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Modelbusiness: "Die Mädchen werden immer jünger und dünner"

Den Traum vom Modeldasein träumen viele Mädchen, Erfolg haben jedoch nur die wenigsten. Eine, die sich seit zehn Jahren in der Modebranche behauptet, ist Margrieta Wever. Die gebürtige Holländerin hat ein Buch geschrieben, in dem sie Nachwuchsmodels Tipps und Tricks verrät, aber auch kritisch über die Branche spricht.

Frau Wever, Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel "Traumberuf Topmodel". Im Klappentext heißt es nicht unbescheiden "So wirst du Model". Sie selbst sind seit zehn Jahren im Geschäft. Wie lautet also das Erfolgsrezept?

Man muss es wirklich wollen. Auch wenn das Geld verlockend ist, der Job ist einsam, hart und sehr anstrengend. Man darf die ganze Branche nicht zu ernst nehmen. Es wird so viel geredet und getuschelt – da muss man Distanz wahren, aber die Jobs trotzdem sehr professionell angehen. Kritikfähig und wandelbar zu sein sind weitere wichtige Eigenschaften.

Das Pauschalrezept "So wirst du Model" gibt es also nicht. Was war Ihre Intention, das Buch zu schreiben?

Man sieht oft genug im Fernsehen Reportagen, wo Mädchen unnötig viel Geld für Shootings, Modelschulen und Catwalktrainer hinblättern. Ich habe das Buch geschrieben, um den Mädchen zu sagen, was Modeln bedeutet, wie sie dazu kommen und sich richtig bewerben. Ich verrate, was man in der Tasche haben sollte, wenn man zu einem Casting geht, was der Unterschied zwischen Casting und einem GoSee ist. Manche verfolgen den Berufswunsch schon sehr früh, andere entdecken erst Anfang 20, dass sie als Model arbeiten wollen. Ich finde, 22 ist die absolute Altersgrenze, um in das Modelbusiness einzusteigen. Später macht sich keine Agentur mehr die Mühe, in ein Mädchen zu investieren. Es sei denn, man ist außergewöhnlich hübsch, aber das gibt es nicht so oft.

Es sind subjektive Erfahrungen, die sie in dem Buch schildern. Sie selbst wurden 1995, im Alter von 17 Jahren, auf einer Messe von einem Modelscout angesprochen und dann recht schnell von der renommierten Agentur "Elite" unter Vertrag genommen. Sind die Ratschläge, die Sie in Ihrem Buch geben, noch aktuell? Hat sich die Branche in den vergangenen zehn Jahren nicht grundlegend verändert?

Ich arbeite nach wie vor als Model und ich denke schon, dass die Ratschläge, die ich gebe hilfreich sein können. Meine Idee war, wie eine große Schwester ein junges Mädchen an die Hand zu nehmen und ihm einen Einblick in die Modelwelt zu geben. Ich wollte nicht belehrend werden, sondern nur sagen: 'Pass da auf' und 'Achte hierauf', damit es möglichst gut läuft.

Sie hat damals niemand an die Hand genommen. "Sogar meine Agentur konnte mir nicht erklären, was auf mich zukommt", heißt es im Buch. Von wem hätten Sie sich mehr Rat und Unterstützung gewünscht?

Mit 17 kann man nicht einschätzen, welche Jobs die richtigen sind, für welches Shooting man als Model geeignet ist: Laufsteg oder Katalog, Werbung oder Magazin. Da ist man auf die Erfahrung der Agentur angewiesen.

Hat sich diese Situation in den vergangenen Jahren nicht noch verschlechtert anstatt verbessert? Die Modebranche ist immer schnelllebiger, kommerzieller und härter geworden. In kürzester Zeit werden immer mehr, immer jüngere und dünnere Models engagiert. Wie soll sich eine Agentur da um jede Klientin intensiv kümmern?

