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Balmain-Designer Olivier Rousteing Der Star hinter der H&M-Kollektion


Der 30-jährige Olivier Rousteing beherrscht das Spiel der modernen Modewelt - die angesagtesten Promis tragen seine Entwürfe, auch auf Instagram ist er ein Star. Wer ist der junge Designer von Balmain?

Was für ein Schnösel, denkt man erstmal. Wie er da so sitzt auf dem Podium einer großen PR-Agentur in New York. Mit Hut, zu engen schwarzen Hosen, das T-Shirt ausgeschnitten bis zum Bauchnabel. Das also ist der jüngste Star der Pariser Haute Couture. Olivier Rousteing. Immer wenn eine Kamera auf ihn gerichtet ist, saugt er die Wangen so komisch ein, damit sein Gesicht männlicher wirkt. 30 ist er. Wobei er aussieht wie 23. Wenn man dann auch noch weiß, dass seine beste Freundin (seine "Bestie") Kim Kardashian ist (die mit den vielen Fotos von ihrem Hintern), macht das die Sache nicht besser.

Es ist ein warmer Oktobermorgen. Für Rousteing beginnt der bislang größte Tag seiner Karriere. Dass er Chefdesigner des Modehauses Balmain ist, fand in der Fachwelt schon immer Beachtung, er bekam den Posten, da war er gerade 25. Heute aber wird H&M seine Kollektion vorstellen, die ab dem 5. November weltweit in den Filialen der Billigkette zu haben ist. H&M geht seit Jahren solche Kooperationen ein. Karl Lagerfeld war der erste, 2004, es folgten Stella McCartney, Roberto Cavalli. Doch was einst begann, um das H&M-Image aufzuhübschen, ist heute - umgekehrt - ein Ritterschlag für jeden Designer.

"Ältere können dich genauso enttäuschen"

In dem Saal mit der gewölbten Decke haben sich an die 150 vor allem weibliche Journalisten aus allen Teilen der Welt eingefunden. Es riecht wie kurz vor Weihnachten bei Douglas. Die aufwendigsten Stücke aus Rousteings Kollektion hängen hinter Glas. Darunter ein Kleid, das mit 250.000 Perlen bestickt ist. 500 Euro wird es im Laden kosten. Es ist die teuerste H&M-Kollektion aller Zeiten. Auch das eine Ehre für Rousteing. Der schwärmt von Miniröcken, taillierten Sakkos und Lederjacken. Und immer wieder wird er darauf angesprochen, dass er ja noch so jung sei. Irgendwann reicht es ihm. "Ältere können dir viel beibringen", sagt er. "Aber sie können dich genauso enttäuschen. Weil sie verbohrt sind, weil sie mit der Welt von heute nichts mehr zu tun haben. Weil sie mir Visionen aus einer Zeit erklären, die ich nicht einmal kenne."  Das klingt arrogant. Trotzig. Aber auch nach einem, der sich durchbeißen musste. Rousteing ist farbig, er ist schwul, und er wurde als Baby von einem weißen Ehepaar aus Bordeaux in Frankreich adoptiert. In der Schule beschimpften sie ihn als Bastard. "Deine Mutter ist eine Hure", sagten sie. Sein Vater, Chef des Hafens, wollte, dass sein Sohn Jura studiert. Ein Semester hielt Olivier durch, dann schmiss er hin. Die Erfahrungen seiner Kindheit hatten ihn gelehrt, dass es wenig bringt, auf andere zu hören. Selbst, wenn es der Vater ist. Und durch seine Hautfarbe wusste er, wie wichtig Äußerlichkeiten sind. "Gut angezogen zu sein war mein Weg, meine Identität zu zeigen."

