jedes Model mit Gewerkschaftshintergrund fürchten, keine Aufträge mehr zu bekommen. In ersten Stellungnahmen hat Gewerkschafts-Sprecher Martin McGrath angedeutet, dass fehlendes Essen und übertriebene Körper-Ästhetik nur die Spitze des Eisbergs seien: "Wir reden hier über undurchsichtige Verträge, sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz, Gefährdung der Gesundheit, 18-Stunden-Arbeitstage ohne Essen."

Die neuen Gewerkschaftsmitglieder haben ihm von Stylisten erzählt, die ohne Absprache Autolacke verwenden, was zu schweren Haut-Aussschlägen führt, von Fotografen, die grapschen, von Drogen, die ständig angeboten werden und von Nacktaufnahmen, die nicht vereinbart waren und den Mädchen unter Drohungen aufgedrängt werden. Wie viel die britische Gewerkschaft für ihre neuen Mitglieder wird regeln können, bleibt abzuwarten. Siebzig Prozent der Models auf der London Fashion Week kommen aus dem Ausland. Die meisten dieser jungen Frauen pendeln zwischen den großen Schauen in New York, Mailand, Paris und London hin und her. Und dort, so jedenfalls die Erfahrung der Vorsitzenden des britischen Fashion Councils, Hilary Riva, ist man noch viel weniger gewillt als in London, strenge Regeln zur Gesundheitsüberwachung aufzustellen. "Der Mangel an Enthusiasmus in Paris, Mailand oder New York für eine internationale Lösung macht uns Sorgen," schrieb Riva in einem offenen Brief an ihre Mode-Kollegen. Umfragen zeigen, dass über die Hälfte der befragten Models den Schlankheits-Wahn in Paris sogar noch bedrückender finden als in London. Vielleicht braucht es zum Brückenbauen die alte Dame des britischen Designs, Vivienne Westwood, die neben ihren Haute-Couture-Schauen in Paris nach neun Jahren das erste Mal wieder Mode in London zeigte. Die nahm wie gewohnt auch beim Thema Mager-Models kein Blatt vor den Mund: "Es ist doch ganz furchtbar, wenn eine Model-Agentur einem Mädchen mit der perfekten Größe 36 sagt, sie müsse abnehmen!"