VG-Wort Pixel

Sexueller Missbrauch R. Kelly in allen Punkten schuldig gesprochen: ein längst überfälliges Urteil

R. Kelly
R. Kelly im August vor Gericht
© TNS/ABACA / Picture Alliance
Nach einem mehrmonatigen Prozess ist R. Kelly in allen Punkten schuldig gesprochen worden. Warum das Urteil überfällig ist und wie der Stein letztlich ins Rollen kam. 

Anfang 2019 sorgte eine Dokumentation international für Aufsehen, die R. Kellys kriminelle Machenschaften über Jahrzehnte aufdeckte. In "Surviving R. Kelly" kamen erstmal die Opfer des Musikers zu Wort. 

R. Kelly schuldig gesprochen

Allesamt Frauen, die Kelly kennen lernten, als sie minderjährig waren. Zwölf, 14, 17 – kaum eine war über 18, als sie zum ersten Mal in Kontakt mit Kelly kam. Die Frauen warfen ihm sexuellen Missbrauch vor, Vergewaltigung, sie behaupteten, von ihm unter Druck gesetzt und zum Schweigen gebracht worden zu sein. Jetzt, über zwei Jahre später, wurde Kelly von einer Jury schuldig gesprochen. Ihm drohen bis zu 100 Jahre Haft. Der Sänger wird mit großer Wahrscheinlichkeit im Gefängnis sterben. Dass ein solches Urteil schon sehr viel früher hätte gefällt werden können, wurde in "Surviving R. Kelly" deutlich. 

Auch seine High-School-Zeit wurde darin beleuchtet. In den 90er Jahren kehrte R. Kelly immer wieder an die Schule zurück. "R. Kelly ist hier", wurde dann durch die Hallen geraunt. Und er, der aufstrebende R'n'B-Superstar, nahm in der Schule gezielt Kontakt zu Minderjährigen auf.

Sexueller Missbrauch: R. Kelly in allen Punkten schuldig gesprochen: ein längst überfälliges Urteil

"Surviving R. Kelly" ließ Opfer zu Wort kommen

Zu Wort kam auch Jovante Cunningham. Die Background-Sängerin lernte Kelly kennen, als sie gerade mal 14 Jahre alt war. Sie war auch dabei, als die damals zwölfjährige Sängerin Aaliyah Kellys Protegée wurde. Sein Protegée war sie aber nur in der Öffentlichkeit. Was hinter verschlossenen Türen passierte, bekamen nur wenige mit. Cunningham beschreibt in der Doku, wie sie Kelly und Aaliyah beim Sex erwischte. "Es sah aus wie etwas, das ein Erwachsener nicht mit einem Kind machen sollte", erinnert sie sich. Als Kelly 27 war, heiratete er schließlich die 15-Jährige, die Ehe wurde wenige Monate später annulliert. 

Dass R. Kelly sich an Minderjährigen vergehe, sie teilweise halte wie Sexsklavinnen und seine Macht missbrauche, stand seit mehreren Jahrzehnten im Raum. Der Fall R. Kelly ist ein Paradebeispiel dafür, wie Täter mit viel Geld immer wieder entkommen können. 

Machtmissbrauch

Bereits 2001 wurde Kelly von der ehemaligen Praktikantin Tracy Sampson verklagt, die ihm vorwarf, sie mit 17 Jahren "zu einer unsittlichen sexuellen Beziehung" gezwungen zu haben. "Er hat oft versucht, jeden Aspekt meines Lebens zu kontrollieren, einschließlich der Frage, mit wem ich mich treffe und wohin ich gehe", sagte sie. In Sampsons Fall wurde sich außergerichtlich geeinigt. Die Summe: unbekannt. Im Frühjahr 2002 wurde er von zwei weiteren Frauen verklagt. Auch damals einigte man sich außergerichtlich, die Frauen unterschrieben Geheimhaltungsvereinbarungen. Die Summe: auch hier unbekannt. 

