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Neil Boorman: "Ich habe jetzt viel mehr Sex!"

Kann ein Mensch im 21. Jahrhundert komplett ohne Marken leben? Neil Boorman hat es versucht. Und leidet nach einem Jahr ohne Gucci & Co. immer noch an Entzugserscheinungen. Stefanie Luxat sprach mit dem Briten.

London, ein Restaurant. Neil Boorman, 32, ist gekleidet wie der klassische Berlin-Mitte-Anwohner. Bemüht lässig. Schwarze Jeans - könnte von Acne sein. Graues T-Shirt - wahrscheinlich American Apparel. Weiße Stoffturnschuhe - Nike? Doch Neil Boorman, Lifestyle- und Markenexperte, trägt kein einziges Label. Das gehört zu seinem neuen Lebenskonzept. Seit einem Jahr lebt der Markenjunkie ohne seine Droge. Über seinen Entzug hat er ein Buch geschrieben ("Good bye, Logo", Econ). Neil Boorman ist nervös, wie die Welt darauf reagieren wird.

Kann es sein, dass Sie mich gerade sehr sorgfältig gemustert haben?

Das haben Sie gemerkt? Wie peinlich. Aber ja, Ihre Jacke ist von H&M, richtig? Die Tasche müsste von Bottega Veneta sein.

Ist Ihr selbst verordneter Entzug gescheitert?

Es ist unmöglich, sich anhand des Äußeren kein Urteil zu bilden. Aber im Vergleich zu früher verliere ich nicht mehr den Respekt vor jemandem, nur weil er die falschen Schuhe trägt. Mir ist es sehr peinlich, dass ich mal so war.

... und Sie immer noch ein wenig so sind.

Ich bin seit acht Jahren trockener Alkoholiker, aber ich denke auch darüber immer noch alle zehn Minuten nach. Genauso ist es mit dem Shoppen. Die meiste Zeit komme ich gut klar, aber ich habe auch schon heimlich Helmut-Lang-Shirts angefasst. Ich vermisse einfach die Selbstsicherheit, die mir diese Produkte früher gegeben haben. Das ist wie bei Frauen und ihren Beauty-Produkten.

Welches Ausmaß hatte Ihre Sucht denn?

Wenn ich nicht shoppen war, habe ich ständig daran gedacht. Und in meiner Wohnung standen überall Tüten mit noch nicht mal ausgepackten Einkäufen.

Und wann haben Sie beschlossen, dass das so nicht weitergeht?

Meine Freundin und ich lagen voriges Jahr an einem wunderschönen, einsamen Strand in Indien. Und plötzlich springe ich auf, greife meinen Blackberry und renne wie ein Bekloppter durchs Wasser, um ein Netz zu bekommen und Lacoste-Schuhe bestellen zu können.

Haben Sie sich in dem Moment zur Therapie entschlossen?

Ja, ich habe mir sechs Monate gegeben, um mich von den Produkten zu verabschieden, bevor ich sie verbrannt habe. Parallel dazu habe ich eine Psychotherapie angefangen. Das war eine schlimme Zeit.

Dass Sie all Ihre Luxusartikel im Gesamtwert von circa 21 000 Pfund öffentlich verbrannt haben, stieß auf großen Protest in England. Warum haben Sie das Geld nicht gespendet?

Ich habe das für mich getan und sonst niemanden. Diese Marken hatten mir so viel versprochen und nichts davon gehalten. Ich wollte sie zerstören und neu anfangen.

Was hatten die Ihnen denn versprochen?

Dass ich mit ihnen so glücklich, erfolgreich und hübsch werde wie die Menschen in der Werbung. In einer Stadt wie London sieht man um die 3000 Werbebotschaften pro Tag. Irgendwann wird man depressiv davon, dass man mit diesen perfekten Menschen nicht mithalten kann. Also versucht man, sich Glück zu kaufen.

Aber dann müsste doch fast jeder Mensch zum Kaufsüchtigen werden.

Laut der britischen Verbraucherzentrale haben eine Million Menschen in England ein krankhaftes Kaufverhalten. Und 80 Prozent der Engländer geben zu, regelmäßig ihren Etat zu überziehen. Es werden gerade sogar zwei Medikamente gegen krankhaftes Kaufverhalten entwickelt.

Was genau verbieten Sie sich denn jetzt seit einem Jahr? Alles, was ein Logo trägt?

Genau. Viele meiner Anziehsachen kommen von einer Firma, die sogenannte "virgin clothes" produziert, also ungelabelte Kleidung. Die sind sehr günstig, bevor sie an große Unternehmen verkauft werden und die ihre Logos aufdrucken.

Sie meiden zudem auch Markenlebensmittel und Kosmetika. Wie funktioniert das?

Die Lebensmittel versuchen wir auf dem Wochenmarkt und in Bioläden zu kaufen. Und die Kosmetikartikel stellen wir mit Rezepten aus dem Internet selber her.

Kaufen Sie auch keine DVDs oder CDs mehr?

Nein. Meinen Fernseher habe ich vor einem Jahr mitentsorgt. Seitdem haben meine Freundin und ich viel mehr Sex!

Bitte?

Früher haben wir vorm Fernseher gegessen und sind danach tot ins Bett gefallen. Heute haben wir einfach ständig Sex!

Haben Sie den Sinn Ihrer Aktion auch mal infrage gestellt?

Ständig. Immer wieder.

Ihr Telefon klingelt. Ist das etwa von Nokia?

Ja, leider. Ich bin von T-Mobile zu einem ethisch korrekten Anbieter gewechselt. Leider konnten die mir kein Telefon ohne Logo besorgen. Also schenkten sie mir eins, das sie selbst vor Jahren nach Afrika verschenkt hatten und das nun zurückkam, weil sie es dort auch nicht mehr brauchen. Das benutze ich jetzt. Sehen Sie, es hat nicht mal mehr ein richtiges Display.

Wie lange wollen Sie sich noch selbst kasteien?

Ich werde nicht in mein altes Leben zurückkehren. Ich bin nicht mehr so oberflächlich wie früher, nicht mehr so ängstlich, das Projekt ist für mich ein Erfolg.

Und jetzt wollen Sie andere missionieren?

Nein, nur Alternativen aufzeigen. Ich habe letztens ein Poloshirt für fünf Pfund gekauft. Für genau das gleiche hätte ich früher als Designerausführung 65 Pfund ausgegeben.

Hat Ihnen nie jemand gesagt, dass man auch ohne Luxusprodukte geliebt werden kann?

Nicht wirklich. Ich bin mit Margaret Thatcher aufgewachsen. Kapitalismus und Materialismus wurden damals zur neuen Ethik und Kultur.

Möchten Sie all den Markensüchtigen zum Schluss noch etwas raten?

Auf meiner Website www.brand-aid.info finden Sie Hilfe. Und wenn Sie das nächste Mal an der Kasse stehen: Gucken Sie das, was Sie kaufen wollen, an und fragen Sie sich "Brauche ich das wirklich?" Wenn Sie sich nicht ganz, ganz sicher sind, dann lassen Sie es doch einfach mal.

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