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Fotograf Michael Reh: Mit vier Jahren wurde er zum ersten Mal von seiner Tante missbraucht – heute bricht er das Schweigen

Er war vier Jahre alt, als seine Eltern ihn in die Obhut seiner Tante gaben. Es sollten noch viele Jahre der sexualisierten Gewalt folgen. Heute hat Michael Reh seine Erlebnisse in einen Roman fließen lassen – und möchte Vorbild sein.

Michael Reh spricht über sexuellen Missbrauch

Mit vier Jahren (r.) wurde Michael Reh zum ersten Mal von seiner Tante sexuell missbraucht. Heute verspürt der Fotograf Mitgefühl mit dem Kind, das er damals war.

Fangen wir mit einer Statistik an: Alleine im Jahr 2018 – so die aktuellsten Informationen von Statista – gab es in Deutschland 12.321 polizeilich erfasste Fälle von sexuellem Missbrauch an Kindern. Die Dunkelziffer ist um einiges größer. Kinder, denen sexualisierte Gewalt angetan wird, sind in den meisten Fällen schwer traumatisiert. Die Täter stammen häufig aus dem engen Freundes- oder gar Familienkreis. So auch im Fall von Michael Reh. Der Fotograf, aufgewachsen in einer streng katholischen Familie mitten im Ruhrgebiet, hat seine eigenen Erfahrungen in seinen Roman "Katharsis. Drama einer Familie" fließen lassen.

Darin erzählt er die Geschichte der Zwillinge Max und Nikolas. Max, ein erfolgreicher aber von den Drogen gezeichneter Fotograf, lebt in New York. Als er einen Anruf seiner Schwester bekommt, die ihm erzählt, dass sein Zwillingsbruder einen Mord begangen hat, fliegt er umgehend in die deutsche Heimat. Was er dort erfährt und erlebt, verändert alles.

Michael Reh "Katharsis"

Michael Rehs Buch "Katharsis. Drama einer Familie", das auf seiner eigenen Geschichte basiert, ist im Acabus-Verlag erschienen. (400 Seiten, 15 Euro) Hinweis: Da Amazon derzeit wegen der Corona-Pandemie Lieferschwierigkeiten hat, kann man "Katharsis" als E-Book kaufen, beim Buchhändler oder beim Acabus Verlag bestellen.

Sexueller Missbrauch durch eine Frau: Michael Reh schildert seine Geschichte

Der Roman behandelt Rehs eigene Familiengeschichte. Er war erst vier Jahre alt, als seine Eltern ihn in die Obhut seiner Tante gaben. Eine Zeit in seinem Leben, die er lange verdrängt hat. "Da passiert mit dir als Kind etwas, was du gar nicht realisieren kannst. Das ist ein dermaßen großer Übergriff von einem Erwachsenen, der natürlich eine Machtposition hat, allmächtig ist", erklärt er im Gespräch mit dem stern. "Und das kindliche Denken ist: Wenn meine Eltern das machen, dann scheint es richtig zu sein. Das gekoppelt mit Todesdrohungen. Meine Tante sagte nicht nur, sie würde mich umbringen, wenn ich es erzähle, sondern auch: Selbst wenn du es erzählst, glaubt dir sowieso niemand", erinnert er sich.

Noch immer könne er sich an Bilder erinnern. An das, was ihm damals angetan wurde. "Man spaltet sich. Ich habe diesen Vereisungsprozess entwickelt und nichts gefühlt. Es fehlt das Gefühl zu den Bildern, weil das so übermächtig, bedrohlich, übergreifend, gewalttätig war. Wenn du als Vierjähriger zu Oralsex gezwungen wirst und penetriert wirst mit Gegenständen – ich muss das ganz deutlich sagen – und das über Jahre stattfindet, dann kannst du das nur aushalten, wenn du nichts fühlst", sagt Reh.

