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New York Fashion Week: Edles Understatement

Auf der New Yorker Modewoche geht der Trend zum Retro-Look. Fühlte sich Marc Jacobs von den achtziger Jahren inspiriert, gingen andere Designer sogar bis in die Zwanziger zurück.

Der gefragte Designer Narcisco Rodriguez zeigte am Dienstagabend bei der New Yorker Modewoche, dass Understatement äußerst edel ist. Schwarz und Weiß dominierten bei seinen Ideen für die kommende Herbst- und Winterkollektion, die Ausschnitte blieben bedeckt. Er experimentierte gleichzeitig mit Accessoires in knalligen Farben wie zum Beispiel fuchsia-farbenen Veloursleder-Stiefel in Knöchelhöhe, die eher strengere Hosenanzüge aufmöbelten. Hotel-Erbin Paris Hilton saß bei Rodriguez zusammen mit ihrem Chihuahua Tinkerbell in der ersten Reihe.

Marc Jacobs ging mit seinem Label "Marc" in die 80er Jahre zurück: Weite Jeanshosen, Ballonröcke, Parkas in fluoreszierenden Farben und Abschlussballkleider in Taftstoffen. Er liebt es, seine Kundinnen in schräg getragene Schichten zu kleiden, wie zum Beispiel eine Satin-Jacke über einen weiten Pullover oder ein gestreiftes Kleid zu einem Schal mit Bommeln, langen Kniestrümpfen und hohen Veloursleder-Stiefeln.

Tor zur Vergangenheit

Viele amerikanische Designer ließen sich von der Vergangenheit inspirieren. Sozusagen um auf Nummer sicher zu gehen. Staatsdefizite kaschieren sich bestens, indem die glorreiche New Yorker Boomzeit der 20er und 30er Jahre á la F. Scott Fitzgerald heraufbeschworen wird. Donna Karan beispielsweise lud ihre Gäste in die Lounge des Algonquin Hotels ein, ein legendärer Treffpunkt für Literaten. Dort hatte sie Mannequins in grauen Flanell-Kleidern mit grünem Tüll zur Begrüßung drapiert, andere räkelten sich auf Sofas und Couchtischen in weichen Samtjacken und silbernen Tops, dekoriert mit Pailletten im Art-Deco-Stil.

Auch Max Azria hatte sich für sein Label BCBG von dem britischen Literaten-Zirkel Bloomsbury-Gruppe des Londons des beginnenden zwanzigsten Jahrhunderts inspirieren lasen. Er schlug vor, Westen und Jacken über Mieder anzuziehen, kombinierte bestickte Mäntel mit Hemdkleidern und steckte schmal geschnittene Hosen in Stiefel aus Veloursleder. Die Französin Catherine Malandrino, die in New York lebt, hatte für ihre Kollektion die literarische Boheme im Kopf, wo bei einem Glas Absinth über das Leben philosophiert wird. Dafür lieferte sie lange Jacken aus kuscheliger Angorawolle, Tops mit Rüschen und Baumwollkleider mit Lochstickerei.

Spiegel der Zarenzeit

Der aktuelle Krieg und drohende Terroranschläge lassen sich dagegen am besten mit Reminiszenzen an die Zarenzeit und die russische Revolution vergessen, wie es die Kollektionen von Diane von Furstenberg, Cynthia Steffe und Oscar de la Renta zeigten. Schwere Brokatstoffe, die direkt von den Vorhängen am Hof von St. Petersburg entwendet sein könnten, verarbeitete Diane von Furstenberg zu schmalen Hosenanzügen. Breite goldene Gürtel an halblangen Mänteln mit schwingenden Rockschößen von Cynthia Steffe erinnerten an feurige Kosaken. Und direkt aus "Doktor Schiwago" entstiegen schien ein tiefgrüner Mantel mit einer doppelten Reihe Goldknöpfen und Pelzbesatz am Saum von Mode-Zar Oscar de la Renta, der auch First Lady Laura Bush einkleidet.

Eine feine Auswahl an Mänteln für die kommende Herbst- und Winterkollektion seines Labels "Wunderkind" hat der Designer Wolfgang Joop bei der New Yorker Modewoche präsentiert. Großzügiger Pelzbesatz an den Krägen, überdimensionale Knöpfe oder auch ganz auf Figur geschnittene Samt-Mäntel setzten am Donnerstag Akzente. Die weit schwingenden Rocksäume enden bei "Wunderkind" genau am Knie. Beeindruckend war ein bodenlanges goldenes Abendkleid. Seine Models, darunter auch der deutsche Nachwuchs Julia Stegner aus München, hatte Joop kaum schminken lassen und in weiße Strumpfhosen gesteckt, die er mit weißen Pumps kombinierte.

Debütantinnen bei Joop

"Ich habe die Kollektion 'Dandys and Debütanties' genannt. Es sieht so ein bisschen aus, als ob ein kleines verwöhntes Mädchen zum ersten Date aus dem Haus rast und man sieht unter dem Mantel ein bisschen Spitze hervorlugen", erzählte Joop vor der Präsentation. "Ich mag Leute oder Mode nicht, die so archiviert wirken. Stilistisch sind in jedem Outfit ganz feine Brüche, und ich versuche einen schmalen Grat zu gehen zwischen visionär und tragbar", sagte der Designer. Jenny Elvers-Elbertzhagen, für die Joop auch das Hochzeitskleid entworfen hatte, und Jessica Stockmann saßen bei "Wunderkind" in der ersten Reihe.

Wirklich revolutionär, im modischen Sinne, kamen dagegen die Entwürfe von Marc Jacobs daher. Er zeigte am Montagabend nach eineinhalb Stunden Wartezeit in der voll besetzten New York Armory eine wahrhaft voluminöse Kollektion: Aufgebauschte Mäntel und Kleider mit hoch angesetzten Taillen und Röcken, die bis weit über das Knie reichten. Dass diese Silhouette für fast jede Frau unvorteilhaft daherkommt, ließ sich sogar an den überschlanken Models erkennen, die beinahe in der Stofffülle versanken. Tragbarer waren die Krepp-Kleider und auf Hüfte geschnittenen Pullover mit großen Blockstreifen. Pop-Sängerin Beyoncé mit ihrem Freund, dem sichtlich gelangweilten Hip-Hop-Musiker Jay-Z, saß in der ersten Reihe. Auch Hollywood-Schauspielerin Uma Thurman stellte sich dem Blitzlicht-Gewitter der Fotografen.

Mut zu übermütigen Designs gab es wenig. Akzente setzen da auffallenderweise internationale Designer wie das australische Duo Sass & Bide, die interessante Variationen für den Poncho boten und schokobraune Stoffe mit gelben Akzenten in Szene setzen. Auch die brasilianische Ausnahmeerscheinung Alexandre Herchcovitch, der auf Rokoko-Art munter verschiedene Lagen und Stoffmuster aufeinander häufte, bot eine erfrischende Pause von all der amerikanischen Nostalgie. Erwartet werden auf der Modewoche, die bis Freitag läuft, noch rund 30 Kollektionen, unter anderem von Anna Sui, Wolfgang Joop ("Wunderkind"), Calvin Klein, Diesel und Ralph Lauren. Die Modenschauen gehen am Freitag mit der Debüt-Kollektion von Jennifer Lopez zu Ende.

DPA / DPA