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Ausbruch in Italien Wie der Coronavirus die Mailänder Fashionweek durcheinanderwirbelt

Touristen tragen Mundschutz und fotografieren mit ihren Smartphones
Touristen tragen Mundschutz und fotografieren mit ihren Smartphones
© Claudio Furlan / LaPresse via ZUMA Press / DPA
Der Coronavirus macht sich in Italien breit und fordert Todesopfer. Das hatte auch Auswirkungen auf die Mailänder Fashionweek. Unser Redakteur war vor Ort.
Von Marcus Luft

Männer in roten Schutzanzügen, mit Atemschutzmasken und Handschuhen warten als Begrüßungskommando am Mailänder Flughafen Malpensa. Sie messen bei allen ankommenden Passagieren die Körpertemperatur. So sah vergangenen Mittwoch die Begrüßung zur Mailänder Fashionweek, die wichtigste Modewoche der Welt, aus.

Aus der ganzen Welt fliegen für fünf Tage die wichtigsten Chefredakteure, Models, Stylisten und Prominente ein. Die "Untersuchung" war das perfekte Smalltalk Thema am ersten Abend in voll besetzten Restaurants. Mehr nicht.

Das aber änderte sich schlagartig ab Freitag. Plötzlich war Corona das Thema Nummer eins am Laufsteg. Nur unweit von Mailand sei der Virus ausgebrochen. Es gäbe Tote und einige Infizierte. Die Stimmung veränderte sich.

Soldaten tragen Mundschutz und patrouillieren über den Domplatz (Piazza del Duomo)
Soldaten tragen Mundschutz und patrouillieren über den Domplatz (Piazza del Duomo)
© Claudio Furlan / LaPresse via ZUMA Press / DPA

In den Luxus-Stores an der Via Montenapoleone trugen die Verkäufer plötzlich Atemschutzmasken, in den Showrooms der großen Marken wie Gucci oder Prada standen Desinfektionsmittel auf der Toilette. Abends gab es freie Tische in den begehrten Restaurants. Die Italiener blieben zu Hause. Die Fashion-Crowd speiste alleine. Erste Gerüchte, dass Designer die Shows absagen werden, machten die Runde. "Giorgio Armani hat wahnsinnig Angst vor Krankheiten", hieß es. Es fühlte sich unwirklich an.

Leere Straßen und Restaurants in Mailand

"Es gibt weitere Tote, die Zahl der Infizierten steigt rapide an", sagte Leandro, der Fahrer, der uns von Show zu Show fährt. Ein mulmiges Gefühl machte sich am Laufsteg breit. Wo, wenn nicht hier, hätte Corona leichtes Spiel. Bis zu 700 Gästen aus aller Welt (nur die Chinesen fehlten) sitzen den ganzen Tag in engen Räumen dicht zusammen.

"Was, wenn sich Menschen hier infizieren und nächste Woche bei der Pariser Modewoche Corona verbreiten?", überlegten die Journalisten in der ersten Reihe. Abends waren die Straßen rund um den Dom, dort also wo am Wochenende die Milansesen flanieren, vor allem bei den Frühlingstemperaturen, leer. Auch begehrte Fashion-Partys waren schlechter besucht als sonst.

"URGENT", dringend also, war der Betreff einer Email, die am Sonntagmorgen gegen 8 Uhr von Giorgio Armanis Pressebüro verschickt wurde. Der Designer habe sich – zur Sicherheit seiner Gäste – entschieden, seine für den Sonntagnachmittag geplante Show unter Ausschluss der Öffentlichkeit zu zeigen. Eine Show ohne Zuschauer? Übertragen im Internet. So etwas gab es in der Geschichte der Fashionweek noch nie.

Die Stimmung kippt

Spätestens jetzt kippte die Stimmung. Flüge wurden umgebucht, viele Stylisten gingen nicht  mehr zu Präsentationen, blieben im Hotel und fuhren von dort direkt zum Flughafen. "Ich muss zurück in die Schweiz", sagte eine Kollegin, "sie machen die Grenzen dicht." Italienische Redakteure posteten Fotos von leer gekauften Supermarkt-Regalen. "Bin wohl nun erstmal auf Diät", so der zynische Kommentar von einem. Schulen und die Universität blieben vorerst dicht, eine Messe und Fußballspiele wurden abgesagt. Plötzlich wusste man nicht, ob hier zu panisch reagiert wird – oder man selbst alles zu locker sieht. Wird die Pariser Modewoche, die am Dienstag beginnt, etwa auch abgesagt? Jeder wusste plötzlich etwas. Nicht alles war wahr.

Erleichterung machte sich breit, als die Lufthansa-Maschine abhob. Weniger wegen der Angst, infiziert zu sein, als viel mehr Opfer der strengen Maßnahmen zu werden und seine Zeit in italienischer Karantäne verbringen zu müssen. Ciao Milano! Diesmal bin ich froh, Dich verlassen zu dürfen.


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