Kinderheim und "emotionale Einzelhaft"

Heute komme das Gefühl oft wieder, besonders dann, wenn er wie in diesen Tagen über das Geschehene spricht. Er verspüre ein immenses Mitgefühl mit dem kleinen Jungen, der er war. "Ich wurde damals depressiv, habe nichts gegessen und wurde deshalb für sechs Wochen in ein Kinderheim geschickt. Das war damals normal, wenn ein Kind krank war. Aber das hat das Gefühl in mir nur bestärkt: Ich bin schuld, ich werde weggeschickt", erzählt der in den USA lebende Fotograf. Schuld und Schande seien für ihn die wichtigsten Begriffe, wenn man verstehen wolle, wie ein missbrauchtes Kind sich fühle. Mit zwölf sei er zum letzten Mal in der Obhut der Täterin gewesen, konnte aber fliehen. Seine gesamte Jugend habe er in "emotionaler Einzelhaft gelebt". Er sei sitzengeblieben, gemobbt worden und fand erst in einer neuen Klasse wieder Freunde. 

Die Frage, warum seine Eltern nie was gemerkt haben, ist naheliegend. Zumal Rehs Vaters – das erfuhr der Fotograf aber erst sehr viel später – in seiner Kindheit ebenfalls von der Täterin missbraucht worden sei. "Man muss bedenken, es war eine andere Zeit. Der Nährboden für so etwas war damals so groß, weil niemand über sowas gesprochen hat. Absolut tabuisiert. Alles was ich sage, ist keine Entschuldigung, keine Akzeptanz und keine Rechtfertigung", versucht er die Situation zu erklären. "Ich bin manchmal fassungslos, dass mein Vater das trotz seiner eigenen Geschichte erlaubt hat. Und auch meine Mutter. Aber ich nehme an, mein Vater hat es verdrängt, weil es auch für ihn so immens bedrohlich war. Scham und Schande sind so groß, dass man seinen Sohn opfern muss, um die Ruhe für sich zu behalten. Das ist ein psychologischer Prozess", glaubt Reh.

Heiko V. verdeckt sein Gesicht mit einer Aktenmappe.

Erst mit Mitte 20 realisiert

Nachdem er aus dem Ruhrgebiet Richtung Hamburg und Paris geflohen war, lebte Reh mit Mitte 20 in New York. Damals kamen die Bilder von früher wieder in ihm hoch. "Ich habe damals nie sexuelle Erfüllung erlebt oder eine tiefe Beziehung. Emotional schon, aber nicht gekoppelt mit Sexualität", verrät er. Seine beste Freundin zu der Zeit hatte ebenfalls sexuellen Missbrauch erlebt und befand sich damals in Therapie. Als er nach dem Tod seiner Mutter erneut depressiv wurde, sei er ebenfalls in Therapie gegangen.

Wenig später habe er seinen Vater konfrontiert, der ihn allerdings abschmetterte. Anders Rehs Großmutter, damals Mitte Siebzig, die auf seine Geschichte antwortete: "Wenn du das so sagst, stimmt das für mich. Meine Tür ist auf und du kannst immer mit mir darüber reden." Eine unglaubliche Hilfe für ihn. 

Fehler im Rechtssystem

In Rehs Fall dauerte es rund zwanzig Jahre, bis er das Verbrechen, das an ihm begangen wurde, einordnen und emotional realisieren konnte. Zwanzig Jahre, während derer die Taten an sich längst verjährt waren. 

"Ich habe 2004 meinen Anwalt eingeschaltet. Der hat damals für mich recherchiert und gesagt, dass ich weder straf- noch zivilrechtliche Rechte habe. Damals war Missbrauch schon nach zehn Jahren verjährt. Plus: Es braucht einen Zeugen", erklärt er dem stern. Genau darin liegt die große Problematik in der Verfolgung von sexualisierter Gewalt an Kindern. Zeugen gibt es fast nie, die Kinder können so jung nicht verstehen oder artikulieren, was ihnen angetan wird. Und so laufen die Täter oder Täterinnen selten Gefahr, strafrechtlich belangt zu werden.