Im Frühsommer 2002 wurde er in 21 Fällen angeklagt, Videos von sexuellem Missbrauch von Kindern mit verschiedenen sexuellen Handlungen gedreht zu haben. Letztlich dauerte es sechs weitere Jahre, bis der Fall vor Gericht kam. Jahre, in denen Kelly weiterhin viel, viel Geld verdienen konnte und Erfolge feierte. Eine Jury entschied später, wegen zu geringer Beweislast könne man Kelly nur freisprechen. In den folgenden Jahren stand er erneut vor Gericht, doch trotz belastender Videos wurden die Anklagen fallengelassen. 

"Buzzfeed"-Artikel brachte ersten Durchbruch

Anschließend war es einige Jahre ruhig um R. Kelly. Bis 2017 die nächste Bombe platzte. In einer investigativen Recherche von "Buzzfeed" wurde Kelly vorgeworfen, sechs Frauen in einem "Sex-Kult" gefangen zu halten. Er schriebe ihnen vor, "was sie essen, wie sie sich anziehen, wann sie baden, wann sie schlafen und wie sie sich auf sexuelle Begegnungen einlassen, die er aufzeichnet". Der Kontakt zu ihren Familien würde ihnen verboten. 

Der "Buzzfeed"-Artikel zeigte anschaulich die Welle, die eine solche Berichterstattung lostreten kann. Mehrere Frauen brachen plötzlich ihre Geheimhaltungsvereinbarungen, um Kelly zur Rechenschaft zu ziehen und von ihrem Unheil zu berichten. 

#MuteRKelly

2018 trendete erstmals der Hashtag #MuteRKelly, der Menschen aufforderte, seine Musik nicht mehr zu hören, um ihm so den Geldhahn abdrehen zu können und von seiner Plattenfirma RCA verlangte, die Zusammenarbeit zu beenden. Auch Spotify und andere Streamingdienste wurden gebeten, Kellys Songs nicht mehr zu spielen. Langfristigen Erfolg hatte der Hashtag nicht. Der Sänger trat weiterhin auf, wehrte sich in seinem Song "I Admit" gegen die Anschuldigungen. "Soll ich ins Gefängnis gehen oder meine Karriere verlieren wegen eurer Meinung?", singt er darin. 

Den Durchbruch lieferte letztlich "Surviving R. Kelly". Sechs Episoden, in denen seine Opfer zu Wort kamen, waren dann doch zu viel für Kellys Plattenfirma. Konzerte wurden abgesagt, er wurde entlassen und schließlich angeklagt. Nach vielen Monaten, in denen der Prozess verschoben und Zeugen eingeschüchtert wurden steht nun fest: R. Kelly ist schuldig. 

Das Urteil kommt zu spät

Rückblickend kann man sagen: Das Urteil kommt Jahre zu spät. Viele Opfer hätten keine Opfer werden müssen. Denn dass ein erwachsener Mann seine Freizeit in einer High School verbringt, hätte in den Neunzigerjahren das erste Warnzeichen sein sollen. Dass er dort Mädchen anlockte, sich mit ihnen traf, ihnen Versprechungen machte, das zweite. Der Grund, warum es so lange gedauert hat, seinen vermeintlichen Opfern Gehör zu schenken, erklärte die Autorin Mikki Kendall in "Surviving R. Kelly": "Wir haben es alle gemerkt. Aber es war allen egal, weil wir schwarze Mädchen waren", sagte sie. 

Gloria Allred, die einige von Kellys Opfer vor Gericht vertrat, fällte ein vernichtendes Urteil. "Ich bin seit 47 Jahren als Anwältin tätig. In dieser Zeit habe ich viele Sexualstraftäter verfolgt, die Verbrechen gegen Frauen und Kinder begangen haben. Von allen Tätern, die ich verfolgt habe, ist Herr Kelly der schlimmste."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker