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"Felix Hutt Investigativ" Nachtleben Mailands: Die gefährliche Welt der arbeitslosen Models

Traumatisierte Models, Missbrauch und Druck – Recherche über Modewelt
Sehen Sie im Video: Traumatisierte Models, Missbrauch und Druck – Investigativ-Recherche zeigt erschreckende Zustände in Modewelt.
Videoquelle: rtl.de
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Model ist noch immer der Traumjob vieler junger Mädchen. Doch die Realität hinter dem Business ist hart, ernüchternd und gegebenenfalls sogar gefährlich. Das haben Felix Hutt und sein Team in seiner neuen Investigativreportage aufgedeckt.

Kendall Jenner und die Hadid-Schwestern bilden den aktuellen Model-Olymp. Ihr Level an Ruhm und Erfolg ist jedoch nur die Spitze des Eisbergs. Denn die Realität der jungen Frauen, die auf Laufsteg-Jobs bei den Modewochen hoffen, sieht ganz anders aus als die der Hadids und Jenners. 

"Felix Hutt Investigativ": Die Welt der Models in Mailand

In seiner neuen Investigativreportage wagt Felix Hutt einen Blick hinter die Kulissen der Industrie. Und was er sieht, dürfte den Traum vieler junger Menschen zerstören. Hutts Reise beginnt in Berlin, wo sich der Journalist das Casting für die Modenschau von Marcel Ostertag ansieht. Die Models dort sind schlank, das fällt Hutt direkt auf. Schockierend ist das jedoch kaum noch. 

Was er jedoch in Mailand erfährt, ist für Hutt und sein Team erschreckend. Denn sie interessiert vor allem, was mit den Models geschieht, die nicht mit Hadid und Jenner über den Runway laufen. Viele von ihnen kommen aus Osteuropa, teilen sich mit mehreren eine Unterkunft. Das Geld ist knapp, vor allem dann, wenn die Marken und Designer sie nicht buchen. Und die Agenturen im Heimatland und in Italien müssen bezahlt werden. Doch was tun die Models, die nicht gebucht werden? 

Schnell kommt Hutt mit sogenannten Promotern in Berührung. Das sind Männer, die dafür sorgen, dass Nachtclubs und Diskotheken mit genügend Frauen ausgestattet sind. Das Konzept ist nicht neu. In vielen Städten, zum Beispiel in New York, funktioniert es ähnlich. Als Frau bekommt man leichter Eintritt in Diskotheken, Promoter helfen dabei. Doch die Promoter in Mailand haben zusätzlich noch eine andere Funktion. 

Denn sie "kümmern" sich, das erfährt Hutt schnell, auch um die Models ohne Job. Wie das dann aussieht? Hutt lernt Promoter Matteo kennen, der dafür sorgen soll, dass der Investigativreporter und seine Kumpel (alles Kollegen mit versteckten Kameras und Mikros) einen schönen Abend haben. Dafür "versorgt" er Hutt und Kollegen mit mehreren, sehr jungen Models aus Osteuropa. Warum die mit viel älteren Männern essen gehen? Ganz einfach: Sie brauchen das Geld. Denn der Alltag als arbeitendes Model ist, selbst wenn man Jobs hat, nicht immer rentabel. Wie eines der Models aufklärt, verdient sie für einen Tag in einem Showroom, in dem sie Kleidung präsentiert, 100 Euro. Davon behält sie aber nur 50 Prozent, der Rest geht an die Agentur im Heimatland und in Italien. Von Promoter Matteo bekommen die Models ungefähr das Gleiche, wie eine der Frauen Hutt berichtet. 

Jean-Luc Brunel soll Thysia Huisman vergewaltigt haben

Von Mailand geht es für Hutt und sein Team nach Paris, Schauplatz der wichtigsten Modenschauen der Welt und Schicksalsort für Thysia Huisman. Das ehemalige Model erzählt dem RTL-Reporter von ihrer Zeit in Paris, als sie im Job durchstarten wollte. Entdeckt wurde sie von keinem Geringeren als Jean-Luc Brunel, einem der damals erfolgreichsten Modelagenten. Doch bereits in den 80er Jahren wurde dem französischen Agenten sexueller Missbrauch vorgeworfen.

