Mode Wie Polyester die Welt retten könnte

Wohin mit den Klamotten? Allein ein Brite kauft jährlich 50 Kilogramm Kleider
Wohin mit den Klamotten? Allein ein Brite kauft jährlich 50 Kilogramm Kleider
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Dosen, Flaschen und Zeitungen werden selbstverständlich recycelt, ganz im Gegensatz zu Kleidung: Sie landet tonnenweise im Müll. Warum Polyester-Blusen derzeit noch Baumwoll-T-Shirts vorzuziehen sind, erklärt eine Cambridge-Studie.
Von Claudia Pientka

Möhren gibt's nur noch vom Bio-Bauern, für jeden Flug wird bei Atmosfair Abbitte geleistet und die Designer-Lampe strahlt nur noch mit Energiesparbirnen. Vieles, das sich vor Jahren ins Bewusstsein der Konsumenten schlich, hat sich inzwischen zur Gewohnheit verfestigt. Nur bei der Mode schlug das grüne Gewissen noch nicht so recht Alarm. T-Shirts werden schon für fünf Euro verkauft, Jeans gibt's ab 25 und selbst falsche Pelzjacken kosten kaum mehr als 50 Euro. Bei solchen Preisen trennt man sich leicht von der Klamotte, sobald sie erst einmal aus der Mode ist. Gerade Jugendliche horten die spottbilligen Kleider von H&M, Pimkie und Co. - allerdings nur bis zur nächsten Saison. Weder Nachhaltigkeit oder Recycling spielen bei diesen Konsumgewohnheiten eine Rolle - und dies wird ökologisch immer mehr zu einem Problem.

Auch Kleidung, besonders die billige, trägt zum immer höheren Ausstoß von CO2 bei und damit auch zur Erderwärmung. Das hat zwei Gründe, wie die Studie "Well dressed?" ("Gut angezogen?") der Cambridge Universität enthüllt: Wie Billigklamotten gefertigt und wie sie später entsorgt werden. Die Autoren des Reports kommen zu dem Schluss, dass die Modeindustrie dringend Nachhilfe in Sachen Nachhaltigkeit braucht - ein Paradoxon für eine Welt, die alle sechs Monate neue Kollektionen über die Laufstege jagt.

Wiederverwertung meist ein Fremdwort

Mehr als eine Billion Dollar geben Menschen weltweit jedes Jahr für Kleidung aus, ein Drittel davon vershoppen West-Europäer, ein weiteres Drittel Nord-Amerikaner, etwa ein Viertel Asiaten. Den Löwenanteil tragen billige, maschinell gefertigte Klamotten, die Menge handgemachter, gar aus Naturmaterialien bestehender Ware schrumpft konstant, so die "New York Times". Allein Großbritannien wird jährlich von 3,25 Millionen Tonnen Klamotten geflutet, das macht etwa 55 Kilo Stoff pro Person. Doch im Gegensatz zu anderen industriell gefertigten Gebrauchsgegenständen wird Kleidung nur selten recycelt - wenn, dann meist als Secondhandware. Wirklich zurückgeführt in den Kreislauf werden die Rohstoffe nicht.

Wertvoller Rohstoff: Bisher ist Baumwolle energiesparend bei der Verarbeitung, weniger jedoch bei der Instandhaltung
Wertvoller Rohstoff: Bisher ist Baumwolle energiesparend bei der Verarbeitung, weniger jedoch bei der Instandhaltung
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Dabei wäre es durchaus denkbar, dass Menschen Kleider leasen, wie sie es auch mit Autos oder sogar Handtaschen tun. Am Ende des Monats oder der Saison könnten sie zurückgebracht und gegen andere Stücke umgetauscht werden, so hätten mehrere Menschen etwas von ein und demselben Stück. Ein Versuch, den die US-Firma Hanna Anderson bereits vor zehn Jahren unternahm: 20 Prozent Discount erhielten Kunden, die ihre gebrauchte Ware mit der neuen Bestellung zurückschickten. Nach zwei Jahren wurde der erfolglose Versuch gestoppt.

Die Vorzüge von Polyester

Zweierlei schlagen die Autoren der Studie vor, um die Bekleidungsindustrie nachhaltiger zu machen: Zum einen sollte mehr biologisch angebaute Baumwolle verwendet werden. Deren Herstellung ist zwar aufwendiger, aber die Cambridger wünschen sich ohnehin höhere Preise für Kleider. Das soll Käufer dazu animieren, weniger, aber dafür in besserer und langlebigerer Qualität zu kaufen.

Der andere Verbesserungsvorschlag befasst sich mit Polyester. Obwohl dieser Stoff aus Öl hergestellt wird und dabei relativ viel CO2 ausgestoßen wird, hat Polyester einen Vorteil im Gegensatz zu Baumwolle: Es verbraucht viel weniger Energie bei der Instandhaltung. Synthetische Kleidung muss weniger heiß gewaschen werden als Baumwolle und braucht oft nicht gebügelt zu werden. Sie trocknet schneller und strapaziert so seltener den stromfressenden Trockner. Sechzig Prozent der CO2-Emissionen eines Baumwoll-T-Shirts stammen aus 25 Wasch- und Trocknergängen, rechnet die Cambridge-Studie vor. Ein Umstand, den Konsumenten von Baumwolle oder gar Verfechter von Bio-Baumwolle meist nicht bedenken.

Einfach mal etwas kühler waschen

Die Autoren der Cambridge-Studie sind davon überzeugt, dass ein anderes Gebrauchsverhalten den Energieverbrauch bei der Kleidung deutlich reduzieren könnte. Allein die Wassertemperatur von 40 auf 30 Grad Celsius zu senken, bringe eine signifikante Ersparnis. Zudem wäre es wichtig, eine Technologie zu entwickeln, so die Studie, die Baumwolle weniger anfällig macht für Schweißgerüche. Aber insgesamt gebe es wohl nur einen Weg, Nachhaltigkeit in die Mode zu bringen: "Konsumenten müssten sich daran gewöhnen, weniger zu besitzen", sagt Dr. Julian Allwood, Mitautor der Studie, in einem Interview mit der "New York Times", "aber das lässt sich nur schwer vermitteln".

Wie wenig die Otto-Normal-Kunden noch diesen Aspekt beim Shopping bedenken, zeigt ein Blick auf die Wachstumszahlen global operierender Konzerne. Allein die schwedische Bekleidungskette Hennes&Mauritz, bekannt für Dumping-Preise und ein rasant wechselndes Sortiment, betreibt in Deutschland 304 Geschäfte - und baut konstant aus. Wollte man Kunden an ein anderes Einkaufsverhalten gewöhnen, müsste man in diesen Geschäften anfangen. H&M hat dies bereits getan: Im März führte der Bekleidungsriese eine Bio-Baumwoll-Kollektion ein, mit Kleidern, die ähnlich günstig sind wie das sonstige Sortiment.


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