"Ich bin seit 30 Jahren mit der Aufklärungsarbeit innerhalb meiner Familie beschäftigt. Und wenn ich mit Menschen darüber spreche, ist die erste Reaktion: Missbraucht von einer Frau? Das kann nicht sein, das geht doch gar nicht. Es ist ein riesengroßes Tabuthema und es geht um Macht. Das ist der Punkt, den viele nicht verstehen wollen. Es geht nicht um Sex", betont Reh im Interview. Die MeToo-Debatte habe geholfen, in dem heute mehr über sexualisierte Gewalt gesprochen würde. Aber dass auch Frauen zu Täterinnen werden, würde in der Diskussion oft vernachlässigt. 

Tabuthema in der Gesellschaft

Reh möchte mit seiner Lebensgeschichte andere Opfer motivieren, sich selbst aus ihrer emotionalen Gefangenschaft zu befreien. Nach seinen jüngsten Fernsehauftritten habe er über 1000 Zuschriften erhalten. Unter anderem von einer Nachbarin seiner Tante, die ihm neulich erzählte, den Missbrauch damals zufällig beobachtet zu haben. "Sie war sehr aufgeregt und sehr nervös und hatte ein schlechtes Gewissen. Das habe ich gemerkt. Aber ich habe ihr gesagt, dass sie sich keinen Kopf machen muss. Ich finde das so mutig von ihr und es hilft mir. Ich habe jetzt einen Zeugen. Einen Augenzeugen für diesen Missbrauch", sagt Reh.

Mitte der 90er Jahre, da lebte Reh schon länger nicht mehr in Deutschland, habe er versucht, seine Tante mit ihrem Verbrechen zu konfrontieren. "Da hat sie die Polizei gerufen", verrät er. Mittlerweile ist sie verstorben. "Ich lasse die Frau gehen in mir. Weil ich ihr Verbrechen, ihre Bösartigkeit und ihre Unmenschlichkeit nicht weiter tragen möchte", erklärt er sein Verhältnis zu der Täterin heute.

"Das Buch sollte eigentlich 'Die Schneekönigin' heißen", erklärt Reh. In dem Märchen von Hans Christian Andersen sticht die Schneekönigin dem kleinen Waisenkind Kay einen Splitter in Herz und Auge, sodass er blind wird und nichts mehr fühlen kann. "Ich entferne sowohl den Splitter aus meinem Auge, indem ich das sichtbar mache. Und ich entferne den Splitter aus meinem Herzen, indem ich alles empfinden kann, auch wenn es schmerzhaft ist."

Eltern müssen ihre Kinder beobachten

Heute hat der Autor und Fotograf eine wichtige Botschaft an die Gesellschaft. An alle, die mit Kindern zu tun haben: "Wenn man das Gefühl hat, das Kind hat depressive Züge, möchte sich nicht anfassen lassen: Es muss nicht Missbrauch sein, aber es kann Missbrauch sein. Darum geht es. Eltern sind heute zum Glück schon aufmerksamer, aber es geht nicht nur um die Eltern, sondern das ganze Umfeld."

Und auch an die Opfer und Überlebenden sexualisierter Gewalt möchte sich Reh mit seinem Buch und seinem Mut wenden: "Bleibt nicht in eurer Einzelhaft. Bitte, geht raus damit, erzählt es Menschen, erzählt es und vertraut. Vertraut euch an, und wenn ihr abgewiesen werden von der Familie, bleibt trotzdem dran", bittet er. 

Sie werden sexuell missbraucht oder vermuten einen Fall in Ihrer Familie oder Ihrem Umfeld? Das Team von "Innocence in Danger" hilft Ihnen und beantwortet Fragen über 030-33007549 oder Mail: beratung@innocenceindanger.de. Das Hilfetelefon Sexueller Missbrauch erreichen sie bundesweit, kostenfrei und anonym über 0800-2255530.

Quelle: Statista