In den vergangen Jahren hat sich die Zahl der Models verdreifacht oder gar vervierfacht. Es kommen immer mehr Mädchen aus dem Ausland. Wir sind in Europa finanziell ziemlich verwöhnt. Ein Mädchen aus Brasilien hingegen, das an einem Tag soviel verdient wie ihr Vater in einem Monat, ist viel ehrgeiziger und wird sich viel mehr bemühen, den Job zu bekommen als ein deutsches Mädchen. Die Konkurrenz ist immer härter geworden: jünger, dünner, größer. Und man darf nicht vergessen, dass es auch Models gibt, die sich einer Schönheitsoperation unterziehen.

Im Fernsehen sucht Heidi Klum derzeit wieder "Germany's next Topmodel". Sehen Sie sich die Serie an und wenn ja, was halten Sie davon?

Ich finde die Serie durchaus realistisch, weil der Druck im Modelbusiness wirklich sehr groß ist, und die Kritik zum Teil sehr hart ausfallen kann. Ich selbst musste mir, obwohl ich schon splitterdürr war, auch Sätze anhören wie 'You’re a little bit out of shape, darling'. Die Mädchen in der Serie sind sehr jung und unerfahren und plötzlich steht dann Heidi Klum vor ihnen. Aber Fotoshootings mit einem Trampolin oder Bodypainting, wie in der vergangenen Staffel, die habe ich auch schon gemacht.

Wie schätzen Sie die Kandidatinnen von "Germany's next Topmodel" ein? Glauben Sie, dass die international als Model arbeiten können?

Einige sind wirklich hübsch, aber auch ziemlich austauschbar. Andere hingegen haben einen speziellen Look. Wenn sie offen sind und lernen, mit Kritik umzugehen, dann haben sie auch im Ausland gute Chancen, erfolgreich zu sein.

Essstörungen und Drogenmissbrauch sind zwei Vorwürfe, denen sich das Modelbusiness immer wieder stellen muss. Welche Erfahrungen haben Sie mit diesen Themen gemacht?

Es gibt schon Mädchen, die sehr hart dafür kämpfen, schlank zu bleiben und definitiv zu wenig essen. Zum Beispiel eine Kollegin, die sich in der Mittagspause einen Salat ohne Dressing bestellt und nur den trockenen Salat gegessen hat. Bei den Schauen in Paris oder Mailand herrscht ein enormer Druck. Es gibt Mädchen, die fliegen hoch wie eine Rakete von Null auf Hundert und die stürzen genau so schnell wieder ab. Meistens sind die Mädchen extrem jung und stehen unter dem Druck, immer schlank und fit sein zu müssen. Ich glaube, es besteht definitiv die Gefahr, wenn man in so einem Alter allein im Ausland ist, dass man mal zu Drogen greift. Ich hoffe nur, dass die Mädchen dann erwachsen und stark genug sind, zu sagen 'Ich brauche das nicht', denn Drogen machen einen kaputt und definitiv nicht hübscher.

Was raten Sie also jungen Mädchen, die Model werden wollen?

Ich rate jedem jungen Model, einen Schulabschluss zu machen. Das Abi mit 30 nachzuholen, ist sehr schwierig. Ich kenne keine, die das gemacht hat. Ich habe das Abitur gemacht und eine Ausbildung zur Kunstlehrerin angefangen. Die habe ich dann aber abgebrochen, da das Modeln einfach so viel Zeit in Anspruch genommen hat und ich viel gereist bin. Seit zwei Jahren studiere ich jetzt aber an der Akademie der Bildenden Künste in München und modele nebenbei noch immer. Der Beruf macht auch ein bisschen süchtig und unheimlich viel Spaß. Aber ich habe mittlerweile einen fast zweijährigen Sohn und das schränkt die Arbeit schon ein. Ich entscheide mich daher nur für die Jobs, de richtig Spaß machen, die sich finanziell lohnen oder eine schöne Reise beinhalten. Ich hoffe schon, dass ich den nächsten Jahren noch Modelaufträge bekomme.

Interview: Julia Mäurer