Er ging nach Paris und studierte Mode. Seinen ersten Job bekam er bei Cavalli in Italien. Nichts Großes, Rousteing sorgte für Ordnung auf dem Schreibtisch von Chefdesigner Peter Dundas und verbrachte Stunden am Kopierer. Abends nahm er Dundas Zeichnungen mit nach Hause, studierte sie, lernte dazu. Als er 2009 zurück nach Frankreich ging und zu Balmain am Champs-Élysées wechselte, sah auch das noch nicht nach dem Beginn einer großen Karriere aus. Doch dann kündigte überraschend der Kreativdirektor. Rousteing hatte dessen erfolgreichen Stil wie kein anderer verstanden, und so entschloss sich das Modehaus seinen wichtigsten Posten einem Mann zu geben, der keine acht Jahre Berufserfahrung hatte.

"Prominente sind die Rettung der Mode"

Im der ersten Saison stiegen die Verkäufe um 25 Prozent. Rousteing war nicht nur wegen seines Talents ein Glücksgriff. Kaum einer bewegt sich so selbstsicher in den sozialen Netzwerken. Er postet Bilder, wie er morgens aufwacht, wie er arbeitet, wie er feiert. Vieles ist laut, provoziert - aber stets stilsicher. Fast anderthalb Millionen Menschen folgen ihm auf Instagram. Balmain ist dank ihm nicht nur schick, Balmain ist cool. R&B-Sängerin Rihanna, Jennifer Lopez oder der Kardashian-Jenner-Clan tragen Rousteings Entwürfe. Aber anders als es ein Lagerfeld machen würde, kleidet er die Stars nicht nur ein. Er ist mit ihnen befreundet, er lebt sein Leben genau so öffentlich wie sie, er ist mit ihrer Welt verschmolzen.

Es ist jetzt früher Nachmittag. Wall Street 23, ein prachtvoller Bau gegenüber der Börse. Rousteing steht nervös zwischen einer Reihe von Kleiderständern. In wenigen Stunden wird er seine H&M-Kollektion dem New Yorker Publikum präsentieren. Dutzende Models sitzen an langen Tischreihen vor riesigen Spiegeln, Visagisten und Stylisten wirbeln um sie herum. Für den Abend wird viel Prominenz erwartet. Im Publikum wie auf dem Laufsteg. Rousteing sagt: "Prominente sind die Rettung der Mode. Frauen wie Rihanna oder Kim erwecken die Entwürfe erst zum Leben. In den vergangenen Jahren wurde die ganze Modewelt immer irrealer. Die Models sahen alle gleich aus. Wie Kleiderbügel. Prominente bringen Vielfalt. Weil sie so unterschiedliche Charaktere haben, so unterschiedlich aussehen. Figur, Größe, Hautfarbe. Menschen, mit denen sich das Publikum identifizieren kann."

Die Show: der perfekter Rousteing-Zirkus

Am Abend eröffnet Kendall Jenner, eine von Rousteings "Besties", die Show. Über zwei Etagen erstreckt sich der Laufsteg, verbunden durch eine breite von unten beleuchtete Treppe. Jenner trägt ein prachtvolles perlenbesetztes Oberteil. Supermodel Gigi Hadid läuft im weißen Minikleid, die dunkelhäutige Maria Borges in knallrotem Samt. Schauspielerin Rosi Huntington ist unter den Gästen, Formel-1-Weltmeister Louis Hamilton, Sängerin Ellie Goulding. Sie alle tragen H&M. Es ist die perfekte PR. Der perfekte Rousteing-Zirkus.

Der schreitet am Ende der Show die beleuchtete Treppe hinab. Aber statt arrogant und selbstbewusst wirkt er verlegen und unsicher. Kurze Verbeugung, dann rettet er sich ins Publikum. Anschließend zerren ihn die Backstreet Boys noch einmal auf die Bühne. Sie singen: "Am I original? Yeah! Am I sexual? Yeah!" Doch Rousteing windet sich, duckt sich, flüchtet. Als ob ihm sein Applaus, der reale Ruhm Angst einjagt. Erst auf den Fotos, die er wenig später auf Instagram postet, ist Rousteing wieder ganz Rousteing.

Dieser Artikel erschien zuerst im stern 45/15


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