In einer Ausgabe des Nachrichtenmagazins "60 Minutes" erzählten junge Models damals Moderatorin Diane Sawyer von der kriminellen Kultur, die in einigen Agenturen in Europa herrschte. "Es ist ein Fleischmarkt, du bist nur dafür da, dass einer dich mit nach Hause nehmen und ins Bett kriegen kann", erinnerte sich Courtney Soerensen, ein junges US-amerikanisches Model, in der Sendung an die Treffen mit Brunel und seinen Freunden. Und die Frau schilderte, wie das System Brunel abgelaufen sein soll: "Er hat die Agentur, er hat die Mädchen. Seine Freunde sagen: 'Jean-Luc, ich würde gerne ein Mädchen treffen' oder 'Wir schmeißen heute Abend eine Party, bring ein paar Mädchen.'" Sawyer hakte damals nach. Was denn passieren würde, wenn man als Model dazu nein sagt. "Dann arbeitest du nicht", so die Antwort. Brunel soll auch seinen guten Freund Jeffrey Epstein mit minderjährigen Mädchen "beliefert" haben. 

Nachdem Brunel Ende 2020 festgenommen wurde, nimmt er sich im Gefängnis während der Recherchen des Investigativ-Teams das Leben, wie vor ihm schon Epstein. Die Geschichte von Brunel ist bekannt, auch Huisman erzählte von ihrer Erfahrung bereits in der Vergangenheit. "Paris wird wohl niemals meine Lieblingsstadt werden. Das erste Mal als ich zurückkam, war ich hier, um Jean-Luc Brunel bei der Polizei anzuzeigen. Da hatte ich eine Panikattacke im Zug. Aber dieses Mal war's okay", sagt sie Hutt und schildert die mutmaßliche Vergewaltigung, die sie nachhaltig traumatisiert hat. Brunel soll sie mit Drogen in einem Drink gefügig gemacht haben. "Ich erinnere mich, dass er mich mit in sein Schlafzimmer genommen hat. Er hat mich aufs Bett geworfen. Und ab da habe ich Erinnerungslücken – aber einiges ist glasklar. Also er hat mich aufs Bett gestoßen, sich auf mich gelegt und er hat versucht, mich zu küssen. Und dann – hat er mein Shirt zerrissen, seine Hände waren überall. Und ich hatte einen Blackout, aber ich kann mich dran erinnern, dass er in mich eingedrungen ist. Er hatte Sex mit mir", erläutert das ehemalige Model. 

Paul Marciano verteidigt sich

Ein Mann, dem seit Jahrzehnten Missbrauch vorgeworfen wird, ist heute noch groß im Geschäft: Guess-Chef Paul Marciano. Dem Kreativdirektor eines internationalen Modeimperiums mit weltweit über 1000 Läden. Vorwürfe ehemaliger Models liefen bislang ins Leere. Für Amanda Rodriguez zum Beispiel war der Modeljob für Guess ein Traum. Doch wie sie Hutt erzählt, soll er wegen Marciano schnell zum Alptraum geworden sein. "Er hat auf mich immer bedrohlich gewirkt – schon von Anfang an. Es hat schleichend angefangen und sich dann immer weiterentwickelt. Bis ich an einem Punkt das Gefühl hatte, ich kann nur noch gehorchen. Ich hatte panische Angst vor ihm", erzählt das Model und berichtet, Marciano solle sie zum Oralverkehr gezwungen haben.  

In Los Angeles versuchen Hutt und sein Team, Marciano selbst zur Rede zu stellen, von ihm ein Statement zu den im Zuge der Recherche erhobenen Vorwürfen zu bekommen. Immer wieder erhalten sie Absagen oder ihre Bemühungen versanden, weil niemand antwortet. Bis Hutt mitten in der Nacht eine SMS von Marciano persönlich bekommt. "Hey this is Paul…. I heard you are looking for me", schreibt der Kreativdirektor. Beim Treffen mit Marciano – ohne Kameras aber dafür mit Ton – erklärt Marciano, warum er sich auf ein Gespräch eingelassen hat. "Sie hätten fast richtig Ärger bekommen. Ich habe gehört, dass Sie bei Guess waren und rausgeschmissen wurden. Dann sind Sie zu meinem Haus gekommen. Ich habe die Polizei gerufen und Sie fast verhaften lassen. Und dann dachte ich – die kommen aus Deutschland. Das ist eine große Nummer. Warum sind die hier? Und deshalb hab ich mich gemeldet", sagt Marciano. 

Die Anschuldigungen der Frauen weist der 70-Jährige entschieden zurück. Und dabei nimmt er kein Blatt vor den Mund. "Sie sagt, oh ein Blowjob, Oralsex. Dafür hat sie 2000 Dollar bekommen. Ich mein, sie kommt aus Vegas, sie war ein Porn-Girl. Und jetzt will sie vergewaltigt worden sein? Vergewaltigt? Wie kreativ", sagt er über die Anschuldigungen von Model Amanda Rodriguez. 

Wie Guess-Chef Marciano sich weiter zu verteidigen versucht, sehen Sie um 20.15 Uhr bei RTL oder bei RTL+ in der Doku "Felix Hutt Investigativ: Mode. Macht. Missbrauch. Das skrupellose Geschäft mit jungen Models".

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